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Lifestyle

15.04.2018

Selbstoptimierung: Ein Leben unter ständiger Kontrolle

Dorothea Gaudernack hat beim Training immer ihre Smartwatch dabei. Sie zeigt ihr ihre Herzfrequenz.
Bild: Ulrich Wagner

Eine App, die zählt, wie viele Schritte man gehen muss. Ein Armband, das aufzeichnet, wie tief man geschlafen hat. Braucht es das wirklich? Und zu welchem Preis?

Dorothea Gaudernack legt sie nur unter der Dusche ab. Ansonsten trägt sie sie. Ihre Uhr, die so viel von ihr weiß. Wie viel sie sich bewegt, wie viele Kalorien sie verbraucht, wie lange sie wie tief schläft. Und gerade jetzt, beim Laufen, braucht sie die kleine Hightech-Hilfe, ihre Apple-Watch. Beim Training auf den Wegen rund um ihren Wohnort Nördlingen.

Ein Farbtupfer ist die zierliche 40-Jährige, wie sie in ihrer kurzen Hose, den bunt geringelten Kniestrümpfen und pinkfarbenen Schuhen rennt. Neben ihrer Uhr fallen zwei Bänder auf: Gaudernack hat sie vom Berlin- Marathon. Ende April will sie in Hamburg ihren nächsten schaffen. Und im November in New York.

Mit der Uhr die Kontrolle behalten

Wer Dorothea Gaudernack beim Laufen beobachtet, sieht, wie ihr Blick immer wieder auf die Uhr fällt. Nicht wegen der Zeit. „Wichtig ist mir die Herzfrequenz, denn daran sehe ich, wie gut ich wirklich körperlich drauf bin.“ Die Juristin hat gerne die Kontrolle, sagt sie. Ihre Begeisterung an Bewegung hat sie auf ihre drei Kinder übertragen.

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Die beiden Söhne, acht und elf, haben bereits einen Schrittzähler, sausen schon mal ums Haus, wenn die berühmten täglichen 10000 Schritte, der Maßstab für ein gesundes, langes Leben, noch nicht geschafft sind. Ihre Mutter bevorzugt am Abend die Kellertreppe. Springt sie zur Not auf und ab, um ihr Pensum zu erreichen.

Auch die Söhne haben einen Schrittzähler

Von digitalen Helfern lassen sich immer mehr Menschen überzeugen. Nicht nur Sportskanonen. Da ist die Kollegin, Mitte 50, die jedes Mal entzückt ist, je früher am Tag ihr Fitbit, die schmale Uhr an ihrem Handgelenk, ein Feuerwerk entfacht: 10000 Schritte! Der andere ruft seltener an, mailt weniger, steht plötzlich vor dem Schreibtisch der Kollegen. Wenn die verwirrt dreinblicken, erklärt er: „Ich hab mich heute noch zu wenig bewegt.“

Längst gibt es unzählige Apps, Programme fürs Smartphone also, um den Körper in Form zu halten. Am Wochenende lädt die Fibo, die weltgrößte Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit, Interessierte nach Köln ein. Neue Hightech-Geräte und Apps dürfen nicht fehlen. Sport-BHs werden vorgestellt, die den Puls messen, und T-Shirts, die die Haltung verbessern. Ohne technischen Schnickschnack scheint es nicht zu gehen.

Dorothea Gaudernack, die mit ihrer Familie in Nördlingen lebt, ist eine leidenschaftliche  Sportlerin. Sie läuft auch regelmäßig Marathonläufe.
Bild: Ulrich Wagner

Einer, den das alles freuen dürfte, ist Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Je mehr sich die Menschen bewegen und je mehr dies tun, desto besser – oder? „Grundsätzlich ist das natürlich richtig.“ Doch den App- und Fitness-Tracker-Hype sieht er kritisch. Spöttisch spricht er von der Gefahr „kleiner Terroristen“, die umherirren, getrieben einzig von dem Gedanken, irgendwelche abstrakte Werte einzuhalten. „Ein Irrsinn.“

Dabei haben seiner Einschätzung nach die Schrittmesser schon Vorteile. Für Profis. Für Menschen wie Dorothea Gaudernack, die sich auf einen Marathon vorbereiten. Oder als Einstieg. Um sich mehr zu bewegen. Doch 10000 Schritte als Maß für alle – davon hält Froböse nichts. Ihm fehlt die Frage: Wo steht der Einzelne? Ihn stört die Stigmatisierung: Schaffe ich die 10000 Schritte nicht, bin ich dann ein Loser? Der Frust sei programmiert.

