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Coronavirus

18.08.2020

Schwedens umstrittener Sonderweg: Auf dem Friedhof der Corona-Toten

Alan Shamoun kommt regelmäßig auf den Friedhof von Spånga im Norden der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Dort liegt seine Mutter begraben, die im März an Covid-19 starb. In letzter Zeit wurden viele neue Gräber dort aufgeschüttet – die meisten für Opfer des Coronavirus.
Bild: Cedric Rehman

Plus Schweden hat eine lockere Corona-Strategie. Viele Alte und Schwache sind gestorben. Über die Probleme in der Pflege – und einen Sohn, der seine Mutter verlor.

Alan Shamoun zündet ein ewiges Licht am Grab seiner Mutter auf dem Friedhof von Spånga im Norden Stockholms an. Der 39-Jährige kniet inmitten eines frischen Gräberfelds. Auf den Kreuzen stehen viele arabische oder rumänische Namen. Viele der Menschen, die sich hinter den Namen verbergen, sind an Covid-19 gestorben. Es sind Migranten wie die 78-jährige Mutter Shamouns. Teresia Jarjis hieß sie, floh 1996 als Christin aus dem Irak nach Schweden. Ihr Sohn zupft Unkraut. Dann steuert er sein am Friedhof geparktes Auto an. Seine Geschichte erzählt er, während der Regen gegen die Scheiben klatscht.

Shamoun arbeitet als Qualitätsmanager für ein schwedisches Unternehmen. Er erhält Anfang des Jahres eine E-Mail von einem Kollegen, der in China in Quarantäne feststeckt. Der Sohn liest in internationalen Medien von dem neuartigen und besonders für alte Menschen gefährlichen Virus. Er bittet seine Eltern, zu Hause zu bleiben. Es verletzt Shamoun, dass die schwedischen Behörden nun das niedrige Bildungsniveau von Migranten als Ursache für die vielen Toten im Norden Stockholms ausmachen. "Es heißt jetzt, dass viele Migranten die Informationen nicht richtig verstanden haben. Ich habe meine Eltern schon im Januar gewarnt."

Seine Mutter infizierte sich beim Arzt mit Corona, glaubt Shamoun

Am 5. März 2020 entscheidet sich die an Diabetes leidende Mutter, für eine jährliche Routineuntersuchung das örtliche Gesundheitszentrum aufzusuchen. Was kann bei einem Arztbesuch schon schiefgehen? Heute glaubt Shamoun, dass sich seine Mutter dort mit dem Coronavirus angesteckt hat. Als sie wenige Wochen später stirbt, ist ihr Sohn überzeugt davon: Das schwedische Gesundheitssystem hat sie im Stich gelassen. Er glaubt, dass sie in der Universitätsklinik Karolinska Huddinge zum Sterben aussortiert wurde.

Das Karolinska-Klinikum ist zu einem Synonym für das Sterben in Schweden geworden. Viele der knapp 2400 Corona-Toten in der etwa 975.000 Einwohner zählenden Hauptstadt taten dort ihren letzten Atemzug. Doch die Klinik ist stolz darauf, dass die Intensivstation nie über den Rand ihrer Kapazität hinauskam. Die Behörden der Region Stockholm sahen für diesen Fall die Triage vor. Das heißt, die Ärzte hätten Patienten über 80 Jahren oder mit Vorerkrankungen von einer Intensivbehandlung ausgeschlossen.

Vor der Karolinska-Klinik wurde zur Sicherheit ein Versorgungszelt aufgestellt.
Bild: Simon Hastegârd, dpa

Es ist nur einer von vielen großen Kritikpunkten, die die schwedische Corona-Strategie mittlerweile in ein düsteres Licht rücken. Dabei war der legere Umgang mit dem Virus, der anders als in anderen Ländern keinen Lockdown vorsah, im März als vielversprechende Alternative gespannt verfolgt worden. Mancher Oppositionspolitiker genauso wie vom Lockdown genervte Bürger hätten Schwedens Weg gern auch in Deutschland gesehen. Demonstranten bei Anti-Corona-Demos schwenkten die blau-gelbe Flagge.

Sie übersehen, dass Schweden für seine Strategie einen hohen Preis bezahlt: das Sterben der Alten und Schwachen im Land. Knapp die Hälfte der über 5780 Toten verstarb Schätzungen zufolge in Pflegeheimen. Hinzu kommen die Vorwürfe, dass die Kliniken sie wie Patienten zweiter Klasse behandelten.

Coronavirus in Skandinavien: Wurden Patienten in Schweden aussortiert?

Die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter veröffentlichte im April einen Bericht, demzufolge die Kranken sehr wohl abhängig vom Alter vor- oder nachrangig versorgt wurden. Die Zeitung berief sich auf Whistleblower aus der Klinik. Alan Shamoun glaubt, dass seine Mutter zu jenen gehörte, die wie von Dagens Nyheter beschrieben dem Virus überlassen worden sind.

