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Spanische Hofreitschule in Wien

21.06.2015

Spanische Hofreitschule in Wien feiert 450. Jubiläum

Die Spanische Hofreitschule in Wien feiert Juniläum. 300.000 Besucher kommen jährlich.
Bild: Epa Apa Schlager, dpa

Die traditionsreiche Spanische Hofreitschule in Wien feiert Jubiläum. Doch Kritiker meinen, dass die alte Kunst zu einem billigen Spektakel verkommen ist.

An heißen Sommertagen schieben sich die Touristengruppen besonders träge und dennoch laut plappernd von der Wiener Staatsoper, vorbei am Albertinaplatz mit dem Hrdlicka-Denkmal, hinüber zur Michaelerkirche. Am Josefsplatz werden sie oft aufgehalten, die Kameras klicken. Wie aus einer anderen Welt überqueren dann Lipizzaner in einer langen Reihe die Straße zwischen Hofburg und Stallburg. Nach der Morgenarbeit oder aus der überdachten Führanlage neben der Winterreitschule werden die Pferde zurück in ihre Boxen geführt.

Vor 450 Jahren wurde die Spanische Hofreitschule gegründet. Damals sei „für die Aufrichtung eines Thumblplatzes“ ein Betrag von hundert Gulden gezahlt worden. Seitdem hat die Hofreitschule eine bewegte Geschichte hinter sich.

Andreas Hausberger hat mehr als 30 Jahre davon miterlebt. Heute arbeitet er als Oberbereiter mit den Lipizzanern und erinnert sich gut an die Nacht zum 27. November 1992, als die Hofburg brannte. Damals lebte er in einem Zimmer in der Stallburg. „Ein Pfleger weckte mich. Es roch nach Feuer, aber wir konnten es zunächst nicht sehen“, erzählt er. Der Eleve Hausberger rief die Feuerwehr und durchlebte qualvolle Minuten, bis diese endlich eintraf und die Evakuierung der Lipizzaner anordnete. „Zu viert mussten wir 69 Pferde über eine Nottür hinausbringen. Das war gar nicht so einfach“, erinnert sich Hausberger. „Draußen drückten wir die Halfter irgendwelchen Passanten in die Hand, die gerade aus den Bars kamen. Doch manche Pferde rissen sich los und liefen durch Wiens Straßen, bis wir sie in den Volksgarten treiben konnten, der einen Zaun hat. 20 bis 30 junge Hengste begannen dort gleich mit Rangkämpfen.“

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Der Brand war sicherlich das aufregendste Erlebnis in Hausbergers Karriere an der Spanischen Hofreitschule. Das schönste, berichtet er, war seine erste Vorführung mit dem Hengst, den er sechs Jahre lang ausgebildet hatte: Conversano Isabella. „Mit der ersten Vorführung erringt man in der Hofreitschule auch die Qualifikation zum Bereiter. Da wusste ich, jetzt habe ich es geschafft“, erzählt er stolz.

300.000 Besucher kommen jährlich zur Spanischen Hofreitschule in Wien

Hausberger stammt aus einem Haflinger-Gestüt in Niederösterreich. Wie die anderen Bereiter trainiert er jeden Morgen mit neun Hengsten – je 45 Minuten lang. Die Hohe Schule der klassischen Reitkunst kostet viel Zeit und Kraft. Den Zuschauern verschlägt es bei der Morgenarbeit den Atem, wenn konzentriert die Lektionen und Figuren geprobt werden. Es spielt keine Musik, nur das Schnauben der Hengste, das Knarren des Zaumzeugs und das leise Trappeln der Hufe auf dem Sägemehl ist zu hören. „Es wäre schön, wenn erklärt würde, was geschieht“, sagt eine Zuschauerin aus Landau in der Pfalz, die selbst reitet. Doch das würde die Pferde stören. Samstags und sonntags sind Touristen fasziniert, wenn sie im Ambiente der barocken Winterreitschule mit opulenter Stuckdecke zu Walzer und Radetzkymarsch die Vorführung verfolgen. Die Weltklasse-Reiter auf eigens gezüchteten Lipizzanern mit Zweispitz, braunem Frack und weißen Hirschlederhosen gehören zur Inszenierung der Kaiserstadt Wien wie Schloss Schönbrunn, Sängerknaben und Mozartkugeln.

Alice Kay aus Birmingham ist eine von 300000 jährlichen Besuchern. Die alte Dame ist am Morgen mit dem Kreuzfahrtschiff in Wien angekommen und wird um Mitternacht wieder Richtung Bratislava ablegen. In England sehe sie sehr viele Reitturniere, doch etwas so Schönes wie die Spanische Reitschule gebe es nicht, meint sie. Zwei Amerikanerinnen in Turnschuhen von Chanel schlagen die Hände vors Gesicht und jauchzen laut über Pirouetten, Courbetten, Levaden und Kapriolen der Hengste. „Beautiful“, „excellent“, „wow“ kommentieren sie abwechselnd.