Durch Apps werden die Menschen süchtig nach dem Lob von außen

Und Froböse sieht ein weiteres Problem: Die Menschen erhalten durch die Apps nur eine Art Medaille, Lob von außen. „Davon werden sie abhängig. Doch am fehlenden Gefühl für den eigenen Körper, für die eigenen Bedürfnisse ändert sich nichts.“ Die Nutzer erhalten durch die Tracker nur Informationen. „Mit diesen Informationen werden sie dann alleingelassen.“

Allerdings passten Apps mit genormten Zielen nach Ansicht von Froböse perfekt in die heutige Leistungsgesellschaft. „Eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich ständig optimieren möchten, der angesagten Norm und Ästhetik anpassen. Ziel ist es, auszusehen wie die Freunde auf Instagram und Facebook. Dass man damit zur austauschbaren Ware wird, merken die meisten gar nicht.“ Stattdessen sollte man sich fragen: Macht es wirklich zufriedener, vorgegebene Werte zu erreichen?

Worauf es ankommt im Leben, hat Günter Ressel vor ein paar Jahren deutlich vor Augen geführt bekommen. Eine Autoimmunerkrankung setzte ihm zu. Seither weiß er, wie wichtig regelmäßige Bewegung ist. Auch an diesem herrlichen Aprilabend steht der 57-Jährige im Fitnessstudio. Und schwitzt auf einem Stepper. Um ihn herum andere schwitzende Menschen. Alle trainieren an Geräten. Das große Fitnesscenter in Augsburg ist gut besucht. In einem eigenen Raum findet der Zumba-Kurs statt. Jüngere stählen neben Älteren Brust, Beine, Bauch.

Auf der Fibo in Köln, der internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness und Gesundheit, können Interessierte viel moderne Technik ausprobieren.
Bild: Henning Kaiser (dpa)

Günter Ressel kommt mehrmals in der Woche. Immer für etwa zwei, drei Stunden. „Das tut mir gut.“ Auch er trägt eine Smartwatch, spielt damit während des Trainings Musik ab, freut sich, dass sie ihm gleich anzeigt, wenn er eine Mail erhalten hat. Doch Herzfrequenz, Puls, Schritte „sind mir wurscht“. Wichtig ist ihm, dass ihm der Sport Spaß macht, guttut, in seinen Alltag integrierbar ist. Auf seinem Smartphone hat Ressel zwar eine App, die ihm Kraftübungen zeigt, für ihn aber alles nur nettes Spielzeug.

Für manche sind die Smartwatches nur Spielzeug

Einer der führenden Anbieter dieses angesagten Spielzeugs mischt nicht nur den Fitness-, sondern den milliardenschweren Gesundheitsmarkt auf: Berichten zufolge plant der IT-Gigant Apple in den USA eigene Kliniken. Zunächst für seine Mitarbeiter. Doch sollen dort auch Gesundheits-Tools getestet werden, die für den Massenmarkt bestimmt sind.

Die digitale Technik hat längst die Medizin erfasst. Und hilft sehr vielen Patienten. Man denke nur an den Hightech-Sensor, gerade mal so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, den sich Diabetiker am Oberarm platzieren können, um damit ihren Blutzuckerspiegel zu messen – ganz ohne Blutentnahme.

