1. Startseite
  2. Panorama
  3. Obdachlos und angezündet: Die neue Gewalt in Berlin

Brandanschlag

23.08.2018

Obdachlos und angezündet: Die neue Gewalt in Berlin

Der S-Bahnhof Schöneweide in Berlin: Hier hat ein Mann vor einem Monat zwei Obdachlose angezündet.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Zwei Obdachlose legen sich in Berlin schlafen, ein anderer übergießt sie mit Benzin. Über den harten Kampf auf der Straße und die Angst, die immer da ist.

Der Ort, an dem Lothar und Andy angezündet wurden, ist kein schönes Fleckchen. Und das nicht erst seit dem 22. Juli – dem Tag, an dem der Bahnhof Schöneweide bundesweit in die Schlagzeilen geriet. Das Gebäude im Südosten Berlins ist ein in die Jahre gekommener Bau aus verblasstem Backstein, drinnen ein verwahrlostes Gerippe aus rostigem Stahl, geflieste Wände in Matt-Grün. In der Bahnhofshalle mischt sich der Gestank von Müll mit dem von Urin. Holzbretter ersetzen kaputte Fensterscheiben. Und an den Wänden Plakate, auf denen steht: "Sauberkeit macht glücklich".

Für Lothar und Andy ist der Bahnhof Schöneweide ihr Zuhause. Und, wenn man so will, der Vorplatz ihr Wohnzimmer – der Ort, an dem die beiden Obdachlosen sich meist aufhielten, an dem sie in jener Nacht des 22. Juli Karten spielten. Dann legten sie sich schlafen – nicht ahnend, was passieren sollte.

Tage später hat die Polizei einen 47-jährigen Deutsch-Russen festgenommen, der auf Bildern von Überwachungskameras zu sehen war. Er soll mit einem der beiden Obdachlosen in einen heftigen Streit geraten sein, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Polizei griff ein, schickte den Mann weg. Stunden später soll er mit einem Kanister zum Bahnhof zurückgekommen sein, Benzin über die schlafenden Männer gekippt und sie angezündet haben. Passanten löschten das Feuer. Hass auf Obdachlose oder eine rechtsextreme Tat schließen die Ermittler aus.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Warum werden Menschen angezündet, die schutzlos auf der Straße liegen? Und vor allem: Was läuft da schief in Berlin?

Denn es ist ja nicht der erste Fall dieser Art. Am Weihnachtsabend 2016 zünden sechs Jugendliche einen schlafenden Obdachlosen im U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg an. Nur durch das Eingreifen von Passanten kann er gerettet werden. Seitdem sind vier solcher Angriffe auf Wohnungslose in Berlin registriert worden. Und die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

Der Täter ist selbst ein Obdachloser, glaubt man hier

Nach dem Anschlag haben Anwohner in Schöneweide eine Mahnwache organisiert. 150 Menschen kamen, brachten Blumen, schrieben Sprüche auf Schilder. "Solidarität mit den Betroffenen", steht in großen Buchstaben auf einem. Und: "Armut ist kein Verbrechen!"

Einen Monat später ist so etwas wie Ruhe am Bahnhof Schöneweide eingekehrt. Die Obdachlosen sind geblieben. Am Fahrstuhlschacht, wo Lothar und Andy schliefen, sind noch Rußspuren zu sehen und die weißen Flecken, die der Feuerlöscher hinterlassen hat. Die Sonnenblumen, Chrysanthemen und Rosen, die Passanten abgestellt haben, sind von der Hitze gezeichnet. Kein Wunder, wo die Sonne dieser Tage schon vormittags Löcher in den Asphalt brennt. Juri Schaffranek weiß, dass das Leben der Obdachlosen in diesen Tagen noch härter ist. Er arbeitet als Streetworker für den Verein Gangway. "Bei der Hitze und durch den Alkohol ist das Aggressionspotenzial untereinander einfach höher", sagt er. Der Brandanschlag habe viele hier geschockt – erst recht, weil man davon ausgehe, dass der Täter selbst aus der Obdachlosenszene stammt. "Die Angst vor einem Übergriff ist immer da."

Wer die Straße sein Zuhause nennt, der erlaubt auch früher oder später Gewalt. Svetlana Krasovski weiß das. Seit zehn Jahren leitet sie die Ambulanz der Stadtmission unweit des Berliner Hauptbahnhofs. Jeden Tag sieht sie Leute, die Gewalt erleiden, die beleidigt und bespuckt, angepöbelt, verprügelt oder beraubt wurden. Neulich kam ein Mann, der am Alexanderplatz schlief, als ihm Menschen gegen den Kopf traten. "Gewalt gab es immer. Aber heute wird es nur sichtbarer", sagt Krasovski.

