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Aktenzeichen XY heute

15.07.2020

Rudi Cerne zum Fall Maddie: "Das war für uns eine völlig neue Spur"

Nach dem erneuten Zeugenaufruf in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ sind hunderte Hinweise zum Fall Maddie eingegangen.
Bild: ZDF, dpa

Exklusiv Die Wendung im Fall Maddie McCann hat auch den Moderator von "Aktenzeichen XY...ungelöst" überrascht. Rudi Cerne ist überzeugt, dass der Fall nun gelöst werden kann.

Auf die Spur des jetzt Verdächtigen im Fall Maddie McCann kam die Polizei nach einem Hinweis aus Ihrer ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“. Was löst so etwas in Ihnen aus?

Rudi Cerne: Na ja, es gab ja verschiedene Varianten, was da hätte passiert sein können. Zum Beispiel, dass sie entführt wurde. Weil Portugal ja auch das Tor nach Südamerika ist, hätte sie dort im Auftrag entführt worden sein können. Die Wendung, dass nun der Tatverdächtige ein Deutscher ist, kam für mich schon sehr überraschend. Das ist für uns alle eine völlig neue Spur gewesen.

Wissen Sie, wie es Maddies Eltern heute geht?

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Cerne: Nein, das weiß ich nicht. Aber ich hatte damals, 2013, als wir über den Fall berichteten, Kontakt mit ihnen, besuchte sie zu einem Vorgespräch in Birmingham. Natürlich kann ich mich auch sehr intensiv an den Auftritt der Eltern bei uns im Studio erinnern. Das war schon sehr emotional. Betroffene oder Angehörige im Studio zu haben, das ist noch mal eine andere Dimension, als nur über einen Fall zu berichten.

Die Eltern standen ja zwischenzeitlich auch in Verdacht, am Verschwinden ihrer Tochter beteiligt gewesen zu sein. Haben Sie das jemals geglaubt?

Cerne: Nein, das habe ich nie geglaubt. Man kann Menschen zwar nur vor den Kopf schauen und nicht rein. Aber das habe ich nie als Möglichkeit in Betracht gezogen, schon gar nicht, nachdem ich sie getroffen habe.

Sie sagten zuletzt: „Ich habe den Eindruck, die Schlinge zieht sich um den aktuellen Verdächtigen immer weiter zu.“ Glauben Sie, dass der Fall Maddie McCann gelöst werden kann?

Cerne: Ja, ich denke schon. Da bin ich zuversichtlich. Das Bundeskriminalamt hat ja zuletzt Hunderte von Hinweisen bekommen. Wir erfahren die allerdings meistens erst kurz vor der Sendung. Wir haben ja keine Standleitung zum Bundeskriminalamt. Die Ermittler haben in diesem Fall alle Hände voll zu tun und sind damals offensiv auf uns zugekommen, um in einer konzertierten Aktion neue Fakten bekannt zu machen. Das hat sich als gelungen herausgestellt.

2007 verschwand die kleine Maddie McCann aus einer Ferienanlage in Portugal. Seit Anfang Juni steht der Deutsche Christian B. unter Mordverdacht.
Bild: Steve Parsons, dpa

Kommt der Fall Maddie McCann auch in der heutigen Sendung vor?

Cerne: Ich denke ja. Aber an Fragen wird im Bundeskriminalamt noch gearbeitet. Ich denke, dass die brandaktuelle Nachricht erst kurz vor der Sendung kommen wird.

Ist es oft so, dass Sie in dieser Form auf den letzten Drücker arbeiten müssen?

Cerne: Ja, klar. Das kommt regelmäßig vor. Gerade, wenn es um Kindesmissbrauch geht. Es passiert häufiger, dass das Bundeskriminalamt immer wieder am Tag der Sendung das Bild eines Kinderschänders dechiffrieren kann oder wir zeigen aktuelle Fotos aus der Wohnung eines Opfers. Dann ist das ein Studiofall. Die Aufklärungsfälle ist meist sehr hoch, weil oft Leute anrufen, die sagen: Dazu kann ich etwas sagen.

Manchmal ist „Aktenzeichen XY“ der letzte Strohhalm für die Polizei, wenn sie mit ihren Ermittlungen nicht weiterkommt. Im Schnitt werden Sie von rund fünf Millionen Zuschauern unterstützt. Wie ist die Aufklärungsquote?

Cerne: Die Statistik besagt, dass rund 40 Prozent der Fälle, die bei „Aktenzeichen“ präsentiert worden sind, auch aufgeklärt werden können. Viele davon durch direkte Hinweise.

 

Das TV-Format erfreut sich größter Beliebtheit. Was macht den Erfolg dieses TV-Dauerbrenners aus?

Cerne: Danach werde ich oft gefragt. Ist es der Schauer, der einem über den Rücken läuft oder liegt es daran, selbst etwas unternehmen zu können? Der Zuschauer wird ja interaktiv eingebunden. Als Eduard Zimmermann diese Sendung ins Leben rief, hat er sicher nicht darüber nachgedacht, ein interaktives Format zu erfinden. Aber den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung zu nutzen, das ist schon eine bemerkenswerte Idee. Und bei uns ist alles Realität, das entstammt keinem Drehbuch. Authentischer kann Fernsehen nicht sein.

Lassen Sie uns noch ein anderes, aktuelles Thema besprechen. Warum hassen heutzutage so viele Leute die Polizei, die ja für ihre Sicherheit da ist?

