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USA: Fünf Millionen gemeldete Corona-Infektionen seit Beginn der Pandemie
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USA

22.07.2020

New Yorks Angst vor der zweiten Corona-Welle

Leben im Schwebezustand: Einwohner von New York im Domino Park.
Bild: Wang Ying/XinHUa, dpa

Plus Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo möchte nicht noch einmal die Corona-Hölle erleben. Warum er geplante Lockerungen wieder zurückgenommen hat.

Die Kreuzung von Lenox Avenue und 125th Street war schon immer das hektisch pumpende Herz von Harlem, und der Befall mit dem Coronavirus hat der Kraft des New Yorker Stadtteils nicht das Geringste anhaben können. Wer heute die Straße überquert, spürt durch nichts mehr, dass das Leben hier vor Wochen krachend zum Stillstand gekommen war. An der Ecke gibt ein Rapper für eine Traube von Passanten, die dankbar zum Beat wippen, seine Kunst zum Besten. Die afrikanischen Straßenhändler verkaufen wie immer ihre Duftessenzen und Tücher, und die Tische der Restaurants rund um die Kreuzung sind schon am Nachmittag voll besetzt. Im Gewusel des Fußgängerverkehrs ist an Social Distancing kaum zu denken.

Und doch liegt etwas in der Luft. Die Zahlen sagen, New York habe das Schlimmste überstanden. Aber ist das wirklich so? Fakt ist: Bei den verantwortlichen Politikern ist die Angst zurückgekehrt.

In Harlem ist das Leben wieder zurückgekehrt

Jan Madembo genießt es erst mal, dass in Harlem, dem „Mekka des schwarzen Amerika“, wie das Viertel sich selbst gerne nennt, das Leben zurückgekehrt ist, mehr als vielleicht irgendwo anders in der Stadt. Die aus Zimbabwe stammende Journalistin lebt seit mehr als 20 Jahren im Zentrum von Harlem und ist an diesem Tag unterwegs, um Besorgungen zu machen und sich in der Menge zu verlieren. „Ich war in der ganzen Stadt unterwegs, aber die Straßen sind nirgendwo wieder so lebendig wie hier.“

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Im Zentrum von Manhattan beispielsweise, rund um den Times Square, ist von Normalität noch keine Spur. Die Seitenstraßen, wo sich vor dem Ausbruch des Virus abends die Menschen an den Theaterkassen drängelten, um eine Broadway-Show zu sehen, bleiben quasi ausgestorben. Die großen Kaufhäuser an der Fifth Avenue sind zwar offen, aber weit gehend leer. Die Verkäufer stehen gelangweilt und verloren in den riesigen Hallen.

New York befindet sich in einem eigenartigen Zwischenzustand. An vielen Ecken hat man das Gefühl, dass die sprichwörtliche New Yorker Energie sich rührt und der Stadt ihren unverkennbaren Rhythmus zurückgibt. An anderen Stellen drängt sich der Eindruck auf, dass die Metropole vielleicht nie mehr dorthin zurückkehrt, wo sie vorher war. Nachdem New York zunächst unter allen Gegenden der USA von der Corona-Krise am härtesten getroffen worden war, haben umsichtige Politiker wie Gouverneur Andrew Cuomo den Staat zum Musterbeispiel der Virenbekämpfung gemacht. Nach anfänglichem zögerlichen Verhalten ist man entschieden und konsequent vorgegangen und öffnet die Stadt nur behutsam wieder für den Betrieb.

Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, trägt während einer Pressekonferenz einen Mundschutz.
Bild: Mark Lennihan/AP, dpa

Mehr als 18.000 Menschen starben in New York durch Corona

Hier haben mehr als 18.000 Menschen in Zusammenhang mit Covid-19 ihr Leben verloren. Vor zwei Wochen nun feierte die Stadt den ersten Tag seit Mitte März, an dem kein einziger New Yorker am Coronavirus sterben musste. Cuomo hat deshalb Lockerungen erlaubt. Seit Anfang Juli können sich die Bewohner wieder die Haare schneiden lassen und zum Zahnarzt gehen. Die Strände der Stadt sind offen, es darf in den Parks wieder Football und Basketball gespielt werden. Auch am Dienstag gab es in New York City keinen einzigen Corona-Toten und im gesamten Bundesstaat auch „nur“ zwei. Zu Hochzeiten starben in New York an die 800 Menschen am Tag.

