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Flaschenmütter erzählen

16.03.2018

„Sie sagte, ich würde fahrlässig handeln“

Mutter, 31, Landkreis Augsburg:

Im Sommer 2015 bekam ich meinen ersten Sohn, leider einen Monat früher als geplant, aber es war alles in Ordnung. Ich hatte mich während der Schwangerschaft auf das Stillen vorbereitet, habe Stillkissen und entsprechende Unterwäsche besorgt und Fachliteratur zum Thema gelesen. Dann war ich mit meinem Neugeborenen im Krankenhaus. Die Schwestern zeigten und erklärten mir, wie das Baby angelegt wird - ich war super euphorisch und es passierte NICHTS!

Tagelang blieb der Milcheinschuss aus und ich wurde immer unglücklicher. Die Frauenärztin sagte mir, das liege am sogenannten "Babyblues", den junge Mütter in den ersten Tagen bekommen können. Mein Sohn bekam dann Milchpulver angerührt mit Wasser aus der Flasche und nach weiteren Tagen, in denen sich bei mir nichts tat, entschied ich mich, das Stillen aufzugeben.

Ich wurde immer unglücklicher und trauriger

Mein Baby trank aus der Flasche, nahm auch zu, aber ich wurde immer unglücklicher und trauriger. Ich fühlte mich als schlechte Mutter, weil ich mein Kind nicht versorgen konnte, und dachte, nun könnte jeder andere Mensch mein Kind großziehen - ich stand kurz vor einer Wochenbettdepression. Von meiner Nachsorgehebamme und Frauenärztin wurde ich sehr liebevoll betreut und in der siebten Woche nach der Geburt ließ die Traurigkeit endlich nach, ich wurde wieder fröhlich und konnte mein Mama-Sein genießen.

„Sie sagte, ich würde fahrlässig handeln“

Im Herbst 2017 kam dann mein zweiter Sohn auf die Welt. Schon während der Schwangerschaft entschied ich mich diesmal, nicht zu stillen, aus Angst, es klappt wieder nicht, aus Angst vor der Depression. Mit dieser Entscheidung wappnete ich mich aber auch auf die Reaktionen, die ich erneut bekommen würde. Denn Stillen ist momentan absolut im Trend, das Beste und einzig Wahre für das Baby, und jede gute Mutter stillt. "Wie du stillst nicht?" - die Frage, die man am häufigsten gestellt bekommt, wenn man nicht stillt. Kein "Warum?", sondern direkt Verachtung in die Frage gepackt. Wobei, auch nur, wenn überhaupt gefragt wird. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass man natürlich stillt, weil das alle guten Mütter machen. 

Der Hausarzt verweigert die Impfung, die Mama gern für sich hätte, weil man ja stillt. Der Zahnarzt verweigert die Narkosespritze, weil man ja stillt. Der Hautarzt verweigert die Laserbehandlung gegen das Muttermal, weil man ja stillt. Und dann muss man jedes Mal aufs Neue erklären, dass man nicht stillt. Strafende Blicke folgen.

Kein Interesse, warum ich nicht stillte

Richtig "spaßig" wird es dann, wenn Mamis in Kursen wie Babymassage, Babyschwimmen usw. zusammenkommen. Alle holen ihre Brüste raus und stillen. Dann hole ich die Flasche und das warme Wasser, um die Milch zu erwärmen. Alle starren mich an, wieder die ewige Frage: "Wie, du stillst nicht?" Das "beste" Erlebnis hatte ich persönlich in einer Krabbelgruppe, wo mich eine andere Mutter fragte, ob es mein Ernst sei, dass ich meinem Kind dieses Industrieprodukt antue und damit schon fahrlässig gegen meine Führsorgepflicht verstoße. Kein Interesse, warum ich nicht stille. Nun gut, dieselbe Mutter meinte auch, es sei Körperverletzung, sein Kind impfen zu lassen. Ich war nie wieder in dieser Krabbelgruppe.

Ich habe Abwehrmechanismen gefunden

Letztlich muss man tatsächlich selbstbewusst sein und über der Meinung anderer stehen, wenn man sich entscheidet, nicht zu stillen. Ich habe für mich einen Abwehrmechanismus gefunden, mit der Kritik umzugehen. Wenn ich an die verständnislosen Blicke der Mütter, die stillen, denke, schmeckt mir ein Schluck Wein umso besser, denn Alkohol während der Stillzeit ist tabu. Und wenn ich in ihren müden, mit Ringen versehenen Augen diesen kritischen Blick sehe, freue ich mich, dass bei mir auch mein Mann nachts aufstehen kann, um das Baby zu füttern. (lea)

Dieser Text ist ein Teil unseres Wochenend-Journal-Schwerpunktes "Kampfzone Mutterbrust" zum Thema Nicht-Stillen. Mehr als 50 Frauen aus der Region haben sich daran beteiligt und ihre Geschichten erzählt. Die weiteren Gesprächsprotokolle finden Sie unter

Kampfzone Mutterbrust: Harter Streit um die Milch fürs Baby 

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