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Paris

20.11.2019

Streit über Wiederaufbau: Wie soll Notre-Dame in Zukunft aussehen?

Hauptstreitpunkt ist die Frage, ob der schmale Spitzturm, der bei dem Brand in die Tiefe stürzte, rekonstruiert werden soll. Er stammt nicht aus den Anfangszeiten der mittelalterlichen Kathedrale, sondern wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts errichtet.
Foto: Thibault Camus, dpa

Im April zerstörte ein Brand die Pariser Kathedrale Notre-Dame. Noch während ihre Fundamente gesichert werden, spaltet eine Frage zum Wiederaufbau das Land.

Es ist, als gehe es nach einem Unfall gerade noch darum, die Wunden am Kopf einer verletzten Person zu verbinden – und die Ärzte streiten sich bereits lautstark über die Frisur des Verwundeten: Soll sie bald so wie vorher sein, so als sei nie etwas passiert? Oder moderner, zeitgemäßer? Seit ihrem Brand Mitte April ist die Pariser Kathedrale Notre-Dame eine Art berühmte Patientin, über deren Aussehen überaus kontrovers diskutiert wird.

Noch befindet man sich in der Phase der Sicherung und Stabilisierung der Fundamente. Auch muss das Gerüst demontiert werden, das vor der Feuerkatastrophe dort für Renovierungsarbeiten stand und dessen Rohre in der Hitze teilweise schmolzen – eine heikle Aufgabe vor allem in der Winterzeit mit windig-regnerischen Wetterbedingungen. Hieß es zunächst, beides werde bis Frühjahr oder Sommer 2020 dauern, zitieren französische Medien nun eine gut informierte Quelle mit der Warnung, dies könnte sogar das ganze kommende Jahr in Anspruch nehmen. Und erst dann wird es überhaupt um die Details des Wiederaufbaus der Kathedrale gehen, etwa um Materialien oder architektonische Elemente. Frankreichs Regierung hat dafür einen internationalen Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Nur: Schon jetzt entzweit die Frage das Land, wie Notre-Dame einmal aussehen soll.

Militärische Erfahrung für Wiederaufbau der Notre-Dame

Die Frage entzweit – allen voran – den Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau, General Jean-Louis Georgelin, und den Chefarchitekten für historische Bauwerke, Philippe Villeneuve. Das trat kürzlich mehr als deutlich bei einer Anhörung Georgelins vor dem Ausschuss für kulturelle Angelegenheiten in der Nationalversammlung zutage. Dort wurde dem 71-jährigen ehemaligen Generalstabschef der französischen Streitkräfte, den Präsident Emmanuel Macron wohl aufgrund seiner militärischen Erfahrung für diese "Kampf-Mission" um Notre-Dame auserkoren hatte, zu einem Interview von Villeneuve befragt. Denn dieser hatte sich dafür ausgesprochen, Notre-Dame originalgetreu wieder aufzubauen. Im kommenden Jahr sollen öffentliche Befragungen helfen, dies zu klären. Er habe Villeneuve bereits mehrmals geraten, "die Klappe zu halten", sagte Georgelin jedenfalls vor dem Ausschuss – und diese Szene macht seither die Runde in den sozialen Netzwerken. Zuletzt wies der französische Kultusminister Franck Riester den General zurecht: "Der Respekt ist ein wesentlicher Wert in unserer Gesellschaft. Als öffentliche Verantwortungsträger müssen wir uns vorbildlich verhalten."

Die Mehrheit will exakten Wiederaufbau der Notre-Dame

Hauptstreitpunkt ist die Frage, ob der schmale Spitzturm, der bei dem Brand in die Tiefe stürzte, rekonstruiert werden soll. Er stammt nicht aus den Anfangszeiten der mittelalterlichen Kathedrale, sondern der Architekt Eugène Viollet-le-Duc fügte ihn ihr Ende des 19. Jahrhunderts hinzu. Während sich eine Mehrheit der Franzosen für den exakten Wiederaufbau der Turmkonstruktion ausspricht, äußern Fachleute Einwände. Haupt- und Nebenschiff samt Gewölbe der Gotik, außer dem Vierungsgewölbe am Kreuzungspunkt der Kirchenschiffe, hätten das Feuer überstanden, erklärt der Grazer Architekt Bernhard Hafner. Das Feuer zerstörte die Dachkonstruktion aus Holz, weswegen "der nachträglich in der Gotik völlig deplatzierte Turm" einstürzte, welcher eine Punktlast anstatt der eigentlich erforderlichen gleichmäßigen Belastung dargestellt habe.

Präsident Macron hatte sich unmittelbar nach dem Brand dafür ausgesprochen, Notre-Dame mit modernen Elementen zu versehen. Auch versprach er damals, die Kathedrale werde in nur fünf Jahren wieder aufgebaut – ein ehrgeiziger Zeitplan, den viele Experten schnell in Frage stellten. Tatsächlich versicherte Georgelin bei seiner Anhörung, sieben Monate nach dem Brand sei man bei der Baustelle gut vorangekommen. "Durch den strikten Rhythmus konnten in zwei Monaten Arbeiten durchgeführt werden, von denen manche dachten, sie würden ein Jahr dauern." Man hoffe, den Vorplatz, der von der hohen Bleibelastung gesäubert wurde, bald wieder öffnen und die Gläubigen in einer provisorischen Konstruktion empfangen zu können.

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