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Tod von Tugce
24.04.2015

Angeklagter im Tugce-Prozess: "Es tut mir unendlich leid"

Der 18-jährige Angeklagte bereute beim Tugce-Prozess seine Tat. Er habe nie mit ihrem Tod gerechnet.
2 Bilder
Der 18-jährige Angeklagte bereute beim Tugce-Prozess seine Tat. Er habe nie mit ihrem Tod gerechnet.
Foto: Kai Pfaffenbach (dpa)

Nach dem Schlag von Sanel M. stürzte Tugce so schwer, dass sie starb. Beim Prozess um ihren Tod bereut der 18-Jährige unter Tränen seine Tat.

Schon nach den ersten Worten bricht seine Stimme. „Ich habe in der Tatnacht Tugce eine Ohrfeige gegeben, dann ist sie umgefallen“, hat Sanel M. mit leiser Stimme Richtung Richter gesagt, den Kopf nach vorne über den Tisch gebeugt, wo ein Blatt mit wenigen Sätzen liegt.

Er liest ab, und doch bringt er die Worte kaum hervor. Das Sprechen ist ein Schluchzen: „Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe. Ich habe nie mit ihrem Tod gerechnet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was für ein Leid ich der Familie angetan habe. Es tut mir so leid.“

Die Menschen, denen Sanel M. die Tochter, die Schwester genommen hat, sitzen schräg hinter ihm. Mit eisigen Mienen und Blicken, gerichtet auf Sanel M., haben der Vater, die Mutter und die beiden Brüder von Tugce Albayrak die kurze Erklärung verfolgt.

Familie Albayrak ist zum Prozessauftakt gekommen, um eine Antwort darauf zu finden, warum die 22-jährige Tugce sterben musste. Um den Angeklagten, den 18-jährigen Sanel M., zu sehen, der Tugce in der Nacht des 15. November 2014 nach einem heftigen Wortgefecht so schlug, dass sie reaktionslos zu Boden fiel, mit dem Kopf aufschlug und später ihren schweren Verletzungen erlag.

Tugce wollte zwei Mädchen beschützen

Weil die Lehramtsstudentin aus Gelnhausen zuvor zwei 13- und 14-jährige Mädchen in der Damentoilette einer Offenbacher McDonald’s-Filiale vor der Belästigung durch Sanel M. und zwei Freunde beschützt haben soll, wurde Tugce anschließend zur Heldin, zum Symbol für Zivilcourage. Der vorbestrafte Sanel M. hingegen wurde zum Sinnbild des skrupellosen Schlägers. Seit Freitag verhandelt die Große Strafkammer des Landgerichts Darmstadt über die Unglücksnacht.

Draußen vor dem Gericht erinnert eine Gruppe von 50 Leuten mit Transparenten an die Studentin. Drinnen ermahnt der Vorsitzende Richter Jens Aßling einige Zuschauer, im Gerichtssaal von Demonstrationen abzusehen.

Mit einem braunen Din-A4-Umschlag vor den Augen ist Sanel M. in den Gerichtssaal gekommen zum Schutz vor den Kameras. Vier Schritte, mehr geschoben als gegangen, dann sitzt er auf der Anklagebank neben Stephan Kuhn, einem seiner drei Anwälte. Sanel M. hat ein blasses Gesicht, er ist groß und schmal.

Die Anklageschrift verliest die Staatsanwaltschaft in gerade mal drei Minuten: die Entstehung des Streits zwischen Tugce und Sanel M. in der Damentoilette, die anschließenden Wortgefechte, der Schlag mit der flachen Hand, die tragischen Folgen. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge ist Sanel M. angeklagt. „Der Angeklagte konnte erkennen, dass die Tat zum Tod führen konnte.“

Bruder von Tugce: Ihr Tod hat für die Familie alles zerstört

Als erster Zeuge berichtet Tugces ältester Bruder von den schlimmen Folgen, die der tragische Tod seiner Schwester für die Familie habe. „Nach der ersten Schockphase befinden wir uns nun in der Realisierungsphase, die ist noch schlimmer“, erklärt der 27-Jährige, der zusammen mit seiner Schwester an der Universität Gießen studierte, gefasst.

Vor dem Landgericht in Darmstadt hielten etwa 50 Freunde der getöteten Studentin Tugce eine Mahnwache ab.
Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

Seine Eltern seien seit dem Verlust der Tochter nicht mehr in der Lage, zu arbeiten, der kleine Bruder habe seine Ausbildung abgebrochen. Ein Teil der Familie sei in psychologischer Behandlung. „Jedem einzelnen von uns geht es so schlecht wie nie zuvor im Leben.“ Seine Schwester sei ein lebensfroher Mensch gewesen, liebevoll, selbstständig, mit einem hohen Gerechtigkeitsempfinden.

Während einer Pause auf dem Gang vor dem Gerichtssaal übt sich Macit Karaahmetoglu, der Nebenklageanwalt von Tugces ältestem Bruder, in der Deutung der Geschehnisse: „Die Erklärung des Angeklagten war sehr knapp und floskelhaft“, sagt er. Oberstaatsanwalt Alexander Homm verriet vor der Vernehmung der zwei 13 und 14 Jahre alten Mädchen, denen Tugce in der Tatnacht zu Hilfe gekommen sein soll, dass sich die Aussagen der beiden sehr unterschieden. „Aber keine von beiden hat sich bedroht gefühlt“, sagte Homm.

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