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Stuttgarter Raserprozess

13.11.2019

Tödlicher Unfall mit 550-PS-Jaguar: Wann sind Raser Mörder?

Am Unfallort haben Familie und Freunde eine kleine Erinnerungsstätte geschaffen. Auf dem Gedenkstein steht: „Sinnlos aus dem Leben gerissen. Ihr fehlt“.
Bild: Ulrike Bäuerlein

Plus Ein 20-Jähriger jagt einen 550-PS-Jaguar durch Stuttgart. Er gerät ins Schleudern, knallt in einen Kleinwagen. Ein junges Paar stirbt. Nun steht das Urteil an.

Die kleine Erinnerungsstätte am Rand der Rosensteinstraße in Stuttgart, direkt neben der Ausfahrt eines Parkhauses, ist von Herbstblättern bedeckt. Am Baum das Porträt eines strahlenden jungen Paares, darunter Gedenkschleifen. Auf dem Grasflecken davor liegt ein herzförmiger grauer Gedenkstein, der die Namen und ein Foto der beiden Opfer trägt, von drei ewigen Lichtern und zwei Herbstbuketts eingefasst. „Sinnlos aus dem Leben gerissen. Ihr fehlt“, steht auf dem Stein. Und dann ist da unter dem Baum ein blaues Buch, Jules Vernes „Land der Diamanten“, der Einband von Feuchtigkeit mitgenommen. Darin liegt eine Karte, auf die jemand zwei große Herzen gemalt hat. In den Herzen steht „Für Papa“ und „Für Mama“.

Ein junger Mann, ein PS-starker Sportwagen, Imponiergehabe, Selbstüberschätzung. Eine fatale, eine tödliche Kombination. Sie führt am späten Abend des 6. März 2019 in der Stuttgarter Innenstadt zu einem verheerenden Unfall, bei dem zwei unbeteiligte junge Menschen ihr Leben verlieren und der mehrere andere Leben für immer tief greifend verändert. Die Anklage gegen den damals 20-jährigen Fahrer lautet auf Mord. Im sogenannten Raserprozess vor dem Stuttgarter Landgericht wird an diesem Freitag das Urteil erwartet.

In einem Fall mit einer ähnlichen Ausgangskonstellation hat das Landgericht Darmstadt erst Anfang des Monats geurteilt. Der 19-jährige Fahrer, nach eigenen Angaben ein „Autonarr“, war ohne Führerschein und Zulassung unterwegs gewesen. Auf der Flucht vor der Polizei hatte er mit hoher Geschwindigkeit einen Unfall verursacht, bei dem eine unbeteiligte 39-Jährige starb, ihr zehnjähriges Kind und der Unfallfahrer selbst schwer verletzt wurden. Das Gericht befand: Es war Mord. Der Täter erhielt eine Jugendstrafe von sechs Jahren und vier Monaten.

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Nahm der Raser den Tod des Paares billigend in Kauf?

Deutsche Gerichte müssen sich in immer mehr Fällen mit Fragen auseinandersetzen wie: Sind Raser potenzielle Mörder, wenn sie mit getunten Fahrzeugen und PS-Boliden als tödliche Waffen in absurd hohem Tempo durch die Städte oder über die Autobahnen röhren? Und: Nimmt ein Raser den möglichen Tod anderer durch sein Tun billigend in Kauf?

Während der gesunde Menschenverstand dazu neigt, sofort lauthals „Ja“ zu rufen, hat diese Bewertung für Juristen – und Angeklagte – eine ganz andere Dimension. Je nach Bewertung steht am Ende eine Verurteilung wegen Mordes und zu einer langjährigen Haftstrafe – oder eine wegen fahrlässiger Tötung, mit der auch eine Bewährungsstrafe einhergehen kann.

Stuttgart, 6. März: In diesem Citroën (vorne) stirbt ein junges Paar. Ein Jaguar (links) ist mit hohem Tempo in den Kleinwagen gerast.
Bild: Kohls/SDMG, dpa

Über nichts anderes muss die Kammer im Fall des Stuttgarter Prozesses befinden. Während Staatsanwaltschaft und Nebenkläger auf Mord plädieren, hält die Verteidigung eine Jugendstrafe von höchstens zwei Jahren wegen fahrlässiger Tötung und Straßenverkehrsgefährdung für angemessen. Es ist die erste Mordanklage nach einem Raser-Unfall in Baden-Württemberg, der Richterspruch dürfte wie auch das Urteil von Darmstadt bundesweit Beachtung finden.

Der Täter von Stuttgart, Mert T., ist heute 21 Jahre alt. Er ist wohl, das legen Aussagen aus seinem Umfeld nahe, kein typischer Prahler und PS-Protzer. Als zurückhaltend, schüchtern und hilfsbereit wird er geschildert. Ein eigenes Bild können sich die stets zahlreichen Besucher an den Verhandlungstagen, so weit diese öffentlich sind, nicht machen. Mert T. schweigt. Seine Aussage zur Person findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, zur Tat selbst äußert er sich nicht. Stattdessen verliest Markus Bessler, einer seiner beiden Verteidiger, eine siebenseitige „Einlassung zur Sache“ im Namen seines Mandanten.

Der junge Deutsche mit türkischen Wurzeln hat eine gute Ausbildungsstelle, er lernt Mechatroniker bei Daimler. Keine schlechte Perspektive für den jungen Mann, der seiner Mutter, einer Putzfrau, gelegentlich beim Arbeiten hilft. Seine Clique, junge Männer mit vergleichbarem Hintergrund, trifft sich im Nordbahnhofviertel unweit des Unfallorts in einer Shisha-Bar. Sie hängen dort ab, chillen. Besondere Erlebnisse oder solche, die sie dafür halten, teilen sie sofort per Instagram mit sich und der Welt.

