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Regime

23.02.2021

So brutal regiert der Emir von Dubai im Paradies deutscher Influencer

Ein Bild aus offenbar glücklicheren Tagen: Haya bint al-Hussein mit ihrem Mann Mohammed bin Rashid al-Maktum, Scheich von Dubai.
Bild: Ali Haider, dpa

Deutsche C-Promis schwärmen öffentlich von ihrem neuen Leben in Dubai. Menschenrechtler und sogar die Töchter des Emirs zeichnen ein ganz anderes Bild.

Luxuriöse Villen, exklusive Clubs, Feuerwerk vor Wolkenkratzern – und erst dieses Licht! Deutsche Influencer wie Sarah Harrison, Sami Slimani oder Fiona Erdmann feiern Dubai wie das Paradies auf Erden – und Millionen Follower schauen in ihren Videos zu. Doch es gibt auch ein anderes Video. Eines, das maximal anders ist als die sonnigen Party-Beiträge der Instagrammer.

Es ist der Hilfeschrei von Prinzessin Latifa, Tochter des milliardenschweren Dubaier Emirs Mohammed bin Raschid al-Maktum. Und es zeigt, wie bizarr die Realität im Wüstenstaat sich von dem Bild unterscheidet, das willfährige deutsche C-Promis wie Marcus von Anhalt in die Welt hinausschicken.

Sarah Harrison und ihr Mann Dominic sind Ende 2020 nach Dubai ausgewandert.
Bild: Jens Kalaene, dpa

In den heimlich aufgenommenen Videos der Prinzessin, die vergangene Woche der BBC zugespielt wurden, hat sie sich in der Toilette einer Villa eingeschlossen. Sie werde gegen ihren Willen festgehalten, rund um die Uhr von der Polizei bewacht und fürchte um ihr Leben, sagt Prinzessin Latifa darin. Ihr Vater: Herrscher von Dubai und Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).

Töchter und Ehefrau des Emirs von Dubai sind geflohen

Sie hatte vor fast genau drei Jahren vergeblich versucht, aus Dubai zu fliehen. Seitdem gab es von ihr kein Lebenszeichen mehr – bis jetzt. Kritiker werfen dem Scheich eine krankhafte Kontrollsucht vor, unter der auch Familienmitglieder zu leiden haben und die das dunkle Gesicht der Glitzerstadt Dubai zeigt.

Fünf Polizisten vor dem Haus und zwei Polizistinnen in der Villa ließen sie keine Sekunde aus den Augen, sagt die 35-Jährige. „Ich bin eine Geisel und diese Villa ist zu einem Gefängnis umgebaut worden.“ Alle Fenster seien verschlossen, sie dürfe nicht nach draußen. „Ich weiß nicht, ob ich das hier überleben werde.“ Die Polizisten hätten ihr gesagt, dass sie ihr ganzes Leben lang eingesperrt bleiben und die Sonne nie mehr sehen werde.

Dieses undatierte Standbild aus einem Handyvideo zeigt Prinzessin Latifa bint Muhammad Al Maktum.
Bild: #FreeLatifa campaign · Tiina Jauhiainen/David Haigh via AP, dpa

Wann die Videobotschaften aufgenommen wurden, ist nicht bekannt. Laut der Unterstützergruppe „Free Latifa“ war der Kontakt von Freunden zu der Prinzessin Ende 2020 plötzlich abgebrochen. Aus Sorge um ihre Sicherheit habe man sich nun entschlossen, die Videos zu veröffentlichen. Demnach wird die Prinzessin seit Jahren in dem Haus in der Nähe des Burj Khalifa, des höchsten Gebäudes der Welt, festgehalten.

Sarah Harrison lebt jetzt in einer Luxusvilla in Dubai

Von der Dachterrasse der Villa, in der Influencerin Sarah Harrison seit Ende des vergangenen Jahres mit ihrem Mann Dominic und mittlerweile zwei Kindern lebt, sieht man das Zentrum Dubais mit seinen weltberühmten Wolkenkratzern. In einem Youtube-Video von Ende Januar suhlt sich die gebürtige Günzburgerin mit Mann und Kindern im Wüstensand, zeigt stolz Pool und Dachterrasse der Luxusvilla.

