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Unwetter
16.07.2021

Flut-Katastrophe: Ein Albtraum, der nicht endet

In und um das nordrhein-westfälische Erftstadt wüteten Unwetter und Starkregen mit enormer Wucht. Sogar eine Autobahn wurde massiv beschädigt.
Foto: David Young, dpa

Die Katastrophe im Westen Deutschlands ist nicht vorbei. Während mancherorts die Menschen noch gegen die Naturgewalten ankämpfen, haben andere diesen Kampf schon verloren.

Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Und die Gerüchte. Nicht zu wissen, was noch alles kommen wird. Hält der Staudamm der Steinbachtalsperre? Halten die Dämme bei Lommersum und Niederberg? Am Freitag sind einige Menschen, nicht viele, nach der Evakuierung von Blessem am Donnerstagabend in den Stadtteil von Erftstadt unweit Kölns zurückgekehrt. Sie wollen nach ihrem Hab und Gut sehen.

Den riesigen Krater, den die Erft mit unvorstellbarer Wucht in die Radmacherstraße gerissen hat, kennen sie noch gar nicht. Das Wasser steht dort knöchelhoch. Auf dem, was von der Straße übrig blieb.

„Das ist hier innerhalb von ein paar Stunden explodiert“, sagt Michael Vieth, hundert Meter vor ihm der Krater – wo die Radmacherstraße einen Knick zur historischen Burg machte. Ein gewaltiger Erdrutsch hat drei Häuser auf der linken Seite in sich zusammensacken lassen, andere sind halb eingestürzt, Autos in den Abgrund gerutscht. Aus dem Krater ist ein Piepton zu hören.

Flut-Katastrophe: Ein Albtraum, der nicht endet
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So dramatisch ist die Hochwasserkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz
Foto: Rhein-Erft-Kreis, dpa

In Erftstadt hat sich ein riesiger Krater aufgetan. Und die Frage ist: Hält der Staudamm der Steinbachtalsperre?

Alle sollten am Mittag Blessem wieder verlassen, habe es geheißen. Am Abend müssen sie. „Viele wollten nicht, weil keiner geglaubt hat, dass es so schlimm kommt“, sagt Vieth. „Aber dann hat man plötzlich gesehen, wie lebensbedrohlich die Lage wirklich ist.“ Wie viele Menschen in den Trümmern ihr Leben verloren haben, könne niemand sagen. Das schon: „Wenn jetzt auch noch die Steinbachtalsperre in Euskirchen ihren Geist aufgibt, stürzt das Wasser in die Swist und von dort in die Erft. Dann kommt hier die nächste große Welle. Man kommt sich vor wie in dem schlimmsten Spielberg-Film. Das ist ein Albtraum, ein absoluter Albtraum.“

Den ganzen Tag über kreisen Hubschrauber über Blessem. 30 Rettungsboote sind im Einsatz, Taucher suchen nach Vermissten. Die Ursache des Erdrutsches? Wahrscheinlich hat die innerhalb von wenigen Stunden stark angeschwollene Erft eine Kiesgrube unterspült. Ebenso einen Teil der nahen Autobahn. Die Lärmschutzwand und der Standstreifen sind weggebrochen und ins Flussbett gestürzt. Bilder einer Katastrophe.

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Sie bringt die Menschen an ihre Grenzen und darüber hinaus. Harald Schnitzler kann nicht mehr. Erschöpft hockt er vor dem Haus seines Bruders, das Gesicht dreckverschmiert, den Tränen nah. Die Nacht zum Freitag hat er bei Verwandten verbracht und kein Auge zugetan. „Man hat mich mit dem Tieflader rausgeholt. Ich wollte noch retten, was zu retten ist. Das Wasser ist von allen Seiten gekommen, erst von der Straße, dann vom Garten. Ich stand bis zum Bauch im Wasser“, erzählt er.

Eine Country-Sängerin postet auf Facebook und Instagram einen bewegenden Hilferuf

Weg, nur noch weg. Das denken viele Menschen in den Katastrophengebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Zahl der Toten ist auf mehr als 100 gestiegen. Wie viele es genau sind? Wie viele Vermisste? Wie viele Obdachlose? Niemand weiß es. Fragt man Ulrich Sopart, Polizeisprecher von Koblenz, Rheinland-Pfalz, antwortet er: Das lasse sich momentan nicht abschätzen.

Über den Katastrophengebieten liegt eine beklemmende Ungewissheit, die sich – wie so vieles – schwer in Worte fassen lässt.

Profis dafür sind eigentlich Journalistinnen und Journalisten. Sie berichten auch am Freitag von „unbeschreiblichen“ Szenen, um sie dann doch zu beschreiben, das ist ja ihr Job. Einige haben Freundinnen und Freunde, Bekannte, Verwandte, die ihre Häuser verloren. Wie die Menschen vor Ort haben sie teilweise kein Mobilfunknetz, keinen Internetzugang, keinen Strom, kein Trinkwasser. Manch einer schreibt seinen Text auf Papier, fotografiert ihn ab und schickt ihn in die Redaktion, wo er abgetippt wird. Manch eine teilt auf Facebook einen Hilferuf wie den von Jill Fisher, einer 26-jährigen Country-Sängerin, die in der Altstadt von Koblenz wohnt.

Auf Facebook und Instagram hatte Fisher geschrieben, dass sie nicht wisse, wo ihre Mutter und ihr Stiefvater seien. Sie habe eine SMS ihrer Mutter erhalten, danach sei der Kontakt abgebrochen: „Wohnung ist voll Wasser, suchen höchsten Platz, den wir finden können, melde mich.“ Ihre Mutter lebt in Swisttal. Dort, im Süden Nordrhein-Westfalens, waren mehrere Menschen seit Mittwochabend eingeschlossen. Am Freitagmittag teilt der Rhein-Sieg-Kreis mit, dass etwa 2000 Menschen aus dem Ort gebracht worden seien. Die Gefahr, dass die Staumauer der Steinbachtalsperre durchbreche, bestehe weiter.

