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Prozess gegen Ex-Pfleger
06.06.2019

1275 Jahre Schuld: Niels Högel zu lebenslanger Haft verurteilt

Niels Högel muss lebenslang in Haft.
Foto: Mohssen Assanimoghaddam, dpa

„Manchmal reicht das Schlimmste nicht aus, um die Wahrheit zu denken“: Eindrücke vom letzten Prozesstag gegen den Ex-Pfleger und Serienmörder Niels Högel.

Kann man Schuld begreifen? Greifen? Fassen? Umfassen? Sebastian Bührmann kann es nicht. „Herr Högel“, sagt der Vorsitzende Richter, „Ihre Schuld ist so groß, dass ich sie mit den Armen nicht umfassen kann. Sie ist nicht umfassbar. Sie ist unfassbar.“

Vielleicht helfen ja Zahlen beim Begreifen. In Deutschland verhängen Gerichte eine Gesamtstrafe, unabhängig davon, ob es um eine Tat, um zwei Taten oder um 85 Taten geht. In den USA ist das anders, da werden die Strafen addiert. Bührmann rechnet vor, zu welcher Strafe sich die Strafen für den Angeklagten summieren würden, bekäme er für jeden einzelnen Mord 15 Jahre Gefängnis, die Mindestdauer einer lebenslangen Haftstrafe. „85 mal 15“, sagt Bührmann: „Herr Högel, das wären 1275 Jahre!“

Prozess gegen Ex-Pfleger Högel: Richter Bührmann bebt die Stimme

Der Saal ist voll an diesem 24. und letzten Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Ex-Pfleger Niels Högel, 42 Jahre alt, angeklagt wegen Mordes in 100 Fällen. Die Nebenklägerplätze sind weitgehend besetzt, dahinter sitzen 150 Zuschauer und bestimmt 40 Journalisten. Draußen haben die TV-Teams ihre Kameras aufgebaut.

Es ist kurz nach 10 Uhr, als die 5. Strafkammer des Landgerichts Oldenburg den Saal betritt. Bührmann spricht kein Wort zur Begrüßung, in die stehende Menge hinein beginnt er: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil.“ Högel ist schuldig wegen Mordes in 85 Fällen, in 15 Fällen spricht ihn das Gericht frei. Die Strafe lautet lebenslänglich, das Gericht stellt die besondere Schwere der Schuld fest, es verhängt ein lebenslanges Berufsverbot, aber das kennt man ja schon, das alles gab es bereits im Högel-Prozess 2014/15. Högel sitzt im Gefängnis, er hat längst die höchste Strafe erhalten, die das deutsche Recht vorsieht, mehr geht nicht.

Alles ist ungewöhnlich in diesem Prozess: die unfassbare Zahl der Mordvorwürfe, akribisch ermittelt durch die Soko „Kardio“; eine weitläufige Halle als Gerichtssaal; die Plädoyers der Nebenkläger-Anwälte, die Fotos der ermordeten Klinikpatienten zeigen und aus deren Leben erzählen; der längst verurteilte Angeklagte. Deshalb hebt nun auch der Richter zu einem ungewöhnlichen Vortrag an. Bührmann ist sichtlich bewegt, traurig, vielleicht auch eher zerknirscht. Immer wieder bebt ihm die Stimme.

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„Eine Hauptverhandlung ist dann erfolgreich verlaufen, wenn wir am Ende sagen, wir wissen, was passiert ist. Sie, verehrte Nebenkläger, müssen wir zum Teil enttäuschen.“ Es sei dem Gericht nicht gelungen, „den Nebel zu lichten“. Sinn des Verfahrens sei es gewesen, mit allen Kräften nach der Wahrheit zu suchen. „Aber“, sagt Bührmann, „die menschlichen Möglichkeiten sind da begrenzt.“

Später wird er die Freisprüche für Högel auflisten, 15 Namen von toten Patienten. Auch sie sollte Högel laut Anklageschrift ermordet haben, fast alle mit dem Wirkstoff Lidocain. Aber die Gutachter konnten nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen, dass das Lidocain auch auf anderen Weg in den Körper der Patienten gelangt sein könnte, zum Beispiel durch lidocainhaltige Gels oder Sprays, die in Kliniken routinemäßig eingesetzt werden. Dem Gericht fehlte die „erforderliche Gewissheit“, es folgte dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“.

Ein trauriger, zerknirschter Richter: Sebastian Bührmann vor Beginn des letzten Prozesstages.
Foto: Torsten von Reeken

Richter Bührmann erläutert die Hürden der Wahrheitsfindung im Fall Högel

Einer der Namen auf der Liste der 15 ist Bernhard Brinkers aus Lingen, gestorben am 14. September 2001 mit 63 Jahren im Klinikum Oldenburg. Er war der erste Tote in der sogenannten „Nacht der Reanimationen“.

Nach der Urteilsverkündung steht draußen sein Sohn, Frank Brinkers, 44 Jahre alt, vor den Mikrofonen der Reporter. Er ist fassungslos. „Man ist jetzt knappe zweieinhalb Jahre durch die Hölle gegangen“, sagt er. „Es ist sehr, sehr bitter. Es ist im Moment schwer erträglich.“ Ist der Fall für ihn abgeschlossen mit dem Freispruch? „Ich bin mir da im Moment noch nicht sicher“, sagt der Sohn. „Ich weiß noch gar nicht, wie ich richtig ... also...“ Er bricht ab.

Das Gericht hat sich 24 Prozesstage lang angestrengt, den Nebenklägern und Zuschauern zu erklären, wie Gericht funktioniert. Die technische Sprache der Justiz zum Beispiel, die tote Menschen „Fälle“ nennt und Mordangriffe mit der Giftspritze „Manipulationen“. Jetzt erläutert Richter Bührmann die Hürden der Wahrheitsfindung, die das Gericht überwinden muss und manchmal nicht überwinden kann.

Prozess gegen Ex-Pfleger Högel: Bührmann kritisiert den Vorstand der Klinik

Da waren die Ermittlungsverzögerungen in den ersten Jahren, nachdem Högel 2005 im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden war. „Wertvolle Zeit“ sei vergangen, sagt Bührmann, „Zeit, die wir nicht mehr einholen konnten. Es waren wertvolle Beweise verloren“.

Da war die fehlende Vorstellungskraft von Kollegen, Ermittlern, Angehörigen, die es sich einfach nicht ausdenken mochten, dass das da jemand neben ihnen tötete, „Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr“. Bührmann fragt: „Was wäre das auch für eine furchtbare Gesellschaft, in der wir immer nur das Schlechteste von Menschen denken?“ Seine Stimme bebt. „Tatsache ist auch: Manchmal reicht das Schlimmste nicht aus, um die Wahrheit zu denken.“

Da waren die Zeugen vor Gericht. Bührmann lobt einige ausdrücklich und namentlich. „Es gab aber auch Unwillen, es gab Vertuschung“, sagt er. Wieder nennt er Namen. Besonders hart geht er mit einem Zeugen ins Gericht: Dr. Dirk Tenzer, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Oldenburg. „Ich würde seinen Auftritt hier als unglücklich bezeichnen“, sagt Bührmann.

Tenzer habe sich zunächst als „Aufklärer“ präsentiert. „Ich nenne drei Punkte, die daran zweifeln lassen“, sagt Bührmann.

Punkt 1: die Befragungsprotokolle. Tenzer hatte 2014 Mitarbeiter zum Fall Högel befragt und diese Gespräche protokolliert. Die Staatsanwaltschaft kam an die Protokolle erst, nachdem sie bei einer Hausdurchsuchung die Abschrift eines solchen Protokolls gefunden hatte. „2016!“, sagt Bührmann. Warum? Tenzer sagte vor Gericht, er habe den Vertrauensschutz sichern wollen. Bührmann hat einen anderen Verdacht: „Weil man sensible Informationen nicht weitergeben wollte!“

Punkt 2: die Strichliste. Ein Stationsleiter glich im Auftrag des Chefarztes Dienstzeiten und Sterbefälle ab, die meisten Striche standen hinter dem Namen Högel. Auch diese Liste befand sich seit 2014 im Besitz von Tenzer und kam erst 2016 bei den Ermittlern an. Warum? Tenzer sagte vor Gericht, er habe die Relevanz der Liste nicht erkannt.

Punkt 3: Das Klinikum stellte und bezahlte den Mitarbeitern Anwälte als Zeugenbeistände. „Zeugenbeistände sind etwas Gutes“, sagt Bührmann. Und doch gebe es den „Eindruck eines Maulkorbs“.

Richter im Prozess Högel: "Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes"

Noch am Nachmittag der Urteilsverkündung verschickt das Klinikum eine Pressemitteilung. Darin steht, das Klinikum unterstütze „seit September 2014 vorbehaltlos die Aufklärung der damaligen Vorfälle in unserem Haus rund um Niels Högel“.

Richter Bührmann wendet sich an die Angehörigen. Nebenkläger. „Ich hoffe, dass dieses Verfahren für Sie jetzt eine erneute Möglichkeit ist, Abschied zu nehmen, abzuschließen.“ Er zögert kurz, dann sagt er: „Und machen Sie das bitte nicht vom Ergebnis abhängig.“

Was bleibt nach 24 Prozesstagen?

Ein Richter, der sagt: „Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes.“

Frank Brinkers, der fassungslos in seinen Opel steigt und 120 Kilometer zurück nach Lingen fährt, zum 24. Mal.

Ein geltungssüchtiger Serienmörder, der zurück ins Gefängnis gebracht wird und bald nicht mehr in den Zeitungen stehen wird.

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