 

Dabei hält sich Cuomo, anders als Gouverneure in Staaten wie Florida, Texas und Arizona, strikt an die Empfehlungen der Seuchenbekämpfungsbehörde CDC. Immer wieder betont der demokratische Politiker, der sich in der Krise durch Ruhe und Nüchternheit hervorgetan hatte, dass er seine Handlungen von der Wissenschaft leiten lässt und nicht von der Politik.

Andernorts in den USA ist das nicht so. In manchen republikanischen Staaten wird die Öffnung heftig vorangetrieben, obwohl die Infektionszahlen wieder enorm steigen. Washington versucht derweil die CDC stillzustellen. Kürzlich ordnete das Weiße Haus an, dass die Kliniken ihre Daten nicht an die zuständige Behörde schicken, sondern direkt ins Machtzentrum des Präsidenten. Außenminister Pompeo verkündete, Schulen im ganzen Land sollten sich nicht von CDC-Empfehlungen daran hindern lassen, im Herbst wieder zu öffnen.

In New York geht man die Lockerungen langsam an

New York kündigte dagegen an, die etwa 1800 Schulen der Stadt im Herbst nur für einen bis drei Tage pro Woche zu öffnen. Der Plan gilt als kluger Kompromiss zwischen den Notwendigkeiten der Corona-Bekämpfung und den Bedürfnissen der Schüler, von denen viele allein wegen der Mahlzeiten auf die Schule angewiesen sind. Auch die Büros in den Wolkenkratzern von Midtown durften lediglich mit eingeschränkter Kapazität wieder den Betrieb aufnehmen. In vielen Lobbies wird die Temperatur der Mitarbeiter gemessen, an den Aufzügen bilden sich Schlangen, weil nur drei Leute auf einmal in die Kabinen steigen dürfen. Die meisten Firmen lassen die Angestellten nur ins Büro kommen, wenn es unbedingt nötig ist.

Das Metropolitan Museum will Ende August wieder öffnen.
Bild: Vanessa Carvalho/ZUMA Wire, dpa

Die Lage bleibt fragil. So fragil, dass Cuomo nun geplante weitere Lockerungen wieder einkassiert hat. Eigentlich hätten in dieser Woche unter anderem Museen und Innenbereiche von Lokalen geöffnet werden sollen. Doch genauso wie Shows am Broadway und andere Aktivitäten in Innenbereichen liegt das erst einmal auf Eis. Die Angst vor der zweiten Welle nimmt zu.

Das Problem ist: In weiten Teilen der USA steigen die Infektionszahlen teilweise deutlich, vor allem in Bundesstaaten im Süden und Westen. Deshalb geht man in New York davon aus, dass die Stadt als Finanzzentrum und Knotenpunkt das Virus nicht dauerhaft wird aussperren können. Also greift Andrew Cuomo zu neuen drastischen Maßnahmen. Er weitet die Beschränkungen für Reisende aus dem Rest der USA auf nun 31 der 50 Bundesstaaten aus. Gäste aus zehn weiteren Regionen müssen künftig bei der Ankunft in New York für 14 Tage in Quarantäne gehen. Wer sich dem verweigert, riskiert eine 2000-Dollar-Strafe.

New Yorks Gouverneur Cuomo: "Es ist dumm, was ihr tut!"

Erschwert wird die Lage dadurch, dass sich immer mehr vor allem jüngere Bewohner der Millionenmetropole nicht mehr an die Corona-Regeln halten. So sollen am vergangenen Wochenende etwa 800 junge Erwachsene eine Party am Strand von Long Beach gefeiert haben. Bilder zeigen nur wenige Personen mit Schutzmaske, die Polizei griff nach eigenen Angaben nicht ein, um die Situation nicht eskalieren zu lassen, hatte es zuvor doch schon Flaschenwürfe auf Polizeiautos gegeben. Auch im Stadtteil Queens wurden Menschenmassen auf den Straßen gesehen, die dicht aneinander gedrängt tanzten.

 

Gouverneur Cuomo platzte daraufhin der Kragen. Erst schimpfte er in Richtung Partygänger: „Es ist dumm, was ihr tut!“ Am Dienstag legte er nach: „Die Restaurants und Bars, die junge Leute zum Zusammenkommen ermutigen, drohen uns in die Hölle zurückzubringen, die wir vor drei Monaten erlebt haben“, sagte er.