Jill Fisher sagt kurz darauf am Telefon, dass sie in der Nacht eine neue SMS bekommen habe: Ihre Mutter und ihr Stiefvater schickten sie ihr von einer Autobahnbrücke bei Euskirchen. Kontakt zu ihnen habe sie nach wie vor nicht gehabt, sie glaube, dass es ihnen gut gehe. Ihren Beitrag auf Facebook und Instagram hätten in 24 Stunden mehr als 50.000 Menschen gesehen. Sie bat sie zu helfen: Hochwasserbetroffene bräuchten Trinkwasser, einen Platz zum Schlafen, Klamotten...

Wie die Augsburger Feuerwehr einer hochschwangeren Frau in Rheinland-Pfalz hilft

Hilfe kommt selbst aus Augsburg. Über soziale Medien benachrichtigt eine hochschwangere Frau am späten Mittwochabend ihre Freundin aus dem Augsburger Raum. Sie war mit anderen vor den Wassermassen ins Dachgeschoss ihres Hauses in Altenahr in Rheinland-Pfalz geflüchtet. Unter der 112 erreichen sie jedoch niemanden. Ihre Freundin alarmiert die Augsburger Feuerwehr. Auch diese erreicht die zuständige Leitstelle in Koblenz nicht – die Notrufleitungen sind zerstört. Ein Mitarbeiter hat schließlich die Idee, die Koblenzer Vorwahl und die Nummer 19222, die für die Bestellung von Krankentransporten gilt, zu wählen. Die Koblenzer Feuerwehr koordiniert dann den Rettungseinsatz.

Im rheinland-pfälzischen Sinzig geschah in einem Wohnheim der Lebenshilfe Unfassbares.
Foto: Thomas Frey, dpa

Nicht überall endet es so glücklich. In Sinzig, gut 30 Kilometer von Altenahr entfernt, müssen sich unbeschreibliche Szenen abgespielt haben. Zwölf Bewohnerinnen und Bewohner einer Einrichtung für behinderte Menschen können sich in der Nacht zu Donnerstag nicht mehr retten. „Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses“, sagt der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos. Die Nachtwache habe es geschafft, mehrere in den ersten Stock des an der Ahr gelegenen Wohnheims zu bringen. „Als er die Nächsten holen wollte, kam er schon zu spät.“

Bloß einer von 13 am Donnerstag Vermissten konnte gerettet und ins Krankenhaus gebracht werden. Das ist am Freitag traurige Gewissheit. Wie dies: Das Team des Heims mit seinen 35 Wohnplätzen sei völlig traumatisiert, sagt Mandos. Er berichtet von Seelsorgern, die sich darauf vorbereiteten, die Überlebenden über das, was geschah, aufzuklären. Eine Ahnung davon gibt die Fassade des weiß gestrichenen Gebäudes. Der Schlamm hat es bis über die Fenster des Erdgeschosses hinaus bräunlich gefärbt, zwei, drei Meter hoch. In heruntergelassenen Rollläden klebt Erde, im Matsch, der auf den davor abgestellten Autos und auf dem Parkplatz liegt, sieht man Abdrücke von Schuhen.

Eine Tragödie, die fassungslos macht: In einem Heim für Behinderte in Sinzig ertrinken zwölf Bewohnerinnen und Bewohner

Im Dezember hatte die Lebenshilfe Kreis Ahrweiler bekannt gegeben, dass das vor 26 Jahren errichtete Heim erweitert werde: „Die Bewohnerinnen und Bewohner freuen sich schon sehr, denn endlich bekommt jeder ein Einzelzimmer und so seinen eigenen Rückzugsort.“

Und nun: zwölf Tote, zwischen 35 und 65 Jahre alt. Sie ertranken hilflos in einem dunklen Haus. In ihm war, wie in der ganzen Umgebung, der Strom ausgefallen.

„Unfassbar“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Kreisvereinigung Ahrweiler e. V., Ulrich van Bebber. „Wir sind alle entsetzt, fassungslos und unendlich traurig. Unsere Trauer und unser Mitgefühl gelten vor allem den Eltern, Familien, Freunden und Angehörigen.“ Er ist sichtlich geschockt. Und schockierend ist auch das, was er erzählt: dass weitere Bewohnerinnen und Bewohner über Stunden in der oberen Etage des Gebäudes eingeschlossen waren. Sie wurden von der Feuerwehr über Boote versorgt, bis sie in Sicherheit gebracht werden konnten. Mittlerweile sind sie in einem Hotel in Neuwied und in einer katholischen Hilfseinrichtung.

Wie es mit der Einrichtung in Sinzig weitergeht? Van Bebber weiß es nicht. „Erst gilt es jetzt, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen“, sagt er.

Schockierend ist ebenfalls, was Martin Eggert erzählt, der direkt gegenüber wohnt. Er habe einen jämmerlich schreienden jungen Mann gehört, der in einem Baum gesessen habe. Danach sagt er etwas, das – wenn es stimmt – ein Skandal wäre. Anders als in anderen Straßen in Sinzig sollen die Menschen in dieser Straße ihm zufolge keine Hinweise über die nahende Flutwelle erhalten haben. „Es gab keine Warnungen an die Bewohner“, sagt Eggert. Die Einsatzleitung der Feuerwehrzentrale widerspricht ihm. „Es wurde gewarnt, aber die Zeit war viel zu knapp. Die Hilfskräfte kamen einfach nicht mehr an die Bewohner heran. Das Ganze ging sehr schnell“, heißt es. Zu schnell.

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