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Verkehr

05.03.2019

Sind die Schweizer beim Tempolimit ein Vorbild für die Deutschen?

Kamen 1970, bei wesentlich weniger Fahrzeugen als heute, rund 1750 Menschen im Schweizer Straßenverkehr ums Leben, so waren es 2017 nur noch 230.
Bild: dpa

Ein striktes Tempolimit auf Autobahnen gehört seit Jahren zum Schweizer Verkehrskonzept. Die Zahl der Toten auf den Straßen sinkt kontinuierlich.

Der 53-Jährige steuert seinen VW-Passat auf der Schweizer Autobahn A3 Richtung Zürich. Es ist vier Uhr morgens. Schneetreiben. Wie aus dem Nichts tauchen zwei Pferde auf. Das Auto kracht in die Tiere. Der Lenker stirbt, die Pferde auch. Sie waren aus dem Stall ausgerissen. Der Unfall Anfang Februar 2019 schreckte viele Schweizer auf, weil er zeigte: Tödliche Risiken lauern jederzeit auf der Straße.

Insgesamt ist es in den vergangenen Jahrzehnten aber immer sicherer geworden auf den Schweizer Straßen. Kamen 1970 – als es wesentlich weniger Fahrzeuge gab als heute – noch rund 1750 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, waren es zur Jahrtausendwende noch etwa 600, 2017 schließlich nur noch 230. Im ersten Halbjahr 2018 sank die Zahl der Toten auf 100. Das sei der zweittiefste Stand seit Bestehen der Statistik, heißt es aus dem Bundesamt für Straßen. Auch im internationalen Vergleich landen die Schweizer bei der Verkehrssicherheit auf den vorderen Plätzen. In Deutschland, wo ungefähr zehn Mal so viele Einwohner leben wie in der Schweiz, starben im Jahr 2017 exakt 3180 Menschen im Straßenverkehr.

Die Schweizer verfolgen Raser konsequent

Wie haben die Schweizer die Gefahren auf ihren Straßen zurückgedrängt? Zum einen durch die gute Infrastruktur. „Aufgrund ihres Wohlstandes hat die Schweiz gegenüber anderen Ländern gewisse Vorteile“, erläutert Roland Allenbach, Leiter Forschung der Beratungsstelle für Unfallverhütung in Bern. Die Straßen zwischen Bodensee und Genfer See seien allgemein in einem „sehr guten Zustand“, die Fahrzeuge seien neuer und damit oft sicherer als diejenigen jenseits der Grenzen.

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Außerdem ahndet die Schweiz das Schnellfahren rigoros. Das Bußgeld kann sechsstellige Beträge erreichen. So berichteten Schweizer Medien von einer Strafzahlung von umgerechnet 264.000 Euro, die ein Gericht in St.Gallen gegen einen Millionär und Verkehrsrowdy verhängt hatte. Er war unter anderem innerorts mit 90 Stundenkilometern geblitzt worden.

Damit liegt er deutlich über dem Tempolimit. Innerorts gelten Höchstgeschwindigkeiten von 50 Stundenkilometern, außerhalb der Orte von 80 und auf Autobahnen von 120 Stundenkilometern. Auf etlichen riskanten Asphalt-Abschnitten sind deutlich geringere Höchstgeschwindigkeiten vorgeschrieben.

Und die Schweizer verfolgen Verkehrssünder äußerst strikt. Ins Strafregister wird bereits eingetragen, wer im Ort 25 Stundenkilometer zu schnell fährt. Außerorts sind es 30 und auf Autobahnen 35 Stundenkilometer. Wer erwischt wird, muss den Führerschein für mindestens drei Monate abgeben.

Alle Fahrzeuge müssen tagsüber mit Licht fahren

„Via sicura“, zu Deutsch: sichere Straße, heißt das Maßnahmenpaket zur Verkehrssicherheit, das seit 2012 nach und nach umgesetzt wird. Wer rast, waghalsig überholt oder bei einem nicht bewilligten Rennen mitmacht, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu vier Jahren rechnen, das Fahrzeug kann eingezogen werden. Als Raser gilt, wer mit exzessivem Tempo unterwegs ist, etwa innerorts mit mehr als 100 Stundenkilometern.

Auch kennen Polizei und Justiz kein Pardon, wenn ein Fahrer zu viel trinkt. Der Grenzwert für Blutalkohol liegt bei 0,5 Promille. Busfahrer und alle anderen, die hauptberuflich am Steuer sitzen, dürfen überhaupt nicht unter Alkoholeinfluss stehen. Wer angetrunken ertappt wird, muss mit saftigen Geldbußen und -strafen rechnen und kann bis zu drei Jahre im Gefängnis landen.

