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Vatikan-Reportage

27.10.2020

Reformer oder Bremser: Wer ist Papst Franziskus wirklich?

Reformen nicht um jeden Preis: Papst Franziskus.
Bild: Tiziana Fabi/AFP Pool/AP, dpa

Plus Jorge Bergoglio wurde Papst, weil er im Vatikan ausmisten sollte. Seine Reformen waren erst überraschend, dann enttäuschend. Warum sich das nicht geändert hat.

Gemäßigten Schrittes wandeln die 115 Kardinäle in die Sixtinische Kapelle. „Veni Creator Spiritus“, singen die alten Männer in der Prozession; auf diese Weise soll bei wichtigen Anlässen in der katholischen Kirche der Heilige Geist herbeigerufen werden. Es ist das Konklave im März 2013. Benedikt XVI. war altersmüde und von Skandalen gebeugt zurückgetreten. Nun geht es darum, einen Nachfolger zu finden. Der soll, natürlich, eine herausragende Persönlichkeit sein, die die Kirche in dieser schwierigen Zeit zu führen im Stande ist. Aber vor allem zwei Dinge haben die meisten Kardinäle jetzt im Kopf: Der Neue muss ausmisten im Vatikan und, wenn möglich, soll der zukünftige Papst kein Italiener sein.

Dann grüßt am Abend des 13. März der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Bergoglio, als Papst Franziskus von der Mittelloggia des Petersdoms. Ein den meisten unbekannter Argentinier soll fortan die 1,3 Milliarden Katholiken führen und die Korruption im Vatikan beenden. Franziskus bezirzt die Öffentlichkeit mit seinem Auftreten – und macht gleich Nägel mit Köpfen. Er richtet eine Kommission für die Reform der Vatikanbank (IOR) ein und beruft eine weitere Kommission für die Reform der Vatikanfinanzen. Franziskus tut, wie ihm geheißen. Plötzlich kommt aber auch unverhoffter Schwung in die innerkirchlichen Reformen. Das ist für viele Kardinäle unerwartet, sie hatten sich einen dogmatisch zuverlässigen Aufräumer gewünscht.

Doch wer ist Papst Franziskus wirklich? Aufräumer, Reformer, Konservativer oder Bremser? Für jedes Etikett gibt es Anhaltspunkte.

Franziskus' Äußerungen über Homosexualität kommen einer Revolution gleich

In den vergangenen Tagen kam unerwartet der Reformer wieder hervor. „Eine homosexuelle Person hat das Recht auf eine Familie“, sagte Franziskus in einem Interview, das im Dokumentarfilm „Francesco“ des Filmemachers Jewgeni Afinejewski ausgestrahlt und gerade erstmals veröffentlicht wurde. Es handle sich um „Kinder Gottes“, die nicht aus der Familie ausgestoßen werden könnten. „Was wir machen müssen, ist ein Gesetz des zivilen Zusammenlebens“, sagte Franziskus in dem Interview auf Spanisch. Homosexuelle Paare „müssen rechtlich geschützt sein“.

Erstmals sprach sich damit ein Papst für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und deren rechtliche Anerkennung aus. Für die Kirche, die Homosexualität offiziell als „objektiv ungeordnet“ bezeichnet, ist das eine Revolution. Sogleich fuhren die Hüter der Doktrin Franziskus in die Parade. Kardinal Gerhard Ludwig Müller, von Franziskus 2017 als Chef der Glaubenskongregation entlassen, sagte, Franziskus habe „große Verwirrung“ gestiftet. Der Papst stehe nicht über dem Wort Gottes.

Das schwierige Verhältnis ist geblieben: Papst Franziskus mit Vertretern der römischen Kuriere, hier wenige Tage vor Weihnachten 2019.
Bild: Andrew Medichini/afp, Getty Images

Franziskus befindet sich seit jeher zwischen den Polen. Die Instrumentalisierungen sind auch deshalb an der Tagesordnung, weil er sich kaum in die gängigen Schemata einbinden lässt. Bei den Familiensynoden drängte er sichtbar auf einen pastoralen, menschenfreundlichen Zugang beim Thema des Kommunionsempfangs wieder verheirateter Geschiedener, den er schließlich in offiziellen Dokumenten festschrieb.

