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Reisebericht Engadin
13.06.2014

In der Bilderbuchwelt: Tour de Schellenursli

Heidialp auf dem Ochsenberg bei Maienfeld: Genau so stellt man sich die Idylle aus Spyris "Heidi"-Büchern vor.
Foto:  Thomas Burmeister (dpa)

Radfahrer auf der berühmten Graubünden-Runde müssen auf den steilen Wegen schnell in den ersten Gang schalten. Dafür werden sie aber bald belohnt.

Es ist eine vergessene Welt, dort oben am Berg. Vergessen und verlassen. Nur noch wenige Menschen leben in den alten Häusern und gehen durch die verwinkelten Straßen, deren Zentrum ein steinerner Brunnen ist. Die Jungen ziehen in die größeren Städte unten in den Tälern. Oben bleiben die Alten.

Roman Franziskus ist einer von ihnen. Guarda, das 200-Seelen-Dorf, liegt im schweizerischen Engadin auf rund 1600 Meter Höhe. Früher haben die Menschen von der Landwirtschaft und der Schafzucht gelebt. Heute sind es nur noch vier Familien, die ihren Lebensunterhalt auf diese Art verdienen. Viele der alten Häuser stehen leer oder dienen als Ferienwohnungen für die Menschen von unten aus dem Tal.

Für den flüchtigen Besucher, der dieses wunderschöne Fleckchen Erde mit dem Fahrrad erkundet, ist dieser Prozess nicht zu erkennen. Er sieht wunderbar verzierte Häuserfronten, bemalt von längst vergessenen Künstlern, mit Blumen verzierte Fenster, kleine Gassen und Straßen, die mit dem Auto nahezu unbefahrbar sind. All das vor einer wahrlich atemberaubenden Bergkulisse. Glücklicherweise haben sich Menschen in Guarda dagegen entschieden, dem Massentourismus die Tore zu öffnen. Das Dorf hat sich seinen ganzen Charme bewahrt.

In der Bilderbuchwelt: Tour de Schellenursli
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Die beliebtesten Radwege

Das Dorf ist zu einem Etappenziel für Radwanderer geworden

Demjenigen, der es mit dem Rad erkunden will, verlangt es aber einiges ab. Auf schmalen Wegen und Straßen geht es hinauf. Vorbei an Kühen mit Glocken um den Hals, durch Pfützen und Schotterpisten. Wer in Guarda ankommen will, braucht eine gute Kondition. Oben wartet Franziskus. Der kleine Mann ist stolz auf seine Heimat. Einen Großteil seiner 82 Lebensjahre hat er hier oben verbracht. Sonne, Wind und Kälte haben tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben. Die Pfeife im Mundwinkel.

Franziskus kennt Guarda noch, als kein Fremder vorbeikam. Und er sieht Guarda heute. Das Dorf ist zu einem Etappenziel von Radwanderern geworden. Sie bringen Geld, denn Guarda liegt auf der beliebten Strecke von Scoul nach St. Moritz und ist Teil der berühmten „Graubünden-Route“. 58 Kilometer misst die Distanz zwischen Scoul und St. Moritz. 58 Kilometer, die es in sich haben. Wenn es gerade nicht bergauf geht, geht es manchmal auch bergab. Die Tendenz allerdings ist ansteigend: Die Tour beginnt auf 1242 Metern und endet auf 1822.

Gemeinerweise geht die Straße steil bergauf

Gleich nach dem Start in Scoul geht es steil bergauf. Die Straße schlängelt sich in endlosen Serpentinen hinauf nach Guarda. Der Schweiß fließt nach wenigen Minuten in Strömen, die Oberschenkel brennen. Gemeinerweise ist das Ziel erst spät zu sehen. Die Hoffnung, nach der nächsten Kurve das Ziel erreicht zu haben, wird mit grausamer Regelmäßigkeit enttäuscht. Es geht weiter, immer weiter. Der erste Gang wird zum treuen Begleiter. Die Schinderei aber lohnt sich.

