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Schweiz
23.03.2013

"Heiler" infiziert 16 Patienten mit HIV - 13 Jahre Haft

Das Amtshaus in Bern, wo der 54-Jährige nun verurteilt wurde.
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Das Amtshaus in Bern, wo der 54-Jährige nun verurteilt wurde.
Foto: Peter Klaunzer, dpa

Ein 54-jähriger Schweizer, der als selbsternannter Heiler 16 Menschen absichtlich mit dem HI-Virus infiziert hat, muss für knapp 13 Jahre in Haft. Reue zeigt der Verurteilte nicht.

Vorläufiges Ende eines aufsehenerregenden Falles: Ein 54-jähriger Musiklehrer, der sich selbst als Heiler sieht, steckt mindestens 16 Menschen mit HIV und teilweise mit dem Hepatitis-C-Virus an. Nun muss der Mann fast 13 Jahre in Haft. Das nicht rechtskräftige Urteil nahm der Berner am Freitag ohne jede Regung auf, streitet weiter alles ab und gibt den Opfern die Schuld.

"Heiler" spritzt Patienten mit HIV infiziertes Blut

Warum infiziert ein Mensch mehr als ein Dutzend andere absichtlich mit dem Aids-Erreger? Auf die Frage fand auch das Schweizer Gericht keine Antwort. Die Geschichte bleibt unglaublich:Es ist ein einziger Stich, der das Leben eines Schweizer Managers für immer veränderte: Starke Migräneanfälle und leichte Epilepsie führten ihn auf Empfehlung einer Bekannten zu dem Wunderdoktor. Seine Schmerzen könnten durch eine spezielle Akupunktur gelindert werden, versprach der Angeklagte mit der schweizerisch-italienischen Staatsbürgerschaft. Im Wohnzimmer des "Heilers" musste sich der Mann auf den Bauch legen und einen Stein fixieren. Danach gab es einen kurzen Stich in den Rücken und die Behandlung war beendet.

Tatsächlich steckte der 54-Jährige mit den langen schwarzen Haaren den Manager mit dem Aids-Erreger an. Dass die Bekannte des Managers, die diesem den "Heiler" empfohlen hatte, bereits selbst mit HIV infiziert war, wussten beide nicht. Die Frau gab vor Gericht an, abhängig von dem Musiklehrer gewesen zu sein.

Schweizer sieht sich zu Unrecht angeklagt

Der selbsternannte Heiler sah sich zu Unrecht angeklagt. Trotzdem arbeitete er als Musiklehrer weiter. Wegen der schlechten Presse hätte er aber nur noch einen Schüler, klagte der 54-Jährige bei Prozessbeginn.

Seine Opfer hätten sich selbst durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt oder Drogen gespritzt, meinte er. Das Spital, das Gericht und die Aids-Hilfe hätten die Opfer dann "aktiv auf mich gehetzt", war sich der Mann sicher. Viele seiner Patienten seien nämlich neidisch auf sein Haus gewesen. Außerdem hätte er auf keinen Fall verseuchtes Blut abzapfen oder bei sich lagern können, da er an einer Blutphobie leide. Das Blut soll er jahrelang einem HIV-positiven Mann abgezapft haben, dem er eine mögliche Heilung vorgaukelte.

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Der Gerichtspräsident Urs Herren sprach am Freitag von einem "skrupellosen, hinterhältigen, sinnlosen und menschenverachtenden" Vorgehen. Opfer sagten aus, dass der Mann sie vermutlich ansteckte, um mit einer versprochenen Heilung Geld zu verdienen.

Seit 2001 mindestens 16 Menschen mit dem HI-Virus infiziert

Von der ersten der mindestens 16 nachgewiesenen Infizierungen 2001 bis zum Prozess war es ein langer Weg: Nach seinem Besuch beim "Heiler" im Jahr 2004 fühlte sich der Manager, der inzwischen an Aids erkrankt ist, schwach. Im Krankenhaus erfuhr er von seiner HIV-Infektion. Von einer Anzeige gegen den Wunderdoktor riet der leitende Oberarzt ab: Diese These könne nicht nachgewiesen werden. Doch der Mann ließ sich nicht abhalten: "Mir war klar, dass es weitere Opfer geben wird, wenn wir nicht die Polizei einschalten." Erst als sich mehrere Verdachtsfälle häuften, begann die Justiz mit Ermittlungen. Das Virus aller Opfer stammte vom gleichen Stamm, wie Untersuchungen später ergaben. 

In dem zwei Wochen langen Prozess galten strenge Sicherheitsvorkehrungen. Nur akkreditierte Journalisten durften in den Gerichtssaal. Zuvor mussten sich die Reporter verpflichten, keine Informationen über die Identität der Opfer zu veröffentlichen. Viele der Opfer halten ihre Erkrankung bis heute geheim. Die Folgen könne er seiner Familie nicht zumuten, sagte etwa der Manager. Einige Opfer schlossen sich dem Gerichtsverfahren überhaupt nicht an. Mehrere Personen, darunter auch aus dem familiären Umfeld des Angeklagten, wollten mit dem Prozess nichts zu tun haben. Sandra Walder, dpa

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