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Russland
12.02.2019

Eisbär-Alarm auf russischer Inselgruppe

Bereits seit November leidet die fast unbewohnte russische Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer an einer regelrechten Invasion von Eisbären.
Foto: Mario Hoppmann/Alfred-Wegener-Institut, dpa

Eine russische Inselgruppe wird von den geschützten Tieren heimgesucht. Die Bewohner haben Angst. Nun sollen Experten vor Ort entscheiden, wie es weitergeht.

Auf der Internetseite von Nowaja Semlja („Neue Erde“) schaut ein Eisbär auf einem Foto den Betrachter an. „Notstand“ steht darüber. Einige Klicks weiter eine Art Merkzettel: „So verhindern Sie den Angriff eines Eisbären“. Vier Punkte sind aufgeführt: nicht weglaufen, nicht nahetreten, mit einem Auto das Tier möglichst verschrecken, nicht allein die Straße benutzen. Es sind Ratschläge, die mehr als 2000 Kilometer von Moskau entfernt Leben retten sollen. Die Nachfrage danach steigt.

Bereits seit November leidet die fast unbewohnte russische Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer an einer regelrechten Invasion von Eisbären. Vor wenigen Tagen erklärten dann die Behörden vor allem die Hauptsiedlung Beluschja Guba mit ihren knapp 2000 Einwohnern zur Gefahrenzone. 52 Eisbären sollen seit dem Einbruch des Winters dort gesichtet worden sein.

Momentan hielten sich täglich fünf bis zehn Eisbären in der Siedlung auf, sagte Bürgermeister Schiganscha Mussin. Auch Menschen seien bereits angegriffen worden, warnt die Internetseite – auch wenn das untypisch für die Tiere sei. Die Bären, heißt es, hielten sich auf den Spielplätzen der Kindergärten auf und gingen auch in Gebäude hinein.

Eisbär-Alarm: Spezialbusse bringen Kinder in den Kindergarten und zur Schule

„Vor ein paar Tagen habe ich gleich sieben Eisbären gesehen. Sie waren zwar weit von uns entfernt, aber ich hatte trotzdem Angst. Denn sie können sehr schnell laufen“, erzählte eine Bewohnerin Beluschja Gubas dem Portal Meduza. „Wir gehen nur noch zu mehreren hinaus. Ein Spezialbus bringt die Kinder in den Kindergarten, die Schule, uns zur Arbeit. Die Einkäufe erledigen wir auch nicht mehr allein.“

An diesem Mittwoch soll eine Expertengruppe der russischen Umweltschutzbehörde auf die Insel kommen, um vor Ort über den richtigen Umgang mit den Eisbären zu beraten. Schlechte Wetterbedingungen haben die Ankunft der Experten bislang verzögert. Eisbären gehören zu den gefährdeten Tierarten und dürfen auch in Russland nicht erlegt werden. Sollten andere Mittel jedoch fehlschlagen, erklärten die für Nowaja Semlja zuständigen Regionalbehörden in Archangelsk, könne das Erschießen der Tiere nicht ausgeschlossen werden.

Die beschleunigte Eisschmelze in der Arktis als Folge des Klimawandels führt dazu, dass Eisbären sich länger an Land aufhalten. In Russland kommt zudem ein Müllproblem hinzu: Da es an Verbrennungsanlagen fehlt, wird der Müll auf teils riesigen Mülldeponien gelagert. Ob Essensreste oder Chemikalien, alles landet auf einem Haufen.

Russisches Inselgruppe: Eisbären suchen an Land nach Essen

Und genau darin sieht Michail Stischow ein weiteres Problem. „Wegen des Eismangels gibt es nun immer länger immer mehr Eisbären an den Ufern. Sie gehen an Land, weil sie dort nach Essen suchen. Sie tun es vor allem dort, wo das Müllentsorgungssystem nicht funktioniert.“ Jeder habe gewusst, dass so etwas eines Tages passieren könne, sagte Stischow, Projektkoordinator für arktische Biodiversität der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF russischen Medien.

 Die Behörden vor Ort hätten zwar das Problem erkannt, da Nowaja Semlja aber militärisches Sperrgebiet ist, habe in den vergangenen Jahren kein Experte Zugang zur Inselgruppe bekommen.

Nowaja Semlja wurde ab 1955 unter dem Codenamen „Objekt 700“ für Atomwaffentests der Sowjetunion genutzt. Noch heute brauchen Besucher eine Spezialgenehmigung des russischen Verteidigungsministeriums, um auf die Doppelinsel zu gelangen.

Männliche Eisbären machen jetzt Jagd auf Robben

Für die männlichen Eisbären ist es gerade an der Zeit, sich Fett anzufressen. Daher machen sie Jagd auf Robben. Und diese leben auf dem Eis. Übersichtsseiten wie Meereis–portal.de des Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung zeigen allerdings, dass sich an der Westküste von Nowaja Semlja, wo auch Beluschja Guba liegt, das arktische Meereis zurückzieht. Für die Eisbären wird es also schwieriger, an Nahrung zu kommen. Anders als an die Essenreste der Menschen.

„In den 1980ern war das Eis um Nowaja Semlja selbst im Sommer nicht vollständig geschmolzen. Inzwischen gefriert das Eis an den Ufern auch im Winter sehr spät“, erklärte Schiganscha Mussin. Er wie WWF-Experte Stischow wissen: Die Eisbären von den Siedlungen abzuhalten, wird kompliziert.

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