Denn sie führt zu Menschen wie Roman Franziskus. Wer ihn antrifft, wie er Pfeife rauchend vor seinem Haus steht und mit einem Schmunzeln all die Radler mit ihren Mountainbikes, Trinkrucksäcken, Kilometerzählern, Höhenmessern, Helmen und atmungsaktiver Funktionskleidung beobachtet, der sollte ihn einfach fragen, ob er ein bisschen was von früher erzählt. Franziskus erzählt gerne. Er spricht ein gebrochenes Deutsch, denn aufgewachsen ist er mit Rätoromanisch, das in der Schweiz nur noch in wenigen Gegenden gesprochen wird. Gerne zeigt Franziskus den Besuchern sein Haus. Der Eingang ist ein großes Tor aus schwerem Holz, durch das früher Pferdegespanne fuhren. Heute ist in das Tor eine kleine Tür eingelassen. Und natürlich quietscht sie leise, als Franziskus sie öffnet.

Dahinter, beschützt von dicken Mauern, die seit 350 Jahren den eisigen Wintern trotzen, tut sich eine andere Welt auf. Die Geräusche von draußen verstummen. Dicke Balken, die im Laufe der Jahre schwarz und steinhart geworden sind, tragen die hohe Decke. Die schweren Gespanne haben im Boden ihre Spuren hinterlassen. Links und rechts führen niedrige Holztüren in die angrenzenden Räume. An den Wänden hängen Bilder, viele in Schwarz-Weiß. Die Luft hat den Pfeifenqualm vieler Jahre geatmet.

Das Bilderbuch aus dem Jahr 1945 ist eines der bekanntesten überhaupt

Es ist ein Ort, an dem Geschichten erzählt werden. So wie die vom Schellenursli. In der Schweiz ist das Bilderbuch aus dem Jahr 1945 eines der bekanntesten Kinderbücher, übertroffen nur von Heidi. Die Autorin Selina Chönz lebte einst in Guarda. „Gleich gegenüber hat sie gewohnt“, sagt Franziskus und deutet hinüber auf die andere Straßenseite. Berühmt wurde das Buch auch durch die Illustrationen des Künstlers Alois Carigiet. Der ließ sich bei seinen Besuchen in Guarda von der Magie dieses Ortes inspirieren.

Bis heute sind die Menschen in Guarda stolz auf „ihren“ Schellenursli. Diesen kleinen Bub, der sich nicht damit zufrieden geben will, dass er mit seiner kleinen Glocke ganz am Ende des Umzugs laufen muss, wenn am 1. März beim traditionellen Chalandamarz der Winter vertrieben wird. Also schleicht er sich am Vorabend durch den tiefen Schnee davon, um von einer Alphütte die große Kuhglocke zu holen. Dort angekommen, ist es Nacht geworden, und der Bub schläft ein. Im Dorf herrscht helle Aufregung, die sich erst legt, als der Schellenursli am nächsten Tag mit der großen Kuhglocke zurück kehrt – und an die Spitze des Umzugs darf.

So muss es sein auf einer Tour durch die Schweizer Berge

Ganz so prominent geht es nicht weiter, für die Radler auf dem Weg nach St. Moritz. Der Weg führt vorbei an Lavin, Zernez, Schanf und Samedan. Jeder Ort für sich ist einen Besuch wert und lädt zum Verweilen ein. Das Ziel aber liegt in St. Moritz, diesem Kontrastprogramm zu den verschlafenen Dörfern. Dort trifft sich im Winter der Geld-Adel zum Skifahren und Champagnerschlürfen, im Sommer marschieren Heerscharen rüstiger Rentner mit Stöcken durch die Landschaft.

Dort steht aber auch eine Jugendherberge – noch mal Kontrastprogramm. „Jugi“ sagt der Schweizer dazu, na klar. 53 gibt es in der Schweiz, so auch in Scoul, dem Ausgangspunkt der Radtour. Dort lässt sich für vergleichsweise wenig Geld übernachten. Vor allem im mondänen St. Moritz dürften es schwierig sein, ein günstigeres Zimmer zu finden. Von dem Charme der kleinen Bergdörfer ist hier nichts mehr geblieben. Es ist eine interessante Vorstellung, Franziskus aus Guarda hierher zu verfrachten. In diese Welt der Schaufenster und Champagner-Bars.

Wahrscheinlich ist aber es besser, dass er oben bleibt, in seiner vergessenen Welt, die gar nicht mehr so vergessen ist, seitdem jeden Tag dutzende Radler zu Besuch kommen. Verschwitzt, keuchend, mit brennenden Oberschenkeln. So, wie es sein muss, auf einer Radtour durch die Schweizer Berge.

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