240 Lipizzaner sollen erhalten bleiben

Am Rande der Reitbahn steht Elisabeth Gürtler, die Generaldirektorin der Spanischen Hofreitschule. Perfekt gestylt verfolgt sie den Beginn der Vorführung und spricht leise mit dem technischen Leiter. Gürtler ist eine Pferdefrau. Mit fünf Jahren ritt sie zum ersten Mal, mit 14 bekam sie ihr erstes Pferd. Später wurde sie österreichische Vizemeisterin im Dressurreiten und managt – seit sie 2007 die Führung des berühmten Hotel Sacher an ihre Tochter übergeben hat – die Hofreitschule. Gürtler versteht viel von Pferden, viel von Dressur und noch mehr vom Geschäft. Sie nimmt ihren Auftrag ernst, den einst maroden früheren Staatsbetrieb zu sanieren, der 2001 unter Kanzler Schüssel privatisiert wurde. Als frühere Organisatorin des Opernballs weiß sie, wie man Wiener Tradition und die Bedürfnisse der Touristen ausbalancieren kann. Mit Veranstaltungen wie der bevorstehenden Jubiläums-Gala und einem Sommerball in der Stallburg, die Fete Imperiale, findet sie neue Einnahmequellen und Sponsoren.

Den Weg ihres Vorgängers, das Tafelsilber zu verkaufen – in dem Fall Wälder –, geht sie nicht. Ihr Anspruch ist, dass die Hofreitschule Geld verdient und damit sich und auch das Gestüt Piber mit 240 Lipizzanern erhält. Doch nur einmal ist seit 2007 ein Überschuss von 30000 Euro gelungen, meist enden die Bilanzen mit einem Defizit von etwa einer Million Euro. Also macht sich Elisabeth Gürtler seit 2007 unbeliebt: Sie erhöht die Zahl der Aufführungen, Pferde und Bereiter in Wien, schickt die Pferde auf Tournee, kürzt den Urlaub, bietet im Sommerquartier Heldenberg Reit-Seminare an und beginnt die Empfehlungen des Rechnungshofes umzusetzen, die auch die Rechte der Bereiter betreffen. Diese verdienten teilweise 170000 Euro im Jahr, sind verbeamtet und kassieren – wie in Wien üblich – für alles Zulagen.

„Damals wurde nur von 8 bis 11 Uhr gearbeitet. Danach gingen alle in ihren eigenen Stall oder gaben Reitstunden“, erzählt Oberbereiter Hausberger, der nervös an seiner Uhr nestelt, wenn das Gespräch auf die Konflikte kommt. Gürtler führt Stechuhren ein, nimmt weibliche Lehrlinge auf, scheut keinen Konflikt – und setzt sich durch. Doch der Preis ist hoch, und weniger unabhängige Naturen hätten vermutlich längst das Handtuch geworfen.

Werden die Tiere gequält?

Ihre Gegner versuchen beharrlich mit Fotos und Videos nachzuweisen, dass die Lipizzaner mit einer Ausbildungsmethode namens Rollkur gequält werden. Gürtler weist das zurück: „Warum sollen wir die Tiere quälen? Wir reiten ja ohne Druck. Bei uns geht es nicht um Erfolge wie bei einem Turnier. Das Tempo der Ausbildung bestimmen die Pferde.“ Der „Freundeskreis der klassischen Reitkunst“ wirft Gürtler vor, das künstlerische Niveau sinke. Bei der Ausbildung von Pferd und Bereitern werde geschludert. „Das Gesetz schreibt klassische Reitkunst vor, aber betrieben wird die reine Kommerzialisierung“, sagt Joseph Offenmüller, der Sprecher des Freundeskreises. Gürtler sieht das pragmatisch: „Es gibt immer einige glanzvolle Reiter und manche, die es nicht so gut können. Das gilt auch für die Pferde. Der große Vorteil bei uns ist, dass unsere Bereiter sich gegenseitig kontrollieren und korrigieren können.“

Offenmüller hält den Oberbereiter Hausberger, der mit Jessica Werndl in Aubenhausen und Patricia Bottani in Langerringen in Bayern erfolgreich Dressurreiterinnen trainiert, für unkritisch. Dankbar ist er dagegen für die Unterstützung, die der Freundeskreis im Internet bekommt. „Es wird Material für eine Klage wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz gesammelt“, berichtet Wolfgang Zinggl. Als Kultursprecher der Grünen meint Zinggl, der Staat solle die Hofreitschule nur dann subventionieren, wenn dort ausschließlich die Lipizzanerzucht und die Pflege der Reitkunst betrieben werden. Das allerdings würde Österreich viel Geld kosten. ÖVP-Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter verhandelt deshalb mit der Chefin der Hofreitschule. Deren Ziel ist klar: „Wir benötigen eine Unterstützung von etwa einer Million Euro im Jahr. Darüber verhandeln wir derzeit – und sind auf einem guten Weg.“

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