Jaguar F-Type, 550 PS, Höchstgeschwindigkeit: 300 km/h

Am Mittag des 6. März 2019 leiht sich Mert T. von einer kleinen Autovermietung bei Stuttgart für die Tagesgebühr von 195 Euro einen weißen Jaguar F-Type mit 550 PS, Höchstgeschwindigkeit 300 km/h. Anders als bei anderen Verleihern, die für diese Autoklasse ein Mindestalter von 25 Jahren verlangen, gibt es bei diesem keine besondere Altersgrenze nach unten. Der Vermieter, ein ebenfalls autobegeisterter 25-Jähriger, betreibt den Verleih als Nebengeschäft, mehr als Hobby.

Neben dem Jaguar hat er noch zwei andere Autos im Verleih, einen BMW M4 und einen Mercedes CLS. Beide hat sich Mert T. schon ausgeliehen, jeweils ohne Auffälligkeiten. Es wird die letzte Vermietung sein, nach dem Unfall wird der Verleiher bedroht, er schließt den Betrieb.

Der 20-jährige Mert T. übernimmt das Auto am Nachmittag in Stuttgart, postet sofort auf Instagram ein Foto. Den Nachmittag und Abend verbringt er mit rasanten Spritzfahrten, er fährt immer wieder durch sein Viertel am Stuttgarter Nordbahnhof, rast über die Ein- und Ausfallstraßen auf die Autobahn, nimmt Freunde aus seiner Clique mit, die Videos davon drehen und sie auf Instagram veröffentlichen. Mert T. gibt Gas, testet das Auto aus, lässt den Klappenauspuff knallen, will seinen Kumpels imponieren. „Ich wollte damit in Anwesenheit meiner Freunde angeben“, liest der Verteidiger aus der Einlassung vor, und: „Ich ging an diesem Tag davon aus, dass ich das Auto jederzeit unter Kontrolle habe.“

Mert T. will am nächsten Tag mit seiner Freundin in Urlaub fahren, er will früh ins Bett, das Auto abstellen und am Morgen zurückbringen. Da bittet ihn ein Kumpel noch spät, eine Runde zu drehen. Mit dem Freund auf dem Beifahrersitz rast der 20-Jährige einmal mehr durch die Innenstadt, er fährt auf einer zweispurigen Straße durch ein Wohn- und Geschäftsviertel und ist dort der Einschätzung des Gutachters zufolge bis zu 165 Stundenkilometer schnell, als er nach einer langen Kurve auf der Gegenfahrbahn ein über seine Spur abbiegendes Fahrzeug wahrnimmt.

Mert T. will ausweichen, bremst, verliert die Kontrolle. Der Jaguar knallt frontal in die Beifahrerseite eines Kleinwagens, der auf der linken Straßenseite an der Ausfahrt einer Tiefgarage steht. Das Auto wird durch den Aufprall durch die Luft geschleudert und völlig zerstört. Die Insassen des kleinen Citroën C1, der 25-jährige Riccardo K. und seine Freundin, die 22-jährige Jaqueline B., sind sofort tot. Der Jaguar prallt noch auf einen Betonpfosten. Mert T. und sein Beifahrer bleiben unverletzt.

Mit über 100 Stundenkilometer rauscht er in den Citroen

Der Gutachter, der den Datenrekorder des Sportwagens auswertet, berichtet im Prozess von einer Aufprallgeschwindigkeit von 114 km/h. Fünf Sekunden vorher sind noch 141 Stundenkilometer aufgezeichnet. Dazu heißt es in der Stellungnahme des Angeklagten, der einräumt, „viel zu schnell“ gewesen zu sein: „Ich hätte zu keinem Zeitpunkt einen Unfall riskieren wollen. Ich nahm an, dass ich – wie vor dem Unfall und wie bei früher gemieteten Fahrzeugen – das Fahrzeug auch bei einer höheren Geschwindigkeit beherrschen würde.“ Den Kleinwagen, heißt es in der Einlassung des Angeklagten, habe er gar nicht wahrgenommen, er habe versucht, eine Kollision mit dem entgegenkommenden Auto zu vermeiden und die Kontrolle verloren.

Dass in dem Citroën Menschen saßen, die zu Tode gekommen sind und er dafür verantwortlich ist, „konnte ich zunächst nicht glauben“, heißt es da. Als er es realisiert habe, sei er der Überzeugung gewesen, „sein Leben mache jetzt auch keinen Sinn mehr“. Die Notfallseelsorgerin vor Ort hält ihn für suizidgefährdet, weshalb Mert T. nicht vorläufig festgenommen wird, sondern zunächst in eine Klinik kommt.

Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Staatsanwaltschaft und Nebenkläger fordern eine Verurteilung wegen Mordes und eine mehrjährige Jugendstrafe, eine Nebenklägerin sogar eine lebenslange Freiheitsstrafe nach Erwachsenenstrafrecht.

Dagegen sieht die Verteidigung den Nachweis, dass Mert T. „den Tod der beiden Unfallopfer billigend in Kauf genommen habe“, nicht erbracht. Aufgrund „entwicklungsbedingter Reifeverzögerungen“ des Angeklagten zum Tatzeitpunkt plädiert sie auf Anwendung des Jugendstrafrechts, und weil Mert T. bereits acht Monate in Untersuchungshaft sitzt und eine „überaus positive Prognose“ vorliege, solle die weitere Vollstreckung der Jugendstrafe auf Bewährung ausgesetzt werden. Mert T. könnte damit den Gerichtssaal als freier Mann verlassen.

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