Cerne: Da kann ich gar nichts dazu sagen. Ich bin darüber fassungslos, auch über das, was vor kurzem in Stuttgart passiert ist. Ich kann nicht verstehen, dass Leute aus der Lust an Gewalt und Ausschreitungen so über die Stränge schlagen. Wie man da nun effektiv reagieren könnte, dazu hätte ich jetzt auch keine Lösung parat. Dieses neue gesellschaftliche Phänomen ist beunruhigend und die deutsche Polizei kommt ja auch längst nicht so martialisch daher wie in den USA. Die oberste Devise lautet: Deeskalation.

Mithilfe von „Aktenzeichen XY“ konnten schon viele Kriminelle überführt werden. Sie sind sozusagen der Fernsehfahnder der Nation. Was heißt das für Rudi Cerne privat?

Cerne: Ich erlebe immer wieder, dass mir am Flughafen der ein oder andere Polizist freundlich zunickt. Manche fragen mich auch nach meiner Arbeit. Darüber freue ich mich! Als damals die ZDF-Verantwortlichen auf mich zukamen und fragten, ob ich die Sendung übernehmen wolle, war ich völlig überrascht. Ich habe an so manche Moderation gedacht, aber nicht an die von „Aktenzeichen XY“. Darum habe ich es erst einmal ein bisschen auf mich einwirken lassen, bis ich zusagte. Aus heutiger Sicht war es die Chance meines Lebens. Dafür bin ich dem ZDF sehr dankbar. Die Sendung macht einen Riesenspaß, weil sie auch sinnstiftend und relevant ist. Wir helfen der Polizei, knifflige Fälle aufzuklären, bei denen die herkömmlichen Ermittlungsmethoden erschöpft sind. Da sagt man dann am Ende der Sendung schon manchmal: Donnerwetter, das hat sich gelohnt!

Stand der Berufswunsch Polizist beim jungen Rudi Cerne auch zur Debatte?

Cerne: Als Junge hab ich an alles mögliche gedacht: Pilot, Busfahrer, Lokomotivführer oder natürlich auch an Polizist, aber ernsthaft kam es für mich nie infrage.

Sie haben auch selbst schon Bekanntschaft mit der Polizei gemacht und wurden festgenommen. Wie war das?

Cerne: Der Tag ist mir unvergesslich, der 27. Dezember 1978. Ich hatte mir beim traditionellen Weihnachtsschaulaufen in Garmisch-Partenkirchen bei einem Sturz die Schulter ausgekugelt. So bin ich mit dem Arm in der Schlinge von München nach Düsseldorf geflogen. Und auf dem Flug glaubte ein Passagier, ich wäre der RAF-Terrorist Christian Klar. Es gab damals ein Fahndungsfoto von Klar, auf dem ich ihm sehr ähnlich sah. Es war die heiße Zeit des RAF-Terrorismus. In Düsseldorf gelandet, bin ich von einem Empfangskomitee der Polizei aufgehalten worden.

Nein wirklich?

Cerne: Ja. Da standen mehrere Polizisten mit vorgehaltener Waffe. Einer forderte mich auf: „Hände hoch! Stehenbleiben!“ Ich hatte einen trockenen Mund und schweißnasse Hände. Mir war klar: Halt den Mund, mach keine unbedachte Bewegung. Zumal ich den Arm in einer Schlinge trug, was mich noch verdächtiger machte, weil ich da ja eine Waffe versteckt haben könnte.

Aber ist alles gut ausgegangen, oder?

Cerne: Das Ganze hat vielleicht eine Viertelstunde gedauert. Es ist mir aber damals viel länger vorgekommen. Ich hatte glücklicherweise meinen Pass dabei. So wurde ich erst einmal in einem Raum abgesetzt, wo mich ein Polizist mit Maschinenpistole bewachte. Anschließend kam ein Polizeikommissar, entschuldigte sich und bat um Verständnis und erklärte, die Polizei habe einen Hinweis bekommen. Der Polizist, der mich mit Pistole empfangen hatte, hat mir übrigens dann geholfen, den Koffer vom Gepäckband zu tragen.

Welche Rolle spielt eigentlich der Eiskunstlauf neben dem Verbrechen noch in Ihrem Leben?

Cerne: Der Eiskunstlauf an sich spielt gar keine so große Rolle mehr bei mir. Aber der Leistungssport hat mich schon sehr geprägt. In der Zeit gab es auch viele Niederlagen. Auch in der TV-Branche läuft nicht immer alles geschmeidig und glatt. Wie im richtigen Leben halt. Aber im Sport habe ich gelernt: Mund abputzen, die nächste Kür muss besser werden.

Belastet es Sie, nie Olympiasieger geworden zu sein?

Cerne: Nein. Die Konkurrenz war damals einfach zu gut. Ich bin ein realistischer Mensch: Die ersten Drei waren in Sarajewo schlichtweg besser. Aber wenn Du selbst bis zum letzten Starter auf dem Bronze-Rang liegst und dann bekommt der letzte Läufer seine Wertung und du rutschst auf den vierten Platz ab – dann ist das ist ein Schlag ins Kontor! Allerdings sage ich heute auch: Macht nix! Wer weiß, wofür es gut war.

Denn Sie wären vielleicht nie beim Fernsehen gelandet.

Cerne: Hätte ich damals Bronze gewonnen, wäre mein Vertrag bei ,Holiday on Ice’ vielleicht noch lukrativer gewesen. Dann wäre ich noch länger geblieben und hätte den Absprung möglicherweise nicht rechtzeitig gefunden. So habe ich vier Jahre in Saus und Braus gelebt und habe Blech in Geld ummünzen können. Alles paletti!

Zur Person: Rudi Cerne, 61, moderiert seit 2002 „Aktenzeichen XY… ungelöst“ und moderierte bis 2006 das „Aktuelle Sportstudio“. Bekannt wurde er als Eiskunstläufer.

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