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Periode

26.07.2020

Tabuthema Menstruation? Zwei Frauen kämpfen gegen das Stigma

Die Periode gilt nach wie vor als ein Tabuthema.
Bild: picture alliance/Ohde /Alamy Stock Photo/belvona GmbH/obs

Plus Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung kennt sie, und trotzdem ist sie ein Stigma: die Periode. Zwei Frauen erzählen, wie sie sich für mehr Offenheit einsetzen.

Wer "Carrie" von Stephen King gelesen oder eine der Verfilmungen gesehen hat, dem wird diese eine Szene noch gut in Erinnerung sein: Carrie steht nach dem Sportunterricht in der Dusche und wäscht sich. Plötzlich ist da überall Blut - viel zu viel Blut, aber das nur nebenbei - und Carrie reagiert panisch. Ihre Mutter hat sie nie über die Periode aufgeklärt und Carrie ist völlig ahnungslos, was mit ihr passiert. Von den anderen Mädchen wird sie dafür ausgelacht und mit Binden und Tampons beworfen, bis die Sportlehrerin sich ihrer annimmt. Das Trauma wird Carrie allerdings nie wieder los - und die Geschichte endet damit, dass die rachsüchtige Carrie hunderte Menschen umbringt, bevor sie selbst stirbt.

Doch nicht nur im Film wird die Menstruation oft dazu genutzt, um zu schocken oder Ekel auszulösen. Auch in der echten Welt lastet ihr nach wie vor ein Stigma an. In der Werbung wird die Periode zum Beispiel kaum gezeigt, wie sie ist. Stattdessen wird steril aussehende, blaue Flüssigkeit auf eine Binde getröpfelt. Viele Frauen schieben bei Menstruationsschmerzen lieber einen Magen-Darm-Infekt vor, um vor ihrem Arbeitgeber nicht die Wahrheit sagen zu müssen. Und manche Kulturen grenzen menstruierende Frauen sogar gänzlich aus.

Seit einigen Jahren regt sich allerdings Widerstand gegen das Tabu. 2015 sei dabei ein entscheidendes Jahr gewesen, sagt Bettina Steinbrugger. Gemeinsam mit Annemarie Harant gründete sie 2011 "Erdbeerwoche", das erste auf Menstruation spezialisierte Social Business - also ein Unternehmen, das sich für gesellschaftliche und soziale Belange einsetzt. "In den Jahren vor 2015 ist den Leuten die Kinnlade heruntergefallen, wenn wir von unserem Business erzählt haben. Doch seitdem bemerke sie einen Wandel. Auch die Frauenzeitschrift Cosmopolitan bezeichnete 2015 als "das Jahr, in dem die Periode öffentlich wurde". Das Magazin sammelte in einem Artikel acht Ereignisse, die dazu beigetragen hätten, die Periode zu enttabuisieren und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Bettina Steinbrugger (links) und Annemarie Harant, Gründerinnen von Erdbeerwoche
Bild: Erdbeerwoche

Frauen in Unterwäsche sind gesellschaftlich akzeptiert - Blutflecken allerdings nicht

In dem Artikel kommt auch die indisch-kanadische Schriftstellerin und Illustratorin Rupi Kaur vor. 2015 veröffentlichte sie ein Foto auf Instagram, auf dem sie mit Blutfleck auf der Hose und dem Bett zu sehen ist. Das Bild ist Teil einer Fotoserie, die Kaur für einen Kurs an ihrer Universität erstellt hat. Unter dem Bild erntete sie zahlreiche positive Kommentare, aber auch Kritik. Darf man Menstruation so offen zeigen? Instagram löschte das Bild schließlich - und das, obwohl es gegen keine Richtlinie des sozialen Netzwerks verstieß. Rupi Kaur lud das Foto erneut hoch und schrieb dazu: "Danke Instagram, dass ihr genau die Reaktion gezeigt habt, die ich mit diesem Bild kritisieren wollte." Kaur prangert an, dass die frauenfeindliche Gesellschaft sie jederzeit in Unterwäsche akzeptieren würde, aber nicht angezogen mit einem Blutfleck auf der Hose.

Aufklärung über die Menstruation kommt im Unterricht und Zuhause viel zu kurz

Aber warum ist das Thema nach wie vor mit Scham behaftet? "Das geht ganz weit zurück", sagt Bettina Steinbrugger. "Religionen haben Menstruation eigentlich immer negativ besetzt." Von einer "Strafe Gottes" sei da die Rede, oder davon, dass Menstruationsblut giftig sei. "Diese Schwachsinnigkeiten haben sich lange gehalten." Aber auch heute noch werde zum Beispiel in der Werbung ein falsches Bild vermittelt. Da heiße es, der Tampon nehme die Periode dort auf, wo sie passiert. "Und dann sieht man einen Tampon in einer Hand", sagt die österreichische Unternehmerin. "Oder Frauen in weißen Kleidern, die über Blumenwiesen hüpfen." In der Realität leiden jedoch viele Frauen unter Menstruationsbeschwerden. Auch die Art und Weise, wie in Familien über das Thema gesprochen wird, ist laut Steinbrugger ausschlaggebend: "Frauen haben meist die Einstellung zur Menstruation, die ihre Mutter dazu hatte." Wenn diese jedoch selbst nicht richtig aufgeklärt ist oder das Thema als schambehaftet empfindet, gibt sie das auch so an ihre Tochter weiter.

Apropos Aufklärung: Hier liegt laut Steinbrugger einer der größten Knackpunkte. Sie kritisiert, dass in Schulen nicht genug über das Thema gesprochen wird - und wenn, dann zu abstrakt. "Die Mädels haben meist ganz andere Sorgen. Zum Beispiel, welches Hygieneprodukt soll ich nutzen? Was kann ich tun gegen Schmerzen?"

Gefährliche Unwissenheit: 53 Prozent der Jungen denken, die Menstruation dient der Verhütung

Wie wenig Jugendliche tatsächlich über die Periode wissen und welche Auswirkungen das hat, zeigt eine Umfrage von Erdbeerwoche aus dem Jahr 2017, an der 1100 Jugendliche teilnahmen. Das erschreckende Ergebnis: 60 Prozent der befragten Mädchen stehen ihrer Periode negativ gegenüber. Und 70 Prozent der Jungen finden das Thema einfach nur peinlich und unwichtig. Allerdings kann dieses Unwissen schnell gefährlich werden, wie die Umfrage weiterhin zeigt: 53 Prozent der befragten Jungen dachten laut Steinbrugger nämlich, die Menstruation diene der Verhütung.

Lucia Zamolo spricht in ihrem Buch "Rot ist doch schön" über die Periode.
Bild: Lea-Mara Wilper

Doch was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn es in dem Glauben aufwächst, die Menstruation sei etwas, wofür sie sich schämen muss? Eine negative Einstellung zur Periode sei oftmals auch mit einem negativen Gefühl mit dem eigenen Körper verbunden, sagt Steinbrugger: "Viele Mädchen und Frauen haben ein Schamgefühl vor sich selbst entwickelt." Dies wirke sich auch auf das Selbstbewusstsein aus - vor allem, wenn sie ständig Angst davor haben müssen, von anderen ausgelacht zu werden. Gerade deshalb sei es aber so wichtig, auch den Jungen das Thema näherzubringen und sie dafür zu sensibilisieren. Erdbeerwoche hat deshalb die interaktive Lernplattform "Ready for Red" ins Leben gerufen, die sich an Mädchen und Jungen richtet. "Und wir haben gemerkt: Jungs sind eigentlich total interessiert an dem Thema, wenn man ihnen die Chance dazu gibt und es jugendgerecht verpackt."

Lucia Zamolo: "Das Tabu bricht nur in einem bestimmten Kreis"

Auch Lucia Zamolo hat sich in ihrem Buch "Rot ist doch schön" mit der Periode beschäftigt. Es ist ein Buch für alle, sagt sie. Für Frauen und Männer, für jeden, der mehr über das Thema wissen möchte. Aber es richtet sich vor allem an junge Frauen und Mädchen, die gerade ihre Periode bekommen haben. Denn das Buch soll Mut machen. Die 1991 geborene Illustratorin sagt, sie habe es geschrieben, als sie merkte, dass das Thema selbst in ihrer jungen Generation noch schambehaftet ist. "Ich glaube, das Tabu bricht nur in einem bestimmten Kreis", sagt sie mit Blick auf die zahlreichen Instagram-Accounts zum Thema "Period Positivity". Diese erreichen ihr zufolge nämlich vor allem diejenigen, die sowieso schon offen für das Thema sind - in vielen anderen Köpfen sei die Menstruation nach wie vor negativ besetzt.

"Seinen Körper spüren zu lernen und zu wissen, da passiert gerade was - das ist so cool."

LUCIA ZAMOLO

In einer patriarchalisch geprägten Welt ist kaum Platz für die Bedürfnisse von Frauen

Das liegt möglicherweise auch daran, dass generell die Bedürfnisse von Frauen lange hintenangestellt wurden. In der Medizin zum Beispiel galt der Mann lange Zeit als Norm - teilweise mit schwerwiegenden Konsequenzen für Frauen, wirken doch manche Medikamente im weiblichen Körper völlig anders. "Unsere Welt ist vom Patriarchat geprägt", sagt Zamolo. "Erst langsam bekommen Frauen viel mehr Rechte. Und natürlich finden Frauenthemen dann weniger Gehör." Das beginne ja schon damit, dass in vielen Biologiebüchern die weiblichen Geschlechtsteile falsch oder unzureichend dargestellt werden - vor allem die Lustorgane. Das sieht Bettina Steinbrugger genauso: "Es hat bis spät in die 90er gedauert, bis die gesamte Dimension der Klitoris bekannt wurde. Und es liegt sicherlich noch einiges im Argen. Die Forschung hinkt hinterher."

Das Buch "Rot ist doch schön" von Lucia Zamolo
Bild: Bohem Press

In Indien dürfen menstruierende Frauen oft nicht einmal das Haus betreten

Vor einigen Jahren ist Steinbrugger für die Dokumentation "Verbotene Tage" nach Indien gereist. Und sie hat gesehen, dass dort das Stigma noch einmal eine ganz andere Dimension hat: "In Indien werden Frauen aufgrund ihrer Menstruation massiv diskriminiert." Nur ein geringer Prozentsatz der Frauen haben überhaupt Zugang zu Hygieneprodukten. Viele nutzen stattdessen schmutzige Stoffreste oder Heubündel. Dadurch riskieren sie laut Steinbrugger ihre Gesundheit - denn Keime und Bakterien breiten sich aus und begünstigen Infektionen. In keinem anderen Land sterben so viele Frauen an Gebärmutterhalskrebs wie dort.

Sobald ein Mädchen seine Tage bekommt, wird es außerdem oft aus der Schule genommen. "Frauen verpassen so bis zu fünf Jahre Schulbildung", sagt Steinbrugger. Teilweise dürfen menstruierende Frauen nicht einmal das eigene Haus betreten - nachts müssen sie neben der Eingangstür schlafen. Und der Glaube, die Berührung einer menstruierenden Frau mache krank oder bringe einen Fluch, halte sich immer noch hartnäckig. Dabei ist die Periode eigentlich nur ein Zeichen dafür, dass der Körper gesund ist und funktioniert: Im Laufe des weiblichen Zyklus bereitet sich die Schleimhaut der Gebärmutter auf eine mögliche Schwangerschaft vor. Sie wächst, damit sich dort ein befruchtetes Ei einnisten könnte. Tritt dies nicht ein, dann löst sich am Ende des Zyklus die oberste Schleimhautschicht von der Gebärmutterwand. Das Gewebe fließt mit etwas Blut dann ab - und das ist die Menstruation.

Steinbrugger, die sich mit Erdbeerwoche auch für nachhaltige Hygieneprodukte einsetzt, hat schnell gemerkt: Das ist in Indien noch lange kein Thema. "Erst einmal geht es überhaupt um die Verfügbarkeit von Hygieneartikeln." Und es geht auch um den Preis: "Oftmals prostituieren sich Frauen, um Binden kaufen zu können", erzählt die Unternehmerin. In Deutschland hingegen wurden Hygieneprodukte zum Anfang dieses Jahres nach viel Protest sogar günstiger, weil die sogenannte "Luxussteuer" gesenkt wurde.

Nur jede fünfte Frau spricht mit ihrem Partner über ihre Periode.
Bild: picture alliance / obs / SCA GmbH

"Die Periode ist eine Superpower"

Was muss die Gesellschaft also tun, um das Tabu zu brechen? "Drüber reden", sagt Bettina Steinbrugger. "Nicht nur mit der Tochter oder mit Freundinnen - sondern ganz egal mit wem." Es muss Schluss damit sein, dass Frauen hinter vorgehaltener Hand nach einem Tampon fragen müssen "als wären es Drogen". Auch Lucia Zamolo hofft auf mehr Entspanntheit bei dem Thema. "Ich wünsche mir, dass es etwas Normales wird. So wie Naseputzen. Das ist ja auch nicht die schönste Vorstellung, aber es ist normal."

Denn letztendlich sei die Menstruation eine richtige Superpower, findet Steinbrugger - und Frauen sollten ihren Körper dafür wertschätzen. Zamolo stimmt ihr zu: "Seinen Körper spüren zu lernen und zu wissen, da passiert gerade was - zum Beispiel der Eisprung. Das ist so cool."

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