„Grundsätzlich genial“, sagt Dr. Wolfgang Rechl. Was dem Internisten und Vizepräsidenten der Bayerischen Landesärztekammer aber große Sorge bereitet, ist der Datenschutz. Rechl ist überzeugt, dass gerade Apps Patienten langfristig helfen werden. „Vorausgesetzt, der Datenschutz und die Datensicherheit sowie die Qualität sind gewährleistet. Davon kann momentan aber keine Rede sein.“ Er fordert eine Zertifizierung und garantierte Qualitätsstandards. „Ich weiß, dass dies schon mit Blick auf die Menge an Apps sehr ambitioniert ist.“ Doch nur so hätten Patienten einen Nutzen.

Der Datenschutz ist ein Problem

Ist dies garantiert, kann sich Rechl gut vorstellen, dass etwa Herzpatienten mithilfe einer App überwacht werden und frühzeitig auf ernst zu nehmende Störungen hingewiesen werden. Dass Schmerzpatienten ein Profil ihrer Beschwerden erstellen und es so möglich ist, die Behandlung zu optimieren. Hilfreich findet Rechl auch Apps, die den Blutdruck messen. „Aber für die Interpretation der Daten braucht es immer den Arzt. Nur er kann abklären, ob die Schwankungen der Vitaldaten, wie Blutdruck oder Herzfrequenz, wirklich gefährlich sind.“

Wie problematisch der Datenschutz ist, bestätigt Professor Thomas Petri, Bayerischer Landesbeauftragter für den Datenschutz. Nutzer von Apps oder anderen digitalen Gesundheitshelfern dürften sich nichts vormachen: Eine Kontrolle über ihre Daten haben sie fast nicht mehr. Der Knackpunkt: „Die meisten Apps im Bereich Gesundheit und Fitness sammeln persönliche Daten, erfassen Verhaltensweisen und messen Körperfunktionen.

Apps steuern unser Bewusstsein

Doch nur wenige Anbieter lassen ausschließlich eine lokale Speicherung dieser Daten auf Ihrem Gerät zu. Damit haben Sie keine Steuerungsmöglichkeiten mehr über Ihre Daten.“ Doch was passiert, wenn etwa Krankenkassen auf diese Daten zugreifen können und ihre Konditionen ändern? In der Schweiz ist das schon Realität: Dort gibt es Streit über eine App der Krankenversicherung Helsana, die offenbar Prämien für einen gesunden Lebensstil auszahlt.

Und da ist noch etwas, was den Datenschutzexperten stört: All diese Gesundheits-Apps haben ja etwas damit zu tun, wie wir unser Leben führen. Ausgerichtet sind sie Petris Ansicht nach darauf, erst aufzuzeichnen, was wir machen, um uns dann zu sagen, wie wir es richtig machen. „Sie steuern also zunächst unser Verhalten und dann auch unser Bewusstsein.“ Eine Steuerung, die von wenigen ausgeht. Von IT-Giganten etwa, die ein ökonomisches Interesse haben.

Dorothea Gaudernack liebt es beim Sport bunt. 
Bild: Ulrich Wagner

Genau das ist es, was Sven Gaudernack davon abhält, eine Gesundheits-App zu nutzen, auch wenn er ab und an joggen geht. „Ich bin auch nicht bei Facebook“, sagt der 45-Jährige, wie seine Frau Jurist. Weil er überzeugt davon ist, dass Daten, die erst einmal gesammelt sind, auch genutzt werden – „verwendet zu Zwecken, von denen wir Verbraucher oft gar nichts ahnen“. Seine Frau sieht das lockerer.

Ihre Smart-Watch helfe ihr, gesund und fit zu bleiben. Und das Laufen gibt ihr Kraft. Auch für die Arbeit. Gibt es mal Stress, zupft sie an ihren Bändern am Handgelenk und weiß: „Ich bin schon Marathon gelaufen. Das hier schaffe ich auch.“ Also läuft sie los. Sichtlich entspannt. Sichtlich glücklich. Und der regelmäßige kurze Blick auf die Uhr sagt ihr: Alles bestens!

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