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100 Jahre E-Gitarre

02.12.2020

Symbol für Rebellion, Liebe, Protest: Eine Hommage an die E-Gitarre

Bei den Rolling Stones waren die E-Gitarren in den 60er Jahren mehr als nur Instrumente, sie waren Waffen gegen das Establishment.
Bild: Laurent Gillieron, dpa

Mit der Erfindung des Verstärkers wurde die E-Gitarre zur Ikone. Eine Verneigung vor dem Instrument, das seit 100 Jahren die Massen elektrisiert.

Eigentlich ging es ihm vor allem um den Lärm, dieses verzerrte Krächzen, das die Nachbarschaft so unglaublich nervt. Mit seiner allerersten Gitarre klappte das natürlich nicht, die hatte sich der kleine Hermann Skibbe aus Burgau im Kreis Günzburg noch aus Legosteinen gebaut und mit Gummibändern „besaitet“. Doch dann bekam er die alte Akustische von seinem Opa, die ließ sich nicht nur richtig spielen, sondern auch laut machen: „Ich habe mit Knetmasse ein Mikrofon draufgeklebt und das Ganze mit einem Radio-Kassetten-Rekorder verstärkt, dann habe ich mich auf den Balkon gestellt und damit die Nachbarn verschreckt“, erzählt Skibbe heute mit sichtlichem Vergnügen, „das war mörderisch verzerrt. Und dann diese infernalisch pfeifende Rückkopplung.“

Man darf sich den damals halbwüchsigen Hermann wohl als glücklichen Menschen vorstellen. Heute verdient er mit der Gitarre seinen Lebensunterhalt, ist Musikproduzent, Texter, Satiriker, Festivalorganisator und Bandleader. Terrorisieren will er im Alter von 55 Jahren niemanden mehr, er schätzt die E-Gitarre vor allem als extrem vielseitiges Instrument, mit dem sich hart und laut rocken lässt. Allerdings fehlte der Stromgitarre lange die nötige Energie.

Die E-Gitarre befreite die Rhythmusknechte von ihrem unscheinbaren Schicksal

Vor rund 100 Jahren mühten sich die ersten Tüftler, die Sechssaitige zu verstärken. Sie haben damit langfristig nicht nur die Gitarristen aus ihrem Dasein als Rhythmusknechte befreit, sondern auch noch die Welt verändert, denn drei Akkorde in der richtigen Lautstärke können ebenso gut Unruhen befeuern wie riesige Menschenmassen in Liebe vereinen.

In den Jazzbands der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts hatten die Gitarristen wenig zu melden. Sie schrubbten auf ihrer „Schlaggitarre“, wie sie damals hieß, den Rhythmus. Als Solisten nach vorne zu treten wie der Mann mit dem Saxofon oder der Trompete blieb für sie ein unerfüllbarer Traum: Ihr Instrument war schlicht zu leise, um sich gegen Bläser und Schlagzeug durchzusetzen. Erste Versuche mit einem elektrischen Tonabnehmer blieben zunächst erfolglos. Lloyd Loar, leitender Ingenieur bei der Firma Gibson, entwickelte dann einen elektrischen Tonabnehmer, den er allerdings in eine Geige einbaute. Für Aufmerken sorgte Henry „Hank“ Kuhrmeyer, der 1928 die Gitarre „Stromberg Electro“ auf den Markt brachte. Über eine Metallstange wurden die Schwingungen des Korpus auf Magneten im Instrument übertragen, die an einen kleinen Verstärker angeschlossen waren.

Mit der Lautstärke des Saxofons in den Jazzbands der 20er konnte die Gitarre nicht mithalten.
Bild: Tobias Hase, dpa

Doch erst die „Bratpfanne“ brachte die Musik so richtig zum Kochen. So hieß die erste elektrische Seriengitarre, die 1932 auf den Markt kam. Und wer hat’s erfunden? Ein nach Los Angeles ausgewanderter Schweizer namens Adolph Rickenbacher, der seinen Namen zum legendären Markenbegriff „Rickenbacker“ amerikanisierte. Die „Frying Pan“ enthielt einen von dem Texaner George Beauchamp entwickelten Tonabnehmer. Der funktionierte schon damals so, wie er heute immer noch funktioniert: Die Schwingungen der Stahlsaiten erzeugen in einer Magnetspule einen schwachen Strom. Dieses Signal lässt sich beliebig verstärken und über einen Lautsprecher hörbar machen. Der wichtigste Schritt zum elektrischen Blues und Rock ’n’ Roll war getan, auch wenn die „Frying Pan“ ein sehr spezielles Instrument war, nämlich eine aus Aluminium gegossene Steel-Gitarre für die zu jener Zeit populäre, schmachtend-jammernde Hawaii-Musik.

Die E-Gitarre wurde zum Masseninstrument

Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die elektrifizierte Gitarre zum erschwinglichen Masseninstrument. Der Dank der Saiten zupfenden Zunft gebührt dem Radiotechniker Leo Fender, der 1950 die erste in Serie gebaute elektrische „Brettgitarre“ auf den Markt brachte, die völlig ohne hohlen Resonanzkörper auskam. Wie es sich für einen Radiotechniker gehörte, nannte er das zunächst Esquire getaufte Modell wenig später in Broadcaster (Sender, Sprecher), später in Telecaster (von Television) um. Sie gilt heute als vielleicht historisch wichtigste Stromgitarre überhaupt. Doch die erfolgreichste und meist kopierte E-Gitarre aller Zeiten schuf Fender 1954, die Stratocaster – eine Ikone der Popmusik. Sie gilt wegen ihrer Vielseitigkeit als die Rock-Axt schlechthin.

Die Elektrifizierung befreite nicht nur die frustrierten Rhythmusknechte, sondern sie machte der Gitarre schlicht Beine. Wer sie spielte, konnte in den Mittelpunkt treten und dank der nötigen Lautstärke Bühne und Publikumsmassen beherrschen. Junge Rock ’n’ Roller und später die Beatmusiker bekamen nun eine Waffe in die Hand, mit der sie die bornierte Erwachsenenwelt aufmischen konnten.

1965 etwa, als die Rolling Stones durch Deutschland tourten, versuchte die Politik so erschrocken wie vergeblich das Abendland zu retten. Die Regierung von Oberbayern musste entscheiden, ob die Musik der Stones kulturwürdig sei. Klare Antwort: Nein, denn „durch zahlreiche elektrische Tongeräte wird die Musik in einem Maße verstärkt, dass sie des Charakters der Musik im üblichen Sinne weitgehend entkleidet und schier als Lärm“ anzusehen ist. Mit einer Gitarre und einem bis zum Anschlag aufgerissenen Verstärker ließen sich unerhörte Klänge kreieren, die Protest und Provokation mit Sex und Sinnlichkeit paarten. Ende der 70er ging es dann beim Punk völlig unsinnlich um Frust über die herrschenden Verhältnisse und möglichst viel Krawall. Ohne den Lärm hübsch hässlich verzerrter Gitarren wäre das kaum denkbar gewesen.

Die Rolling Stones prägten die Rockmusik der 60er und 70er mit.
Bild: Carsten Rehder, dpa

Heute hat die E-Gitarre als akustisches Schießgewehr ausgedient, mit ihr werden weder Rebellionen angezettelt noch Eltern erschreckt. „Früher konnte man das noch mit einem Led-Zeppelin-Riff machen“, sagt Hermann Skibbe, „aber das klappt nicht mehr, weil denen das ja gefällt. Schockeffekte mit der E-Gitarre? Das geht nicht mehr.“ An ihre Stelle seien die unterirdischen Texte deutscher Rapper getreten, die gespickt seien mit Schimpfworten. Da braucht es keine gewaltige Lautstärke, um bei den Alten den Hals anschwellen zu lassen.

Ulrich Teuffel ist der berühmteste Gitarrenbauer der Region

Ulrich Teuffel sieht das ähnlich. Das Fachmagazin Gitarre&Bass hat ihn mal den „Popstar unter den deutschen Gitarrenbauern“ genannt. Instrumente aus seiner Werkstatt im Neu-Ulmer Stadtteil Holzschwang befinden sich etwa in den Händen von ZZ-Top-Gitarrist Billy Gibbons, von Metallicas Kirk Hammett oder von Filmmusik-Mogul Hans Zimmer. Dass die E-Gitarre zum Symbol für Aufbegehren und Rebellion werden konnte, liegt seiner Ansicht nach daran, dass sie leicht zu spielen ist – „da braucht man geringere Fähigkeiten als beim Klavier“ – und dass sie sich leicht verstärken ließ. Darüber hinaus biete sie unendlich viele Möglichkeiten, den Klang zu manipulieren, ihn zu verzerren, ihn auch bewusst hässlich zu machen. Und weil die Saiten nun mal in der Regel angeschlagen werden, bekomme das Instrument zusätzlich eine aggressive Note – daher sei es für Rebellion prädestiniert.

Auch wenn mit der Strom-Axt heute keine Protestbewegungen mehr angeführt werden, funktioniert sie nach Meinung von Ulrich Teuffel immer noch als „Bildmacht“. Wer sich mit einer E-Gitarre zeigt, produziert im Kopf des Betrachters jede Menge Bilder, die alle etwas mit „wild und unangepasst“ zu tun haben. Für Ulrich Teuffel steht sie schlicht als Symbol für die Popkultur.

Als solches dankt sie allerdings gerade ab. Das zumindest befand die Washington Post vor drei Jahren in einem aufsehenerregenden Artikel, der in Anspielung auf einen Beatles-Song betitelt war mit den Worten „Why my guitar gently weeps“, also „Warum meine Gitarre sanft weint“. Im Bild ging eine Gitarre in Flammen auf. Die Kernthese: Gitarrenbauer befänden sich in einer Krise, zudem gebe es keine Idole mehr, weshalb junge Leute keine Gitarren mehr kaufen. Daran stimmte, dass sich damals der Traditions-Gitarrenbauer Gibson in einer bedrohlichen Krise befand. Dazu jedoch hatten vor allem geschäftliche Fehlentscheidungen geführt.

Das Musikhaus Thomann in Burgebrach ist der weltgrößte Versand für Musikinstrumente. Die Hallen der Firma haben das Dorf in der Nähe von Bamberg mittlerweile zur Hälfte überwuchert. Vom „leisen Weinen“ der Gitarre hat Marketing-Liter Dominic Wagner noch nichts gehört, im Gegenteil. Im Gitarren-Bereich von Thomann gehe es seit Jahren stetig bergauf: „Der läuft gut.“ Gerade in der Corona-Zeit suchten viele nach einer Freizeitbeschäftigung. Und die finden sie offenbar beim Gitarrezupfen.

Fender ist so erfolgreich wie noch nie

Das spielt jemandem wie Andy Mooney voll in die Karten. Der Chef von Fender Guitars verkündete vor wenigen Wochen, seine Firma werde heuer das erfolgreichste Geschäftsjahr der Firmengeschichte hinlegen. Das Unternehmen, das seine legendären Telecasters und Stratocasters in neuen Varianten, aber im Kern unverändert immer wieder neu auflegt, hat seine Marktanteile deutlich ausgebaut. Auch andere große Hersteller berichten von einem Boom. Selbst der vor drei Jahren am Abgrund stehende Hersteller Gibson kann gar nicht so viele Stücke bauen, wie er verkaufen würde. Während der Anstieg in diesem Jahr sicherlich von Corona und der Suche nach häuslicher Zerstreuung befeuert wurde, steckt hinter dem Boom noch etwas anderes: Die Gitarre ist nicht mehr länger ein Instrument für langhaarige, breitbeinig rockende Kerle, denn immer mehr Frauen entdecken es für sich. Laut einer Studie von Fender sind 50 Prozent der Gitarrenbeginner mittlerweile weiblich.

Heutzutage geht es nicht mehr darum, laut und virtuos Geschwindigkeitsrekorde auf dem Griffbrett zu brechen und cool auszusehen. In der Fender-Studie heißt es, 61 Prozent der neuen Gitarristinnen und Gitarristen wollen nur Songs mit Freunden spielen und nicht mehr Rockstars werden. Sie möchten einfach nur ihr Leben bereichern.

Das Leben von Hermann Skibbe hat die Gitarre bereits seit Jahrzehnten bereichert. Er ist überzeugt, dass es kein vielseitigeres Instrument gibt. Die Elektrische kann mal klingen wie ein beschleunigendes Motorrad, mal wie ein Glockenspiel oder wie ein kompletter Bläsersatz. Deshalb sagt er: „Die E-Gitarre gibt es noch in 1000 Jahren.“

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