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Geschützte Tierart

10.10.2019

So macht der Juchtenkäfer Stuttgart 21 zu schaffen

So sieht er aus, der streng geschützte Juchtenkäfer. Er lebt vorzugsweise in Baumhöhlen und kann bis zu 39 Millimeter lang sowie bis zu 19 Millimeter breit werden.
Bild: Niedersächsische Landesforsten, dpa (Archiv)

Ein Tunnel, zwei Bäume und viele Probleme: Wie der geschützte Juchtenkäfer Stuttgart 21 zusetzt. Und warum Eidechsen den Planern noch mehr zu schaffen machen.

Den Eremiten, Osmoderma eremita, bekommen Menschen selten zu Gesicht. Er mag es eher ruhig. Dass es den Käfer, der unter dem Namen Juchtenkäfer weithin bekannt ist, gibt – das spürt man allerdings in Stuttgart. Und dort kann von Ruhe keine Rede sein.

Das weiß Sebastian Heer nur allzu gut. Der Projektleiter für den Tunnel beim Bahnprojekt Stuttgart 21, der unter dem am Rand der Innenstadt gelegenen Rosensteinpark durchführt, hat nahezu täglich mit dem Juchtenkäfer zu tun. Denn die vom deutschen wie europäischen Recht streng geschützte Art wurde ausgerechnet in jenen zwei Bäumen nachgewiesen, die über dem Tunnel stehen. Wenn man so will, sind es "Millionen-Bäume". Dazu gleich mehr. Für Heer jedenfalls bedeuten die Juchtenkäfer: Unruhe. Als man sie 2013 kurz vorm Anrücken der Bagger fand, wurden die Arbeiten sofort gestoppt. Erst drei Jahre später ging es weiter – nachdem die EU verfügt hatte, dass die beiden Bäume stehen bleiben müssen.

Stuttgart 21: 20 Millionen Euro zusätzlich wegen dem Juchtenkäfer

Statt die komplizierte Kreuzung eines S-Bahn-Tunnels mit dem neuen Fernbahntunnel in offener Baugrube von unten nach oben zu betonieren, werden die Röhren also abschnittsweise "bergmännisch ausgeführt", wie Heer es formuliert. Heißt: Fünf Meter unter den Juchtenplatanen müssen die Tunnelbauer Spezialbagger einsetzen. Die meterdicken Stützwände werden zum Teil wieder entfernt, wenn die Innenschale den Tunnel stabilisiert.

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Es geht eng zu an dieser Stelle im Park. Weiter in die Tiefe können die Planer nicht, weil sie sonst die berühmten Stuttgarter Mineralquellen gefährdet hätten. Schließlich betonieren sie die Tunnelröhren oben abgeflacht. "So etwas wurde noch nie gebaut", sagt Heer. Der Mehraufwand summiert sich: "Alles in allem kostet uns das 20 Millionen Euro zusätzlich." Was er davon hält, behält der Bauingenieur lieber für sich. Aber man kann es sich denken.

Für Artenschützer sind 20 Millionen Euro dagegen kein Argument. Stuttgart 21 koste mit Bahnhof und Tunneln ja ohnehin bald zehn Milliarden Euro. Finanzpolitiker des Landtags in Baden-Württemberg schütteln da nur mit dem Kopf. Zum Vergleich: Gerade hat die Haushaltskommission unter großen Mühen 20 Millionen Euro für den Notfallplan Wald reserviert, um im ganzen Bundesland die Schäden des Hitzesommers einzudämmen.

Einer der beiden Juchtenkäfer-Bäume über einem Stuttgart-21-Tunnel.
Bild: Peter Reinhardt

Die EU hat hohe Artenschutz-Anforderungen

Der Artenschutz spielt für das umstrittene Bahn- und Bauprojekt Stuttgart 21 eine besondere Rolle. Die EU setzt hier hohe Anforderungen. Die EU? Genau. Sie ist im innerstädtischen Stuttgarter Park für die Genehmigung von Ausnahmen zuständig, weil es sich um ein Fauna-Flora-Habitat-Gebiet handelt. In dem sind auch "Potenzialbäume" geschützt. Das sind Bäume, in denen kein Juchtenkäfer gefunden wurde, dafür aber die artverwandten Rosenkäfer. Ein halbes Dutzend solcher Platanen steht nun exakt dort, wo ein Fluchtweg notwendig ist. Die Bäume müssen mit "Wurzelvorhängen" geschützt werden, um zu verhindern, dass potenzielle Juchtenkäferbäume eingehen.

140.000 stark gefährdete Mauereidechsen

Für zweieinhalb Jahre Zeitverzögerung sorgte der strenge Artenschutz ebenfalls am anderen Ende des Rosensteinparks, wo dem Tunnel sechs weitere Bäume im Weg standen, die Heimat des Juchtenkäfers hätten sein können. Als man sie im Februar 2018 nach einem aufwendigen Ausnahmeverfahren fällen durfte, fand man weder den Käfer noch dessen Larven. Jedoch eine Flasche mit Käferkot. Die Bahn klagte über einen Millionenschaden durch Manipulation. Die organisierten Projektgegner wiesen jede Verantwortung von sich.

Noch teurer kommt den Stuttgart 21-Planern die Mauereidechse. Sie ist als streng schützenswert eingestuft, obwohl ihr Vorkommen allein in Stuttgart auf 140.000 Tiere geschätzt wird. Die Bahnleute müssen tausende Eidechsen einfangen und in einen neuen Lebensraum umziehen. Die Kosten des Artenschutzes für Stuttgart 21 beziffert ein Projektsprecher auf einen "hohen zweistelligen Millionenbetrag".

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