Der Amazoniensynode im Herbst 2019 folgte dann aber keineswegs die Genehmigung der Weihe von viri probati, also ehrenhaften, auch verheirateten Laien als Ersatz für dem Zölibat unterliegende katholische Priester. Die katholische Kirche in Deutschland, die mit ihrem synodalen Weg in die vom Papst geschlagene Bresche sprang, sah sich plötzlich alleine gelassen bei ihren Bemühungen um ein Fortkommen. Der Vatikan bremste die Deutschen mehrfach aus, zuletzt mit einer Instruktion der Kleruskongregation, die der Übertragung von Leitungsfunktionen in der Gemeinde an Laien enge Grenzen setzt.

Beim Thema Missbrauch scheint der Aufklärungswille von Papst Franziskus nur bedingt

Auch beim Thema Missbrauch scheint sein Aufklärungswille nur bedingt. Der versprochene Untersuchungsbericht zum Fall des 2019 in den Laienstand versetzten Kardinals Theodore McCarrick lässt immer noch auf sich warten. Ist Vertuschung weiter Teil der Strategie, fragen sich Beobachter? Hat Franziskus selbst etwas zu verbergen?

Wohl auch. Und oft sind seine Methoden unklar oder wirken improvisiert. Das gerade erneuerte Abkommen mit China zur Ernennung von Bischöfen sorgt auch außerhalb des Vatikans für Unverständnis. Wie glaubwürdig ist Franziskus, auf dessen Agenda die Aufmerksamkeit für Armut und Ausgrenzung stehen? Biedert sich ausgerechnet Franziskus dem kommunistischen Regime in Peking an und toleriert dessen Menschenrechtsverletzungen?

Das zuweilen unbefriedigende, aber immer wieder erhellende Prinzip, nach dem Franziskus agiert, hat er in seiner Apostolischen Programmschrift „Evangelii Gaudium“ aus dem ersten Amtsjahr festgehalten. „Die Zeit ist mehr wert als der Raum“, heißt es da. „Dieses Prinzip erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen.“ Von Geduld und der Hinnahme von „Änderungen bei unseren Vorhaben“ ist dort die Rede und von der „Dynamik der Wirklichkeit“.

Anders gesagt: Man hätte es seit November 2013 wissen können, dass Franziskus zwar Reformen anstoßen will, sie aber nicht um jeden Preis vorantreibt. Der Papst nennt es „Prozesse in Gang setzen“, bis zum Ende kann er sie aber nicht immer durchführen. Die Wirklichkeit ist eine andere.

Der Papst will eines nicht: die Spaltung der Kirche

Die Wirklichkeit trägt unter anderem den Namen „Gerhard Ludwig Müller“ oder „Weltkirche“. Denn was in Deutschland schon denkbar wäre, würde in anderen Gegenden der Welt als Sakrileg empfunden. Was Franziskus nicht will, ist die Spaltung der Kirche.

Das Prinzip des Anstoßens von Prozessen, die langsam zu Ergebnissen führen, ist etwa bei den Wirtschaftsreformen zu erkennen. Der jüngste Skandal um den entlassenen Kardinal Giovanni Angelo Becciu ist in gewisser Weise der Nachhall der Reformschritte seit 2014.

Erstmals, so scheint es, kommen finanzielle Unregelmäßigkeiten im Vatikan ans Licht – nicht weil Papiere von Interessengruppen im Kirchenstaat an die Presse geleakt werden, sondern weil interne Ermittlungen geführt wurden und interne Ermittler den dubiosen Machenschaften einer Clique auf die Schliche kamen. Die Aufdeckung des jüngsten Skandals ist unter diesen Gesichtspunkten ein Erfolg für Papst Franziskus, sieben Jahre nach Amtsbeginn. Die andere, ewige Frage, in der Kirche drängt sich aber auch gleich auf: Muss wirklich alles immer so lange dauern?

Als Franziskus den einflussreichen Kardinal Becciu entließ

Vor etwa einem Monat, am 24. September, wurde Kardinal Becciu vom Papst entlassen. „Ich habe kein Vertrauen mehr in Sie“, sagte Franziskus. Der Papst enthob den Präfekten der Kongregation für Heiligsprechungen und ehemaligen Substituten im Staatssekretariat nicht nur seines Amtes, sondern auch seiner Rechte als Kardinal. Ein einmaliger Vorgang. „Entlassen mit einem Amen“, schrieb der Corriere della Sera. Die Wucht der doppelten Strafe war enorm. Hier sollte ein Exempel statuiert werden mit dem Signal: Die Zeiten der Vetternwirtschaft sind vorbei.

Angelo Becciu war jahrelang ein mächtiger Mann hinter den Mauern des Vatikans. Jetzt hat ihn Papst Franziskus endgültig fallen gelassen.
Bild: Gregorio Borgia, AP, dpa

Der Papst beschuldigte Becciu unter anderem, als Substitut 100.000 Euro an die Caritas der Heimat-Diözese auf Sardinien überwiesen zu haben. Das Geld soll allerdings für die Wohltätigkeitsorganisation eines Bruders Beccius bestimmt gewesen sein. „Es ist klar, dass die Geschäftchen, privaten Bevorteilungen, die im Vatikan immer die Regel waren, unter Papst Franziskus nicht mehr möglich sind“, sagt der Journalist Luigi Accattoli, der den Vatikan seit 1976 aus nächster Nähe beobachtet.

Seither geistern neue Details zum Finanzgebaren des Ex-Kardinals durch die italienischen Gazetten. Im Fokus steht eine 39 Jahre alte Sardin, die 500.000 Euro von Becciu aus der Vatikan-Kasse erhalten haben soll. Cecilia Marogna verteidigte sich, sie sei als Geheimdiplomatin in internationalen Missionen für den Vatikan tätig gewesen, um Missionaren in Konfliktsituationen zu helfen. Die Gutschriften Beccius liefen unter der Chiffre „humanitäre Missionen“. Vatikan-Ermittler vermuten hingegen, Marogna habe das Geld für Shopping in Luxusboutiquen wie Prada, Moncler oder Tod’s ausgegeben. Die Fantasien der Klatschpresse sind seither kaum zu bremsen.

Sogar von einem Privatkonto des Papstes soll Geld entwendet worden sein

Alles begann im Jahr 2013, als Franziskus neuer Papst wurde. Einige Monsignori im Staatssekretariat, darunter Beccius engste Mitarbeiter, hatten mithilfe dubioser italienischer Geschäftsmänner einen Immobilien-Deal eingefädelt. In London sollte der Heilige Stuhl sich mit 200 Millionen Euro am Kauf der ehemaligen Harrod’s-Zentrale beteiligen. Dort sollten Luxuswohnungen entstehen, eine scheinbar sichere Geldanlage und doch ein überraschendes Investment für das Profil der katholischen Kirche.

Alle Dokumente gingen über den Schreibtisch Beccius, dessen engste Mitarbeiter mit den in der Branche längst als ruchlos bekannten Geschäftsmännern verhandelten. Diese kassierten saftige Provisionen, der Vatikan hingegen zahlte drauf. Das Geld wurde dem sogenannten Peterspfennig entnommen, eine Kasse aus Spenden der Gläubigen, die dem Papst eigentlich die apostolische und karitative Arbeit erleichtern soll. Sogar von einem Privatkonto des Papstes soll Geld entwendet worden sein.

Carlo Bonini, Enthüllungsjournalist von La Repubblica und mit den Details der Ermittlungen vertraut, spricht von der „größten Plünderung der Ressourcen des Staatssekretariats aller Zeiten“. Vielleicht wird demnächst ein Strafprozess im Vatikan Klarheit bringen. Die Ermittlungen laufen noch.

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