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Sonderweg
25.08.2020

Schweden will seinen Corona-Plan lockern

Nach dem Plan der Regierung sollen künftig wieder mehr als 50 Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen zusammen- kommen dürfen.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Die Todeszahlen gehen zurück. Bald sollen sich mehr Menschen treffen können. Wie Chef-Epidemiologe Tegnell zu seiner umstrittenen Strategie steht.

Mehrere Länder der Welt kämpfen gegen steigende Infektionszahlen mit dem Coronavirus – auch Deutschland. Und während hierzulande neue Schutzmaßnahmen diskutiert werden, überlegt Schweden, seine Restriktionen zu lockern.

Weil die Zahlen der Neuinfizierten, Intensivstationspatienten und Toten zuletzt rückläufig waren oder sich zumindest stabilisierten, hat die Regierung am Freitag angekündigt, die Grenze von 50 Personen für öffentliche Veranstaltungen wie Kultur- und Sportereignisse ab Oktober fallen zu lassen. „Ja, das ist unser Vorhaben, ab 1. Oktober“, bestätigte die grüne Kultur- und Sportministerin Amanda Lind am Freitag gegenüber dem Radio Schweden. Wie hoch die neue Obergrenze von Personen ist, die dann wieder zusammenkommen dürfen, war auch am Montag noch nicht entschieden. Das zu bestimmen, überlasse sie dem Gesundheitsamt des Staatsepidemiologen Anders Tegnell, sagte Lind. Tegnell gilt als Architekt des schwedischen Sonderwegs.

Schauspieler und Sportler wehrten sich gegen Schwedens Maßnahmen

Bei der Lockerung geht es etwa um Theater und andere Bühnenaufführungen, Sportereignisse, Kino und alle anderen „Ereignisse, welche die zivile Gesellschaft anbietet“, so Lind – also voraussichtlich auch um das Nachtleben. Allerdings bleibt eine wichtige Einschränkung bestehen. Das Publikum muss bei den Veranstaltungen sitzen.

 

Damit beugt sich die rot-grüne Regierung in Stockholm nun auch ein wenig der scharfen Kritik aus der Kulturszene und dem Sport, die wirtschaftlich sehr leiden. Mehrere populäre Schauspieler und Musiker hatten etwa die 50-Personen-Regel und die Unmöglichkeit, damit Events durchzuführen, öffentlich angeprangert.

Seit Ende Juni sinkt die Zahl der Todesopfer in Schweden fast kontinuierlich, aktuellsten Zahl der Weltgesundheitsorganisation WHO vom 17. August zufolge hatte sie zuletzt bei 27 Fällen in einer Woche gelegen. Die Infektionszahlen hingegen sind im Vergleich zum Juli leicht gestiegen und lagen in den ersten Augustwochen wöchentlich zwischen rund 1700 und 1900. Auf dem Höhepunkt der Pandemie jedoch – rund um den 22. Juni – waren es 9000 gewesen.

Das sagt Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell

Chef-Epidemiologe Anders Tegnell ist zufrieden mit seiner Bevölkerung. Die Bürger seien freiwillig den zahlreichen Empfehlungen zur Vermeidung einer Ausbreitung gefolgt – und möglicherweise stehe man auch am Beginn einer Herdenimmunität etwa in der Hauptstadt Stockholm, sagte der Chef-Epidemiologe unserer Redaktion. „Wir glauben, zwischen 20 und 40 Prozent Immunität bei der Bevölkerung in Stockholm zu liegen. Unser Ziel war die Herdenimmunität nicht. Wir wollen ja nicht, dass Menschen krank werden. Aber wir wissen auch: Je größer der Teil der Bevölkerung, der durch eine Erkrankung immun geworden ist, desto einfacher wird es, weitere Ausbrüche in der Zukunft zu bewältigen.“ Dennoch müsse man „auf der Hut bleiben“, so Tegnell.

 

Schwedens Sonderweg wird bis heute kritisiert – weil im Verhältnis zur Bevölkerung deutlich mehr Menschen gestorben sind als in den Nachbarländern und in Deutschland. Mittlerweile sind es nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität mehr als 5800 Tote bei insgesamt gut 86.000 gemeldeten Corona-Fällen. Damit starben nahezu sieben Prozent der Infizierten.

Die Hälfte der schwedischen Opfer lebte in Heimen

Seine vor allem auf freiwilligen Einschränkungen beruhende Strategie zur Corona-Eindämmung sieht Tegnell nicht als Ursache dafür. „Ein großer Anteil der Verstorbenen in Schweden, rund die Hälfte, lebte in Heimen, in denen die Ältesten und besonders Kranken wohnen.“ Einige Altenheime seien nicht auf die Pandemie vorbereitet gewesen und hätten nicht das nötige Wissen besessen, um die Ausbreitung zu verhindern. „Auch in anderen europäischen Ländern – ob mit oder ohne Lockdown – waren diese Gruppen besonders betroffen“, sagte Tegnell. „Ich denke, dass punktuelle, fokussierte Maßnahmen etwa zum Schutz der Alten besser sind als große, breite Maßnahmen – wie der Lockdown ganzer Länder“.

Bereits vor Wochen hatte der Chef des staatlichen Gesundheitsamts eingeräumt, beim Schutz älterer Menschen seien Fehler gemacht worden. Eine weniger lockere Strategie hätte die vielen Toten aber nicht verhindern können. „Der Grund dafür waren punktuelle Schwachstellen, die behoben wurden.“ Man habe weiterhin die gleiche Grundstrategie und inzwischen eine minimale Covid-19-Ausbreitung in Altenheimen. Das zeigt ihm zufolge, dass der aktualisierte schwedische Plan für Seniorenheime eine Ausbreitung in Altenheimen verhindern kann. „Wir haben inzwischen deutlich niedrigere Todeszahlen.“ Zudem hatten einige Lockdown-Länder höhere Todesraten als Schweden mit seinem Modell. „An unserer Strategie liegt es also nicht.“

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