Als die Ärzte sie endlich ins Krankenhaus einliefern, verschlechtert sich seinen Angaben zufolge der Zustand der 78-Jährigen. Doch sie wird nicht auf die Intensivstation verlegt. Am 22. März, einem Sonntag, meldet sie sich bei der Familie. Niemand reagiere, obwohl sie immer wieder den Notfallknopf drücke. Einen Tag später ist sie tot.

Die schwedische Untersuchungsbehörde im Gesundheitswesen (IVO) will die Vorgänge in der Karolinska-Klinik klären lassen. Gleichzeitig schrieben 22 schwedische Gesundheitsexperten Ende Juli einen Brief in der US-Zeitung USA Today. Darin warnten sie davor, dem Beispiel Schwedens zu folgen. Das Land erlaubte den Schulbesuch bis zur neunten Klasse über die Zeit der Pandemie hinweg, ließ Geschäfte und Restaurants geöffnet, gestattete Veranstaltungen von bis zu 50 Personen. Wer kann, soll von zu Hause arbeiten, raten die Behörden auch heute. Erst am 1. April erließ die Regierung ein Besuchsverbot in Altersheimen. Der Chefepidemiologe der Regierung, Anders Tegnell, räumt heute ein, dass Seniorenheime vernachlässigt wurden. "Unser großes Versagen lag im Bereich der Langzeit- und Altenpflege. Die regionalen Ämter hätten besser vorbereitet sein müssen, dann hätte es weniger Tote gegeben", sagte er der Bild-Zeitung.

Die Krankenschwester Lina Petersson und der Arzt Johan Rodling erzählen aus ihrem Alltag.
Bild: Cedric Rehman

Schwedens Umgang mit dem Coronavirus: Eine Maskenpflicht gibt es nicht

Die Chefanalystin der gewerkschaftsnahen Denkfabrik Arena Idé, Lisa Pelling, empfängt in ihrem Büro im Zentrum von Stockholm, unweit der Einkaufsmeile Drottninggatan. Dort ist die Stimmung sommerlich leicht. Passanten schlecken Eis beim Schaufensterbummel. Die Stockholmer tragen Sonnenbrillen statt Mundschutz. Maskenpflicht? Gab und gibt es nicht. Tegnell, der schwedische Christian Drosten, hält davon nichts.

Analystin Lisa Pelling ist sich sicher, dass das Virus ein auf Effizienz getrimmtes Gesundheits- und Pflegesystem schachmatt gesetzt hat. Sie skizziert, wie die Regierungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten an allen Ecken und Enden von Gesundheit und Pflege schliffen. Laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lag Schweden bei der Anzahl der Krankenhausbetten je 1000 Einwohner 2015 bis 2018 im unteren Feld vor Chile und Kolumbien. Wegen des reduzierten Personals seien die sich mit schwer kranken Patienten füllenden Krankenhäuser rasch überfordert gewesen, sagt Pelling. Der Tod der Alten und das Sterben der Migranten könnte über den privatisierten Pflegesektor miteinander verknüpft sein, vermutet Pelling. Firmen übernehmen für die Gemeinden den Unterhalt von Seniorenheimen. In ihnen arbeiten immer mehr Hilfskräfte, fast ausschließlich Migranten. Während die fest angestellten Pfleger sich mit Corona-Symptomen krankschreiben ließen, kamen die Stundenkräfte zur Arbeit, ohne auf das Virus getestet zu werden.

 

Corona-Pandemie: Mediziner verteidigt das schwedische System

Die Krankenschwester Lina Petersson und der Arzt Johan Rodling erholen sich bei einem Feierabendbier im Bistro Banana im zentralen Stadtbezirk Södermalm, auch hier ist kein Mundschutz vorgeschrieben. Die beiden haben den Höhepunkt der Pandemie im April und Mai in der Danderyd-Klinik im Norden von Stockholm erlebt. Das Krankenhaus behandelte nach dem Karolinska-Krankenhaus die meisten Covid-19-Patienten. Auch hier starben viele. Beiden scheint die Betonung wichtig, dass das schwedische Gesundheitssystem anders als etwa in der Lombardei nicht in die Knie ging. Rodling ist in der Ausbildung zum Infektiologen. Die Antwort, warum Schweden in Relation zur Bevölkerungszahl neunmal so viele Tote aufweist wie etwa das Nachbarland Dänemark, könnten erst spätere Untersuchungen liefern. Ja, es seien Patienten gestorben, die mit leichten oder nicht als Corona-Infektion erkannten Symptomen abgewiesen worden seien, räumt er ein. "Ein Arzt kann für eine Empfehlung nur den Zustand des Patienten während der Untersuchung berücksichtigen", sagt der Mediziner. Bei der Frage nach der Beatmung habe er allein die Überlebenschancen am Intubierschlauch bedacht. Der Arzt widerspricht den 22 Wissenschaftlern, die im Juli vor der laxen Corona-Strategie warnten. "Wir dürfen nicht alles in der Gesellschaft auf ein Virus reduzieren", sagt er. Krankenschwester Petersson merkt an, dass die Vorschriften für Schutzkleidung in ihrer Klinik mit der Zeit gelockert wurden.