Vielen New Yorkern droht die Obdachlosigkeit

Gleichzeitig sind da die wirtschaftlichen Nöte. Schon die ersten Lockerungen kamen für viele New Yorker zu spät. Während sich in vielen Teilen der USA der Arbeitsmarkt erholt hat, sind die Statistiken in New York weiterhin finster. Seit Wochen liegt die Arbeitslosigkeit bei um die 20 Prozent. Bei vielen derer, die keine Arbeit mehr finden, wird in diesen Tagen die Lage ernst. Ende Juli läuft die Arbeitslosenhilfe des Bundes von 600 Dollar in der Woche aus. Gleichzeitig endet für New Yorker Ende des Monats der temporäre Schutz gegen Zwangsräumungen. Nach Erkenntnissen des Wirtschaftsmagazins Bloomberg Businessweek ist ein Viertel der New Yorker Mieter mit drei Monatsmieten oder mehr im Verzug. Vielen von ihnen droht nun die Obdachlosigkeit, auch wenn der Gouverneur eine neue Mietbeihilfe angekündigt hat.

Julio Pena aus der Bronx etwa weiß nicht, wie es für seine Familie weitergehen soll. Sein Vater, der in einem Supermarkt gearbeitet hat, ist an dem Virus gestorben. Er selbst hat seine Arbeit verloren. Nun lebt er allein mit seiner Großmutter in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der South Bronx. Seit April konnte er keine Miete mehr bezahlen und der Vermieter hat ihm bereits eine gerichtliche Verfügung zugestellt.

Den Immobilienbesitzern kann derweil selbst eine Welle von Zwangsräumungen nur begrenzt helfen. Nun befürchten viele ähnliche Zustände wie in den 70er Jahren, als Vermieter ihre Anwesen verwahrlosen ließen und somit eine Verslumung von Bezirken wie Harlem und Bronx auslösten.

Mit dem Coronavirus legte das Gewaltpotenzial in der Stadt zu

Schon jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, dass die schlimmen alten Tage jener Epoche wiederkehren könnten. Rund um das Feiertags-Wochenende des 4. Juli erlebte die Stadt einen enormen Ausbruch an Gewaltverbrechen mit zehn Toten. Im Juni gab es in New York 205 Schießereien, so viele wie seit 1996 nicht mehr. Überhaupt hat mit Ausbruch des Coronavirus das Gewaltpotenzial enorm zugelegt. Bürgermeister Bill de Blasio sagt: „Da draußen läuft was falsch.“ Solche Exzesse hat es zuletzt in den 1980er Jahren gegeben.

Seit dem tödlichen Wochenende rund um den 4. Juli schieben sich Politik und Polizei gegenseitig die Schuld zu. Infolge der Proteste gegen Polizeigewalt im Land fühlen sich die Ermittler von der Politik an die Leine gelegt. New Yorker Politiker wie der Stadtverordnete Rory Lancman wiederum wirft der Polizei vor, aus Trotz ihren Job nicht ordentlich zu erledigen. „Wenn der Polizeichef es nicht schafft, ohne exzessive Gewalt Ordnung zu halten, dann muss er ausgetauscht werden.“

 

Der Ärger der Polizei richtet sich aber auch gegen den Beschluss des Bürgermeisters, das Polizeibudget um eine Milliarde Dollar zu kürzen. Bürgermeister de Blasio begründet die Maßnahme mit dem enormen Haushaltsdefizit der Stadt infolge des Virus – im Stadtsäckel fehlen rund neun Milliarden Dollar. Es scheint offensichtlich, dass er auch dem öffentlichen Druck nachgegeben hat, die Macht der New Yorker Polizei zu brechen.

Und doch haben die Bewohner trotz all dieser Probleme nicht die Lust an ihrer Stadt verloren. Der Blogger und Schriftsteller Jeremiah Moss beispielsweise genießt den Sommer ohne Touristen. Beispielsweise liebt er es, dass er wieder ungestört über die Brooklyn Bridge laufen kann. „Endlich gehört New York wieder den New Yorkern“, sagt er.

Das dürfte noch eine ganze Weile so bleiben. (mit anf)

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