"Soldarität mit den Betroffenen": Die Menschen in Schöneweide haben Blumen gebracht und Geld für die Obdachlosen gespendet.
Bild: Philipp Kiehl

In der Berliner Kriminalstatistik ist von 272 Obdachlosen die Rede, die im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt wurden – ein Plus von fünf Prozent. Auch bundesweit steigt die Zahl der registrierten Taten – von 258 im Jahr 2012 auf zuletzt 592, wie das Bundeskriminalamt aufführt. Und vieles spricht dafür, dass es noch mehr sind. "Häufig ist die Scham, solche Vorfälle zur Anzeige zu bringen zu hoch", sagt Krasovski. Die Gefahr, dass man sich auf der Straße wieder begegnet, sei groß.

Schätzungen zufolge sind in Berlin etwa 6000 Menschen obdachlos, etwa 37.000 Wohnungslose leben in städtischen Notunterkünften. Und es werden immer mehr. Der Konkurrenzkampf auf der Straße, sagen manche, wird härter. Menschen aus Osteuropa, die sich hier bessere Verhältnisse erhoffen, andere auf der Suche nach Arbeit und Glück, die scheitern und verelenden – Alkohol, Drogen, Obdachlosigkeit.

Oben rauscht die S-Bahn vorbei. Unten, vor dem Bahnhof Schöneweide, sitzt ein Mann auf einem Klappstuhl im Schatten. "Küntike" nennt er sich, erzählt, er sei Andys Halbbruder. Seit jener Nacht vor einem Monat kommt er jeden Tag hierher, wo Andy und Lothar lebten. Und jeden Morgen besuche er seinen Bruder im Unfallkrankenhaus Berlin, wo er im Zentrum für Schwerbrandverletzte liegt. 30 Prozent der Körperoberfläche seien verbrannt, die Lunge habe schwere Schäden erlitten, sagt eine Sprecherin. Daher habe man den 47-Jährigen in ein Schutzkoma versetzt.

Wo Lothar gerade ist, kann keiner sagen

Lothar konnte das Krankenhaus nach gut einer Woche verlassen. Er ist schon wieder an seinen Schlafplatz zurückgekehrt – mit leichten Verbrennungen an der Hand, einem bandagiertes Knie, Wunden im Gesicht. Andere Obdachlose und Passanten haben geklatscht, als er nach Schöneweide kam. Jetzt hängen Decken auf einem Absperrgitter. Alles Lothars Sachen, sagt Küntike. Und dass er nicht versteht, warum der 62-Jährige zurückkam – nach allem was war. "Der ist ja nicht ganz richtig", sagt Küntike und wischt mit der Hand vor seinem Gesicht herum. Wo Lothar gerade ist, kann eh keiner so genau sagen. Seit ein paar Tagen hat man ihn nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich hole er einen neuen Wohnungslosenausweis, der alte ist verbrannt, meint Küntike. Es heißt, Sozialarbeiter hätten ihm ein Zimmer in einer Obdachlosenunterkunft besorgt. Sein Streetworker sagt, Lothar sei untergetaucht.

Für Küntike sind es schwere Tage. Er kann nicht länger als zwei Stunden schlafen. Wegen der Sorge um Andy. Wegen dem, was passiert ist. Er lebt mittlerweile in einer kleinen Wohnung in Neukölln, will nicht mehr auf die Straße zurück. Trotzdem kann er seinen Bruder nicht allein lassen – genau wie vor zwei Jahren, als sie noch gemeinsam auf der Straße lebten, gemeinsam den Winter durchlitten. Einige Passanten werfen Geld in eine Schale, andere bleiben kurz stehen. "Jetzt kommen sie alle", sagt Küntike und kratzt sich missmutig den grauen Bart. Das Geld, das er sammelt, soll zwischen Andy und Lothar aufgeteilt werden. Er steht auf, geht zum Einkaufswagen, in dem er sein Proviant verstaut. Dann mischt er Rum mit Cola. Zwei Drittel Rum, eines Cola. "Es hilft ja nichts", haucht er durch die breite Zahnlücke.