Autorin veröffentlicht kritisches Essay über Schweden

Auch die Autorin Elisabeth Åsbrink lebt normalerweise in Schweden. Doch gerade fühlt sie sich einfach wohler in Dänemark. Bei einem Eiskaffee in der Innenstadt von Kopenhagen rätselt sie über die Gründe für den schwedischen Sonderweg. Ende März hat sie ein Essay in Schwedens größter Tageszeitung veröffentlicht. Sie stellte darin einen Zusammenhang her zwischen der Geschichte Schwedens und der Arbeit der Regierung in der Corona-Krise.

Von allen europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verschont, fehlten den Schweden die Antennen für eine Bedrohungslage, analysierte Åsbrink. Ein Sturm der Entrüstung brach über sie herein. "Patrioten kritisieren ihr Land, weil sie es lieben, in Schweden ist man Nestbeschmutzer", sagt sie. Wer wie sie Zweifel an der Corona-Strategie der rot-grünen Regierung äußert, gelte im Mitte-Links-Lager als heimlicher Unterstützer der Schwedendemokraten. Die Rechtspopulisten, manche sagen die schwedische AfD, geißeln die Corona-Strategie der Regierung als "Massaker". Ihre Landsleute seien "verliebt" in das Bild des Vorreiters für soziale Gerechtigkeit, sagt die jüdische Autorin.

Den Praxistest bestehe die Selbstwahrnehmung immer seltener, findet Åsbrink. Für alte, schwache und chronisch kranke Menschen gebe es in einem Land, das bis in die 70er-Jahre mit der Eugenik flirtete und zwangssterilisieren ließ, gar eine Tradition der Geringschätzung, attestiert sie. "Ich glaube, die Reaktion in Schweden wäre anders, wenn 6000 junge Menschen gestorben wären", sagt sie.

 

Schweden: Corona-Krise polarisiert wie im Brexit

Derzeit erlebe Schweden in der Corona-Krise eine Polarisierung, die Åsbrink mit dem britischen Brexit-Streit vergleicht. Familien und Freundeskreise entzweiten sich an der Haltung gegenüber dem Virus. Das schwedische Gesundheitsamt befürchtet im schlimmsten Fall weitere rund 4500 Corona-Tote. Und der Wirtschaft hat der Verzicht auf einen Lockdown nur teilweise geholfen: Zwar brach das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 8,6 Prozent ein. Denn Schweden ist abhängig vom Export. Leidet die Wirtschaft Europas, krankt auch die schwedische. Der Rückgang lag jedoch unter den 10,1 Prozent, um die die deutsche Wirtschaft schrumpfte. Doch die Arbeitslosenzahlen steigen auch in Schweden. Åsbrink fürchtet, dass die Schwedendemokraten davon profitieren könnten. Das Virus zerre die hässlichen Seiten Schwedens ans Tageslicht, meint sie. "Noch weigern wir uns, das zu sehen."

Der Sohn wird nie Gewissheit bekommen, wo sich seine Mutter infiziert hat

Mittlerweile sind fast fünf Monate vergangen, seit Alan Shamouns Mutter in Stockholm am Coronavirus starb. Es wird dauern, bis er sich von dem Verlust erholt. Seinen Verdacht, dass seine Mutter sich bei ihrem Arztbesuch angesteckt hat, wird niemand jemals mehr bestätigen oder ausräumen können. Er selbst fühlt sich seit einer Begegnung auf dem Friedhof noch darin bestärkt. "Ich habe dort eine Frau getroffen, deren Mann ebenfalls Anfang März einen Termin bei dem gleichen Gesundheitszentrum hatte. Er liegt jetzt ein paar Reihen entfernt von meiner Mutter."

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19.08.2020

Die Schweden werden das zwar nie zugeben, aber in diesem Land wurde die Coronapolitik offensichtlich mehr von der Kosten-Nutzen-Rechnung bestimmt als vom Grundsatz der Mitmenschlichkeit. Dass dies in Deutschland völlig anders gesehen wird, zeigt, wie sehr sich unser Land im Vergleich zu Nazideutschland verändert hat.

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19.08.2020

Eigentlich hat sich der lässige Herr Tegnell mit seiner Vision der Durchseuchung der Gesellschaft doch der fahrlässigen Tötung durch Unterlassung an Tausenden von vor allem älteren Bürgern Schwedes schuldig gemacht. Aber natürlich wird er da völlig unbelangt rauskommen. Ihm wird sogar noch gehuldigt, weil es schick ist ohne Maske in Lokalen zu sitzen, während zur gleichen Zeit, in Krankenhäusern Patienten vergeblich den Notruf drücken, weil sie einfach nicht mehr behandelt werden.

Das ist der (angebliche) Sozialstaat Schweden. Schande über ihn.

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