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Interview

27.10.2020

Schauspieler Sebastian Koch: „Ich habe wieder Lust zu drehen“

Sebastian Koch spielt einen Arzt, aber nur als bürgerliche Fassade – zu sehen in einem ZDF-Vierteiler ab kommenden Freitag.
Bild: Arne Dedert, dpa

Exklusiv Sebastian Koch gehört zu den deutschen Schauspielern, die auch international gefragt sind. Trotzdem hat er sich rar gemacht. Jetzt meldet er sich spektakulär zurück.

Herr Koch, Sie spielen ab Freitag im ZDF in der Thriller-Serie „Schatten der Mörder“, die im frühen Nachkriegs-Berlin spielt, eine Art Al Capone, einen Arzt, einen Engelmacher. Was ist das Besondere daran?

Sebastian Koch: Ich fand schon mal die Zeit extrem spannend. Über die Zeit um 1946 gibt es nur wenige Filme. Mir hat das Thema extrem gut gefallen. Es war ein sehr heißer Sommer damals, es gab nichts zu essen, die Deutschen lebten als Besiegte in ihrer eigenen Stadt. Eine relativ gesetzlose Zeit mit ungeklärten Zuständigkeiten. Dieser Umstand, in dem der Mensch sich auf seine eigene Moral verlassen muss, ist schon ein heikles Pflaster.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Koch: Wir hatten voriges Jahr einen ähnlich heißen Sommer wie 1946 mit teilweise über 40 Grad. Das war anstrengend, aber toll. Ich mochte vor allem die Zusammenarbeit mit meinen beiden Partnerinnen Marla Emde und Nina Hoss. Nina kenne ich schon sehr lange, aber die junge Schauspielerin Marla Emde war für mich neu. Trotzdem konnten wir sehr spontan und frei, also ohne doppelten Boden, drehen.

Ohne doppelten Boden heißt?

Koch: Man kann am Text haften bleiben oder frei sprechen, improvisieren und die Rollen spontan weiterentwickeln.

Stellen Sie gerne so zwielichtige, zerrissene Charaktere dar? Wann spricht Sie eine Rolle an?

Koch: In diesem Fall fand ich den Strippenzieher im Hintergrund schon interessant. Der spielte sein Spiel hinter der bürgerlichen Fassade eines netten Gynäkologen. In Berlin gab es damals 100000 registrierte Vergewaltigungen, von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Der Arzt hat den Frauen angeboten, die ungewollten Kinder abzutreiben. Das war eine gefährliche Angelegenheit. Es gab damals kaum Penicillin und der Eingriff war hochverboten. Er hat es aber dennoch gemacht.

Allerdings mit einem Hintergedanken.

Koch: Genau. Er bot den Frauen an, sich an ihren Peinigern zu rächen. Das nahm so manche Frau in Anspruch. Sie haben sich damals an den Teufel verkauft, denn sie waren ihm nun ausgeliefert. Er hat daraus ein großes Netzwerk an Prostitution und Schwarzmarkt-Tätigkeiten geknüpft. So gelangten extrem viele Informationen zu ihm. Das war gerade in dieser Zeit wichtig. Es war die wertvollste Ware.

Das ist heute nicht viel anders. Konzerne wie Google oder Facebook leben von Daten.

Koch: Stimmt. Information schafft Macht. Das konnte man mit dieser Figur wunderbar darstellen. Zum Beispiel Interna über einen Politiker, der seine Frau mit einer Prostituierten betrügt. So hat man den natürlich in der Hand. Diese Machtspielchen hat der „Engelmacher“ perfekt beherrscht.

Sie werden regelmäßig in historischen Rollen besetzt. Woran, glauben Sie, liegt das?

Koch: Weil ich das mag. Allerdings bin ich nicht nur auf historische Rollen abonniert.

Hatten Sie in Ihrer Karriere eine Lieblingsrolle?

Koch: Der Seewolf hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, die Arbeit war großartig. Und natürlich meine Rolle in „Das Leben der Anderen“, ein wunderschöner Film.

Sie gehören ja zu den wenigen deutschen Schauspielern, die international besetzt werden. Hatten Sie mal wieder ein Angebot aus Hollywood?

Koch: Angebote gibt es viele. Die Frage ist aber oft, ob die Projekte dann wirklich auch realisiert werden. Ich habe mich allerdings zuletzt auch zwei, drei Jahre etwas vom Film zurückgezogen. Ich habe viel mit klassischer Musik gearbeitet, Lesungen zusammen mit Daniel Hope und dem Programm „Paradise“ gemacht oder die „Kreutzersonate“ mit zwei Musikern. Das hat mich sehr in Anspruch genommen. Und jetzt habe ich langsam wieder Lust zu drehen.

Hatten Sie die verloren?

Koch: Dieses dauernde Herumreisen kann sehr zehrend sein. Ich wollte das mal anders haben und habe den Wunsch umgesetzt. Jetzt kann ich wieder loslegen.

Sie wollten ursprünglich sowieso Musiker und nicht Schauspieler werden.

Koch: Ja, ich habe früher sehr intensiv Gitarre gespielt. Damals war Kolbe-Hillenberger, ein süddeutsches Gitarrenduo, angesagt. Die mochte ich sehr, sehr gerne. Musik ist für mich schon sehr wichtig.

Was unterscheidet für Sie Musik machen vom Film drehen?

Koch: Das ist schwierig zu sagen. Musik ist vielleicht ursprünglicher. In jedem Fall sind Musiker entspannter als viele Schauspieler. Die haben einen gemeinsamen Rhythmus, der sie verbindet. Musik ist eine gemeinsame Verabredung, die verbindlicher ist als das Drehen eines Films.

Was spielen Sie für Musik?

Koch: Was mir gerade so gefällt. Bossa nova beispielsweise.

Ihre Großmutter fand es offenbar nicht so gut, dass Sie Schauspieler geworden sind, weil ihr der Beruf nicht seriös genug war. Konnten Sie die Frau noch zu Lebzeiten, auch mit Ihrem Erfolg, vom Gegenteil überzeugen?

Koch: Nein. Sie war stur. Aber ich habe die Überzeugungsversuche auch gelassen, weil ich merkte, dass es keinen Sinn gemacht hätte. Das ist aber auch nicht so schlimm. Sie war eine methodistisch erzogene Frau, für die Schauspielerei ein Sündenpfuhl war.

Noch eine alte Kamelle: Ihre erste Rolle spielten Sie im „Tatort“. Mögen Sie eigentlich Krimis?

Koch: Nein, ich bin kein Krimifan.

Haben Sie bewusst nie Serien gedreht?

Koch: Na ja, da ist was dran. Ich bin eben ein großer Kino-Liebhaber. Denn so eine große Leinwand zeigt alles – sowohl große Qualität als auch große Schwächen. Ich liebe es, im Kino zu sitzen.

Noch kurz etwas Privates. Sie sind einer der bekanntesten Schauspieler Deutschlands und leben mit Ihrer Familie in Berlin. Können Sie dort noch ohne Weiteres auf die Straße gehen?

Koch: Das ist sehr entspannt und respektvoll.

Der erste Teil von „Schatten der Mörder“ läuft am Freitag um 20.15 im ZDF. Die weiteren Folgen: Samstag, 20.15 Uhr; Sonntag und Montag je 22.15 Uhr

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