Schöneweide war einst ein Arbeiterbezirk in der DDR, geprägt vom Elektrokonzern AEG, der Schwermetallindustrie und dem Militär. Arbeit gab es im Drei-Schicht-System. Nach der Wende schlossen die Fabriken, die Arbeitslosigkeit stieg und mit ihr die Resignation. "Die Menschen hat man links liegen gelassen", sagt ein Taxifahrer, der hier aufgewachsen ist. Stämmige Statur, kurz geschorene Haare, prüfender Blick. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Er sieht, was hier los ist, wenn er abends auf Kundschaft wartet. "Nachts kommen die Ratten", sagt er. Obdachlose? Die habe es in der DDR nicht gegeben. Viel eher müsste man die Leute beschäftigen, ihnen Arbeit geben.

Eine Frau zieht die Hose aus und bietet sich für Sex an

In der Hauptstadt macht der Bahnhof seit Jahren Schlagzeilen. "Schöneweide? Besser nicht aussteigen", titelte der Tagesspiegel. "Der marodeste Bahnhof in ganz Berlin" schrieb die B.Z. Seit vier Jahren ist geplant, das Gebäude samt Vorplatz zu sanieren. Ein 45-Millionen-Euro-Projekt, das 2021 fertiggestellt sein soll. Der Taxifahrer hat genug von der Baustelle – und vom Elend, das sich ihm täglich hier aufdrängt. Von den Menschen, die sich hinter dem Bauzaun übergeben. Von immer mehr Obdachlosen aus Polen und Rumänien. Von der Verrohung. "Die zum Beispiel", er zeigt auf eine Frau mit zerzaustem Haar. "Die zieht manchmal einfach die Hose runter und bietet sich für Sex an."

Eine halbe Stunde weiter, im Westen der Stadt, wachsen Bürogebäude in den Himmel. Mitten drin die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. Dieter Puhl – weißes Hemd, kurze Hose – lässt sich schwungvoll in seinen Bürostuhl fallen. Der 61-Jährige nimmt sich Zeit, obwohl er täglich jongliert zwischen Großprojekten wie dem Ausbau der Bahnhofsmission, den Nachrichten, die ihn von Hilfesuchenden ereilen und der Arbeit in der Bahnhofsmission. Jeden Tag werden dort bis zu 700 Menschen versorgt. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Seit drei Jahren ist ein Hygienezentrum für Obdachlose, das größte dieser Art in Europa, in Betrieb. Die Bahnhofsmission wird gerade erweitert, die Bahn hat Räume zur Verfügung gestellt – 25 Jahre mietfrei. Puhl sammelt Spenden für den Umbau, 500.000 Euro fehlen noch. Es soll Räume entstehen für Seminare, Ausstellungen und Therapien. Schülergruppen und Firmen sollen hier einen Tag verbringen können – und etwas lernen.

Draußen, vor der Mission, stehen etwa 50 Männer und ein paar Frauen, Jüngere und Ältere, Rollstuhlfahrer. Puhl kennt viele von ihnen. Und auch die Geschichten hinter der verschlissenen Kleidung und blutunterlaufenen Augen. Manchmal erfährt er mehr, was dahinter steckt. Gewalt gegen Obdachlose? "Wenn eine Frau in der Mission steht, der das Blut die Beine runter rinnt", das sei Gewalt. Oder die "Fähigkeit der Menschen, das Elend zu sehen, aber nichts anzustellen". Aber auch, wenn Politiker ein Zeltlager von Obdachlosen räumen, wie es im vergangenen Jahr im Tiergarten passiert ist, um Stärke und Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Über Jahre, sagt Puhl, habe die Politik nicht gehandelt, die Versorgung für Obdachlose nicht verbessert. Eine Kritik, die auch von Svetlana Krasovski kommt. Die Zusammenarbeit mit der Stadt verläuft schleppend, die bürokratischen Hürden hoch, sagt sie. Ein gesamtstädtisches Konzept, das alle Hilfsorganisationen an einen Tisch bringt, wird erst erarbeitet – aber das dauert.

Am Mittwoch Nachfrage im Krankenhaus. Andy liegt noch immer im Schutzkoma und wird intensivmedizinisch behandelt. Wo Lothar ist? Schwer zu sagten. Fragt man Puhl, was seine größte Befürchtung nach dem Brandanschlag von Schöneweide ist, sagt er: "Dass Opfer und Täter Freunde waren."

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Brandspuren sind nach dem Angriff auf zwei Obdachlose am Cajamarcaplatz am S-Bahnhof Schöneweide am abgesperrten Tatort zu sehen. Foto: Britta Pedersen
Berlin

Brandanschlag auf Obdachlose in Berlin: Polizei nimmt 47-Jährigen fest

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket