Newsticker

Fast ganz Österreich und große Teile Italiens sind nun Corona-Risikogebiete
  1. Startseite
  2. Panorama
  3. QAnon-Experte: „Sie holen sich ihren Hass aus dem Netz“

Interview

08.10.2020

QAnon-Experte: „Sie holen sich ihren Hass aus dem Netz“

Auf einer Corona-Demo in Berlin wehten viele Flaggen von QAnon.
Bild: Kay Nietfeld, dpa

Vom Verschwörungsmythos QAnon geht eine große Gefahr aus, sagt der renommierte Experte Michael Blume. Was er davon hält, dass Facebook nun dagegen vorgeht.

Herr Blume, die Internetplattformen Facebook und Instagram wollen künftig alle Seiten mit Inhalten der weltweiten Verschwörungsbewegung QAnon löschen…

Michael Blume: …und das begrüße ich sehr. Endlich wird entschiedener gegen Verschwörungsmythen vorgegangen. Ich sehe dabei allerdings die Problematik, dass auch Seiten von der Löschung betroffen sein werden, die über diese höchst gefährlichen Verschwörungsmythen informieren. In letzter Konsequenz würde das bedeuten, dass gar keine Aufklärung mehr auf diesen Plattformen stattfinden könnte. Facebook und Instagram müssen hier also unbedingt unterscheiden.

Kritiker werden von Zensur sprechen. Trifft dies denn zu?

Blume: Nein. Jede Zeitung muss doch auch entscheiden, welche Leserbriefe sie abdruckt. Hier geht es um das Thema Verantwortung. Gerade ein Unternehmen wie Facebook, das mit den Beiträgen von Nutzern Geld verdient, muss diese redaktionelle Verantwortung übernehmen.

QAnon-Anhänger verbreiten Verleumdungen über angebliche mächtige Kinderschänder

QAnon-Anhänger glauben unter anderem, dass eine Elite, zu der etwa US-Präsident Barack Obama oder die US-Spitzenpolitikerin Hillary Clinton von der Demokratischen Partei zählen, Kinder entführe und deren Blut trinke, um sich zu verjüngen. Es geht um einen „tiefen Staat“ im Staat und um die Weltherrschaft.

Blume: Das Ausmaß und die rasche Verbreitung dieses Verschwörungsmythos beunruhigen mich sehr. Wir haben es mit einer apokalyptischen Digital-Sekte zu tun. Bei QAnon handelt es sich um eine Glaubensgemeinschaft, die sich übers Internet organisiert und im US-Präsidenten Donald Trump den Erlöser sieht: Er führe die Apokalypse, eine Reinigung der Welt, herbei. Allerdings sind bereits mehrere Termine, an denen die alte Welt angeblich untergehen sollte, verstrichen. Für QAnon-Gläubige, die jetzt noch dabei sind, bedeutet das: Entweder geben sie zu, dass sie sich geirrt haben. Oder sie radikalisieren sich weiter. Und genau das passiert in den USA und in Teilen Europas zurzeit. Ich beobachte auf der einen Seite einen Zerfall der Bewegung. Auf der anderen Seite eine Radikalisierung verbleibender Anhänger. Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Ich rechne mit weiterer Gewalt.

Auch in Deutschland?

Blume: Digitale Verschwörungsmythen wie QAnon spielen eine Rolle als Auslöser von Taten. Das war sicher in Hanau und Celle so, möglicherweise auch beim Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Hamburger Synagoge oder bei dem Brandanschlag in Marbach am Neckar auf ein Polizeirevier, eine evangelische Kirche und ein Mehrfamilienhaus. Und das sind keine isolierten Einzelfälle: Die mutmaßlichen Täter, auch wenn sie psychisch angeschlagen sein mögen, holen sich ihren Hass aus dem Netz.

Ist unsere Demokratie gefährdet?

Blume: Das sehe ich nicht, unsere Republik ist stabil. Aber es ist eine reale Gefahr, für die die Sicherheitsbehörden sensibilisiert werden müssen.

Michael Blume ist Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung.
Bild: Bernd Weissbrod, dpa

Was macht QAnon derart gefährlich?

Blume: Es ist im Unterschied zum Mythos von der angeblich inszenierten Mondlandung eine Art digitales Mitmachspiel, zu dem jeder aktiv mit neuen Inhalten beiträgt. Das macht QAnon so attraktiv. Den Mondlandungs-Verschwörungsmythos kann man glauben oder nicht – bei QAnon aber werden Anhänger zu einem Teil der vermeintlichen Welterlösung.

Für den Mondlandungs-Verschwörungsmythos werden vermeintliche wissenschaftliche Belege aufgeführt. Aber eine bluttrinkende Elite – ist das nicht besonders abstrus?

Blume: So etwas gab es im 15. und 16. Jahrhundert schon. Damals warf man Juden und Frauen vor, aus getöteten Kindern Hexensalben herzustellen. In dieser Hinsicht, könnte man sagen, ist QAnon mit dem Stoff Adrenochrom, der aus dem Kinderblut zur Herstellung eines Verjüngungselixiers gewonnen werden soll, erstaunlich unkreativ. QAnon präsentiert alte antisemitische und frauenfeindliche Verschwörungsmythen neu und digital aufpoliert. Leider immer noch mit Wirkung.

Warum?

Blume: QAnon liefert Menschen ein Erklärungsmodell in einer unübersichtlichen Zeit. Es liefert einfache Antworten auf höchst komplexe Zusammenhänge und ist ein Mechanismus, Unsicherheit zu bearbeiten. Das Problem: In Verschwörungsmythen fixieren sich Menschen auf ihre Ängste. Sie glauben dann wirklich: Das Böse beherrscht die Welt, ein Erlöser soll uns beschützen.

Viele Querdenken-Demonstranten sind QAnon-Gläubige

Auch auf Corona-Demonstrationen werden QAnon-Symbole gezeigt. Wie hoch, schätzen Sie, ist der Anteil von QAnon-Anhängern auf diesen Demos?

Blume: Ich würde auf keinen Fall sagen, dass eine Mehrheit bei den sogenannten Querdenkern QAnon-Gläubige sind. Aber dass der Stuttgarter Michael Ballweg, auf den die Querdenker-Protestbewegung zurückgeht, auf der großen Demo in Berlin vor kurzem ausgerechnet den QAnon-Slogan „WWG1WGA“ skandierte, das hat mich entsetzt. Das ist völlig unverantwortlich, so etwas tut man nicht. Das radikalisiert Verschwörungsgläubige.

Was bedeutet der Slogan?

Blume: Es ist der englische Satz „Where We Go One We Go All“ – „Wo einer von uns hingeht, gehen wir alle hin“. Hinein in die Apokalypse.

Wenn Facebook und Instagram jetzt QAnon-Inhalte löschen, wird das einen Einfluss auf QAnon haben?

Blume: Die großen Internetportale können verhindern, dass noch mehr Menschen in diese Bewegung abrutschen. Und das ist dringend nötig. Ich beobachte zum Beispiel gerade, dass QAnon vor allem durch Instagram in die sogenannte Mommy-Blog-Szene vordringt. Das sind Mütter, die über das Thema Kindererziehung schreiben – ein Bereich, den man bislang ja nicht mit politischem Extremismus in Verbindung brachte. Wer bereits radikalisiert ist, wird nach Löschungen allerdings auf Messenger-Dienste wie Telegram ausweichen.

Wird QAnon einmal ein Ende haben?

Blume: Einzelne Verschwörungsbewegungen zerfallen, aber die Menschen bleiben ja. Ich hoffe, dass es einen Lerneffekt gibt, dass Menschen nicht immer wieder auf Verschwörungsmythen hereinfallen. Aber die Vorstellung, wir seien von bösen Mächten umgeben, verschwindet nicht. Wenn die Corona-Krise, die dieses Denken sehr stark aktiviert, vorbei ist, werden sich neue Verschwörungsbewegungen bilden. Meine Prognose ist: Es wird dann um das Thema Klimakrise gehen. Anfänge davon gab es bereits. Wir hatten in Stuttgart Demos gegen die Dieselfahrverbote und dabei Dieselfahrer, die sich mit Judensternen aus dem Dritten Reich mit Holocaust-Opfern gleichsetzten. Und diese Form des Antisemitismus grassierte schon vor Covid-19!

Sind Verschwörungsgläubige überhaupt erreichbar für sachliche Argumente und Aufklärung? Und wie?

Blume: Umso früher man eingreift, umso besser. Ich stelle zudem fest, dass auch QAnon-Gläubige bisweilen Zweifel bekommen. Das ist ein Grund, weshalb mein Team und ich mit dem Podcast „Verschwörungsfragen“ so aktiv sind. Wir wollen auch sie zum Nachdenken einladen. Sicher sind nicht alle ansprechbar, aber es lohnt sich, um jede Seele zu kämpfen.

Michael Blume, 44, ist evangelischer Religionswissenschaftler und in Baden-Württemberg Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Verschwörungsmythen“.

Lesen Sie auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

08.10.2020

"Das sind Mütter, die über das Thema Kindererziehung schreiben – ein Bereich, den man bislang ja nicht mit politischem Extremismus in Verbindung brachte."

Soziale Medien zeichnen sich eben dadurch aus, dass jeder alles sagen kann, solange damit keine Straftat begangen wird. Was sonst soll Meinungsfreiheit bitteschön sein? Soll nur noch die etablierte Meinung erlaubt und "richtig" sein? Dann würden wir heute noch auf einer Scheibe Leben und Hexen jagen.

https://www.focus.de/politik/deutschland/angespitzt-kolumne-von-ulrich-reitz-dieter-nuhr-ist-kein-komiker-und-die-wissenschaft-darf-nicht-politisch-korrekt-werden_id_12280633.html

Permalink
08.10.2020

@Nicola L.
Meinungsfreiheit ist schützenswert.
Hass sähen ist aber was anderese. Bei QAnon werden Lügen und absurde Behauptungen aufgestellt und verbreitet. Erste "Befreier" haben bereits zu Waffen gegriffen. Meiungsfreiheit hört da auf, wo andere gefährdet werden. Und das ist bei QAnon so. Es wird gegen bestimmte Personen gehetzt, diese als pure Teufel dargestellt. Sie werden quasi entmenschlicht. Es wird dargestellt, dass man diese Personen bekämpfen muss. Das deren Vernichtung quasi Pflicht ist.
Das hat nichts mit Meiungsfreiheit zu tun. Es dürfen bei Meiungsfreiheit andere Meinungen in Diskussionen und Gesprächen verbal "bekämpft" werden. Aber nicht andere Personen an sich!
Und genau das beabsichtigt QAnon. Die Rechtfertigung von Gewalt gegen andere als Pflicht. So wie beispielsweise im NS-Staat die Vernichtung von Juden, Osteuropäern und anderen Gruppen als Pflicht und nicht als Verbrechen galt um sich und andere zu schützen.
Wer sich an Spielregel einer Diskussion nicht hält braucht sich nicht auf Meiunsgfreiheit berufen, weil er andere die pure Existenzrecht abspricht.

Permalink
08.10.2020

@Harald ist ja schön, dass Sie so viel über diese mit unbekannte Organisation wissen. Warum stellen Sie dann nicht Strafanzeigen und warum ist die Organisation nicht längst verboten? Was Menschen hassen oder lieben ist jedem selbst überlassen. Gesetze sind nicht dazu da, allgemein Meinungen einzuschränken, und sollten sie noch so falsch sein. Jeder kann glauben was er will, solange er damit keine strafbare HANDLUNG, wie z. B. Beleidigung, begeht. Andernfalls bewegen wir uns in die Meinungsdiktatur und das ist auf jeden Fall verfassungswidrig. Art. 5 GG:
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html


Permalink
08.10.2020

QAnon ist keine Organisation. Oder haben sie dort einen Vorsitzenden, Schriftführer, ...
QAnon wurde von jemanden im Internet angestossen und wird dort gefüttert. Der Urheber gibt an im näheren Umfeld von Trump zu sein.
https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon

Meiungsfreiheit und Hetze sind zwei verschiedenen Dinge.
QAnon ist Hetze. Nichts weiter. Das hat nichts mit Meiunungsdiktatur zu tun.
Oder ist es in ihren Augen mit der Meiungsfreiheit wenn ichdie Lüge verbreiten würde, dass Sie Kinder foltern, mißbrauchen und deren Blut trinken? Was sie nach meiner Einschätzung in Wirklichkeit nicht tun.
Oder würden Sie doch das eher als Lüge, Beleidigung, Rufmord oder Hetze gegen Sie sehen? Wäre diese Aussage in Ihren Augen nicht strafbar sondern durch die Meiungsfreiheit gedeckt?
Oder ist es einfach was anderes wenn sowas über Sie statt über andere verbreitet wird.

Ja, Gesetzte da sind nicht dazu da Meinungen einzuschränken. Sie sind dazu da, Menschen zu schützen.
Übrigens lesen sie sich Artikel 5 GG den Absatz 2 durch. Oder ist es nicht ehrverletztend wenn abscheuliche Verbrechen einfach jemanden vorgeworfen werden?

Permalink
08.10.2020

@Harald was Sie beschreiben sind Straftaten. Da muss ich nicht darüber reden. Außer Sie wollen eine pluralistische Meinungsvielfalt in Sozialen Medien beschränken, nur weil es innerhalb dieser auch Straftaten gibt. Dann wiederum verstoßen Sie gegen die Meinungsfreiheit. Man kann kein Unrecht durch ein anderes Unrecht rechtfertigen. Es gibt zu Straftaten Gesetze und eine Strafverfolgung. Mehr braucht es nicht. Weder neue Kampf-Begriffe wie "Hass und Hetze" noch eine Einschränkung von sozialen Medien.

Permalink
08.10.2020

QANon ist keine Meinungsvielfalt, sondern was dort wie Sie richtig angemerkt haben sind Straftaten.
QAnon wirft bestimmten Personen Hochverrat und Kindesmißbrauch und ähnliches vor. Das hat nichts mit pluralistische Meiungsvielfalt zu tun.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren