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Filmkritik

20.04.2016

Thomas Vinterbergs "Die Kommune": Emotionales Chaos in der WG

Ulrich Thomsen als Erik und Helene Reingaard Neumann als Emma in einer Szene des Kinofilms "Die Kommune".
Bild: Prokino/dpa

"Die Kommune" verbindet das Porträt einer Wohngemeinschaft in den 70er Jahren mit einem differenzierten Blick auf das utopische Potenzial alternativer Lebensentwürfe. Die Kritik.

Thomas Vinterberg, der mit seinem legendären Dogma-Film „Das Fest“ die bürgerlichen Familienstrukturen mit dramatischer Wucht seziert hat, setzt sich nun in „Die Kommune“ mit den wahlverwandtschaftlichen Verhältnissen in einer linken Wohngemeinschaft während der siebziger Jahre auseinander.

Thomas Vinterbergs "Die Kommune" zeigt die wilden 70er

Als der Architektur-Dozent Erik (Ulrich Thomsen) das Haus seiner Eltern erbt, ist die Versuchung groß, das herrschaftliche Anwesen in einem Kopenhagener Nobelviertel für einen Millionenbetrag zu verkaufen. Viel zu geräumig ist es für ihn, seine Frau Anna (Trine Dyrholm) und Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) – und im Unterhalt zu kostspielig. Aber Anna sieht in dem Haus mehr als den monetären Wert. Sie überredet Erik mit ein paar Freunden eine Kommune zu gründen.

Schließlich lebt man in Dänemark in den wilden Siebzigern, wo kollektive Wohnexperimente zum freigeistigen Lebensstil gehören. Schon bald teilen sich sieben Erwachsene und zwei Kinder das 420 Quadratmeter große Herrenhaus. Eine ulkiges WG-Chaos mit einem weinerlichen schwedischen Flüchtling, der nie Geld hat, mit einer herrischen Linken und einem kleinen Jungen, der jederzeit sterben könnte. Es wird viel getrunken, geraucht, palavert und abgestimmt. Einmal die Woche erzählen alle am Küchentisch, wie es ihnen ergangen ist. Wer seine Sachen nicht wegräumt, muss damit rechnen, dass sie im Garten verbrannt werden.

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Es ist keine verkopfte Polit-Kommune, die Vinterberg hier entwirft, sondern eine, die sich mehr über den Spaß am Zusammenleben als über endlose ideologische Diskussionen definiert. Im Kino führte der retrospektive Blick auf die idealistischen Lebensexperimente jener Zeit ja zumeist direkt in die Komödie. Anders etwa als sein schwedischer Kollege Lukas Moodysson in „Zusammen!“ besteht Vinterberg auf einen unironischen, undistanzierten Blick auf das WG-Leben dieser experimentierfreudigen Epoche und verzichtet auf die gängigen Kommune-Klischees wie Kiffen am Frühstückstisch oder ausgehängte Klotüren.

Dreiecksbeziehung in "Die Kommune" als schlüssiges Experiment

„Die Kommune“ nimmt die alternativen Lebensentwürfe dieser Generation ernst, zeigt die befreienden Aspekte kollektiver Utopien genauso wie die Grenzen, an die das Paar gerät, als es die Gebote der freien Liebe in einer Dreiecksbeziehung zu leben versucht. Denn als Erik sich in die schöne Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) verliebt, lädt Anna die Geliebte ihres Mannes mit in die WG ein. Aus heutiger Sicht vielleicht ein aussichtsloses Unterfangen, aber im Film ein in der Figur und ihrer Zeit schlüssiges Experiment.

Trine Dyrholm, die bei der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, ist fabelhaft in der Rolle dieser weitherzigen Frau, die versucht ihre Ehe durch eine offene Partnerschaft zu retten und sich dabei in schmerzlicher Hingabe vollkommen übernimmt. Mit seinem großartigen Ensemble und einem ausgeprägten Sinn für Zeitkolorit wirft Vinterberg einen nostalgiefreien Blick auf den Lebensgeist dieser oftmals belächelten Ära, in der Wagnisse eingegangen wurden, die heute oft aus Bequemlichkeit zum Scheitern verurteilt werden.

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