Der Satiriker Jan Böhmermann und sein Team des ZDF Magazin Royale haben noch mehr Videos gesammelt, unter anderem des Youtubers Simon Desue. Er sei ausgewandert, weil ihm in Deutschland die Freiheit genommen worden sei, seine Videos so zu machen, wie er möchte. Um genau zu sein, stand Desue in Hamburg vor Gericht, weil er in einem seiner Videos eine Straftat mit Falschgeld vorgetäuscht hatte. Jetzt lebt er in den Emiraten, die in der Rangliste der „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 131 von 160 beim Umgang mit der Pressefreiheit stehen. Laut der Reporterorganisation erlauben sie seit 1980 „die Zensur einheimischer wie ausländischer Medien bei Kritik an Innenpolitik, Wirtschaft, Herrscherfamilien oder Religion“.

Und während die deutschen Influencer das paradiesische Leben in Dubai bejubeln und per Smartphone in die Welt übertragen, musste das Handy der Prinzessin den Angaben zufolge in die Villa geschmuggelt werden. Latifas Anwalt David Haigh appellierte an die internationale Gemeinschaft, sie dürfe angesichts der „Folter“ der Prinzessin nicht länger schweigen. Die UN-Menschenrechtskommission will wegen des Falles mit den VAE Kontakt aufnehmen.

Latifas ältere Schwester Schamsa hatte sich schon vor 21 Jahren von der Familie absetzen wollen, war aber entführt und nach Dubai zurückgebracht worden. Sie wurde seitdem nicht mehr gesehen. Zwei Jahre später entschloss sich damals auch Latifa zur Flucht, wurde aber schnell wieder gefasst. Ende Februar 2018 startete sie einen neuen Versuch. Es gelang ihr, mit einer Jacht über das Meer in Richtung Indien zu fliehen, doch das Boot wurde von Einheiten aus den VAE und aus Indien in internationalen Gewässern gestoppt. Die Prinzessin wurde nach eigenen Angaben gefesselt, betäubt und nach Dubai zurückgebracht.

Influencer posten nicht kritisch über Land und Politik

Scheich Mohammed hat nach Feststellung der britischen Justiz 25 Kinder von mehreren Ehefrauen. Der 71-jährige Herrscher, ein erfolgreicher Züchter von Rennpferden mit einem Vermögen von bis zu zwölf Milliarden Euro und selber Instagram-Nutzer mit mehr als fünf Millionen Followern, geriet vor zwei Jahren in die Schlagzeilen, weil seine Ex-Frau Haya mit seinen zwei jüngsten Kindern nach London floh. Der Scheich wandte sich an ein britisches Gericht, um die Rückkehr der Kinder nach Dubai durchzusetzen. Der zuständige Richter urteilte im vergangenen Jahr aber gegen ihn und warf ihm zudem vor, seine Töchter Schamsa und Latifa entführt und inhaftiert zu haben.

Kritiker von Scheich Mohammed sehen die Inhaftierung der Prinzessinnen als Beispiel für die Missstände, die sich hinter dem schönen Schein von Dubai verbergen. Latifas Anwalt Haigh verwies darauf, dass sich die VAE gerade mit ihrer Mars-Mission und einem neuen Einwanderungsrecht um das Image eines modernen Staates bemühten. Latifas Schicksal zeige aber, dass Dubai „einfach nicht zu trauen“ sei. Aber warum berichten die Einwanderer aus Deutschland, die Geld mit Online-Profilen verdienen, trotzdem uneingeschränkt begeistert? Weil sie die sogenannte Influencer-Lizenz der Medienbehörde National Media Council erwerben müssen – und die verpflichtet sie, Inhalte über Religion und Politik zu vermeiden. Deshalb gilt für deren Profile, was Kenneth Roth, Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, über Dubai als Ganzes sagt: Die Öffentlichkeit solle sich vom Image des Emirats als weltoffener Tummelplatz für Urlauber und Investoren nicht täuschen lassen.

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