Alle Auto und Motorräder müssen tagsüber mit Licht fahren. Außerdem gilt die Ausbildung in den Schweizer Fahrschulen als vorbildlich und Senioren über 75 Jahren müssen alle zwei Jahre zur verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung. Letztlich dürfte sich das Fehlen einer eigenen helvetischen Kraftfahrzeug-Industrie auswirken: Ohne mächtige Konzerne verfügt die Autolobby in der Schweiz nicht über die Durchschlagskraft wie die Lobby in Deutschland. Gegen die Tempolimits, zumal auf den Autobahnen, regt sich in der Schweiz kein Widerstand.

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Die Diskussion ist geschlossen.

05.03.2019

Was Rasen und Freiheit miteinander zu tun haben sollen, ist mir schleierhaft. Manche Unverbesserlichen kann man nur über den Geldbeutel strafen.

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05.03.2019

Unser toller Verkehrsminister ist doch nur eine Marionette der Automobil-Konzerne, siehe Abgasskandal und das gleiche bei den Tempo-Limits.
Offensichtlicher kann man es nicht machen...

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05.03.2019

Unser Verkehrsminister ist keine Marionette der Automobilindustrie!!! Er möchte nur nicht, dass wir in Deutschland weniger Freiheit haben wie Menschen in Somalia, Afghanistan und Nordkorea.

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05.03.2019

Sie müssen schon einen sehr reduzierten Freiheitsbegriff haben, wenn Sie die Verkehrsregeln als Maß für die Liberalität nehmen. Wollen Sie wirklich die Bundesrepublik nach nordkoreanischen Freiheitsvorstellungen restrukturieren? Und umgekehrt: Glauben Sie, dass unsere Nachbarn und Verbündeten in der EU und Nordamerika weniger freie Gesellschaften als die hiesige sind, weil sie eine vernünftige Verkehrspolitik betreiben?
Vielen Menschen fehlt offensichtlich die Intelligenz einzusehen, was die vorgeschriebene "angepasste Geschwindigkeit" ist, und überhaupt ein Wissen darum, welche Regeln auf deutschen Straßen z.B. bezüglich Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug oder beim Überholen (v.a. von Radfahrern) gelten. Hohe Strafen würden sicherlich ein Umdenken bewirken.
In einem norddeutschen Urlaubsort sah ich einmal ein schönes Schild: "Vernünftige Leute fahren hier kein Rad. Allen anderen ist es verboten." Das heißt: Wer intelligent genug ist, den Grund hinter dem Verbot zu sehen, empfindet dieses nicht als Einschränkung der Freiheit. Die anderen aber brauchen klare Ansagen wie ein Tempolimit auf Autobahnen und empfindliche Strafen beim Gesetzesverstoß. Autofahren ist viel zu gefährlich, als dass man jedem die Ausgestaltung der Regeln selbst überlassen sollte.

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05.03.2019

War Ironie!!!

Eigentlich wäre ein allgemeines Tempolimit auch überflüssig, da es bereits eines gibt. Die Geschwindigkeit darf nur so hoch sein, dass der Notanhalteweg im Sichtfeld ist bzw. der Sicherheitsabstand dem Tempo angemessen ist. Und nicht wenn die Leistungsgrenze des Fahrzeugs erreicht ist. Leider sind mit soviel Freiheit einige überfordert. Besonders wenn die PS immer mehr werden. Das größte Risiko sitz hinter dem Steuer. Und das braucht leider klare Vorgaben fürs Hirn. Ob 120, 130, 150 oder 180 kmh ist mir egal. Aber es war sicher nicht im Sinne des Erfinders, dass mit über 250 oder mittlerweile mit 300 kmh über die Piste gebrettert wird.
Noch als kleinen Denkanstoss an alle Bleifüsse. Bei 250 kmh beträgt der NOTanhalteweg bei OPTIMALEN Bedingungen und VOLL konzentriertem Fahrer 400 Meter (=Länge der Bahnhofstraße in Augsburg). Außerdem: Wer kann an der Schaetzlerstaße stehend sehen, ob am Boden am anderen Ende der Bahnhofstraße ein Spanngurt liegt?

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05.03.2019

Warum unser Verkehrsminister so gegen Tempolimits auf Autobahnen ist, kann man nicht verstehen.
Lieber möchte er Schilderbrücken bauen lassen, die den Steuerzahler einen Haufen Geld kosten und nichts bringen.

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