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Ernährung

24.12.2015

Uwe Knop: An Weihnachten ist Schlemmen vollkommen in Ordnung

An Weihnachten einen Braten? Kein Problem, wenn man darauf Hunger hat.
Bild: Foto: foodinaire/Fotolia

Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop ist mit der These bekannt geworden, dass es kein ungesundes Essen gibt. Wie wir uns an Weihnachten verhalten sollten, sagt er im Interview.

Herr Knop, Sie sagen, dass es gar kein ungesundes Essen gibt. Wie kommen Sie darauf?

Uwe Knop: Jeder unabhängige Ernährungswissenschaftler, der sich mit der Studienlage beschäftigt, muss zu dem Schluss kommen, dass es keine Beweise für gesunde oder ungesunde Ernährung gibt. Die meisten ernährungswissenschaftlichen Studien sind Beobachtungsstudien. Über sie lassen sich nur Zusammenhänge nachweisen, aber keine Beziehungen im Sinn von Ursache und Wirkung. Als Beispiel: Forscher beobachten, dass Menschen, die mehr als sieben Bananen im Monat essen, drei Jahre länger leben als Menschen, die weniger als sieben Bananen essen. Dann sagt die Ernährungswissenschaft: Bananen verlängern das Leben. Das hat aber keine Grundlage und ist deshalb Blödsinn.

Wenn das stimmt, woran kann man sich dann beim Essen noch orientieren?

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Knop: Meiner persönliche Alternativthese, die genauso unbewiesen ist, aber an den gesunden Menschenverstand appelliert, lautet: Hören Sie auf Ihren Körper. Essen Sie, wenn Sie echten Hunger haben, wozu Sie Lust haben, was Ihnen schmeckt und essen Sie sich satt. Weil wenn keine der Untersuchungen Beweise liefern kann, wer weiß dann, was für mich gut ist? Ich sage: nur mein Körper.

Was bedeutet das für die Weihnachtsfeiertage, an denen es immer ziemlich viel zu essen gibt?

<p>Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop</p>
Bild: BoD Books on demand

Knop: Aus dieser Überlegung lässt sich für Weihnachten genau das ableiten, was das ganze Jahr gilt: Essen Sie, wenn sie Hunger haben. Essen Sie, worauf Sie Lust haben und was Ihnen schmeckt. Und essen Sie so viel bis Sie satt sind. Das ist natürlich kein Dogma. Es gibt Situationen, in denen man aus Höflichkeit etwas isst, oder mal etwas probiert, obwohl man keinen Hunger hat. Etwa wenn ein Kollege Plätzchen mitgebracht hat. Aber man muss auch wissen, dass erst der Hunger Essen so richtig lecker macht. Je hungriger, desto besser schmeckt´s.

Ein Tipp von Ihnen ist, Routinen zu durchbrechen. Also nicht nur zu essen, weil man es sich so angewöhnt hat, sondern weil man Hunger hat. Gerade an Weihnachten ist das schwierig. Wenn es ein drei Gänge-Menü gibt, kann man schlecht sagen: Ich habe keinen Hunger.

Knop: Deswegen sage ich ja auch, das ist kein Dogma. Aber das Gute an Weihnachten ist ja, dass die Termine schon lange vorher feststehen. Ich weiß beispielsweise, wann ich bei meinen Schwiegereltern eingeladen bin und kann dementsprechend vorher weniger essen. Das hat noch einen Pluspunkt: Wenn sie richtig hungrig zu den Gastgebern kommen und die merken, es schmeckt Ihnen wirklich gut, dann freuen sie sich.

Mir geht es häufig so: Wenn ich an einem Tag besonders viel esse, habe ich am nächsten mehr Hunger als üblich. Wenn man das weiter denkt, und ich immer weiter essen würde, weil ich Hunger habe, wäre das wahrscheinlich nicht so gut.

Knop: (lacht) Das ist gut, dass Sie das erzählen, weil ich immer sage: Jeder Mensch is(s)t anders. Anderen wird es sicherlich genau andersherum gehen. Wenn sie am Vortag viel essen, haben sie am nächsten Tag viel weniger Hunger. Daran merkt man, jeder Mensch ist auch beim Essen ein Individuum. Aber auch in Ihrem Fall vermute ich, dass es nicht ewig so weitergehen würde. Das entspricht der sogenannten Setpoint-Theorie. Die besagt, dass jeder Körper ein biologisches Idealgewicht hat und das versucht er zu halten. Wenn da was nicht stimmt, produziert der Körper zum Beispiel mehr Wärme oder man wird ganz unruhig, weil man sich minimal mehr bewegen muss. Wippt mit den Füßen oder ähnliches. Mit diesen kleinen „Stellschrauben“ regelt der Körper die Energiezufuhr zusätzlich.

Wie trainiere ich denn dieses Körpergefühl?

Knop: Hunger ist der erste Selbsterhaltungstrieb des Menschen. Er kommt noch vor Sex. Ein Leben ohne Sex ist möglich, aber ein Leben ohne Essen nicht. Jeder Mensch kann herausfinden, was Hunger ist. Wenn man einfach mal nichts frühstückt, bekommt man spätestens zur Mittagszeit richtig Hunger. Im Extremfall fangen irgendwann die Hände leicht an zu zittern, man wird unleidig, hat Unterzucker, kann sich nicht konzentrieren. Wenn man den Hunger ein-, zwei Mal ausreizt bekommt man schnell ein Gespür dafür, was echter Hunger ist. Und der zweite Punkt ist, dass man diese ganzen pseudowissenschaftlichen Ergebnisse der Ernährungswissenschaft aus seinem Kopf verbannt. Dass man nicht mehr auf dieses kleine mahnende Männlein im Kopf hört, das so Sachen sagt wie: Halt, iss das nicht, das ist zu fettig. Oder: Halt, iss mehr Obst!

Noch mal zurück zur Weihnachtszeit: Man schlendert über den Weihnachtsmarkt, kommt an einem Bratwurststand vorbei und es riecht so lecker nach Bratwurst. Wenn man da Hunger auf Bratwurst bekommt, ist das dann Hunger und man kann ruhig nachgeben oder doch nur Appetit?

Knop: Das Wort Appetit meide ich lieber. Weil es so unklar ist. Das liegt irgendwo zwischen Hunger und dem sogenannten emotional eating. Also dem Essen aus Frust, Langeweile, Kummer oder Stress. Wenn ich an einem Bratwurststand vorbeigehe und Lust auf Bratwurst habe, kann ich sie ruhig essen. Denn, wenn ich mich mit der Bratwurst und Pommes satt esse, werde ich an der nächsten Bude bestimmt nicht gleich wieder Hunger bekommen. Man tut ja immer gerne so, als wären wir Essenszombies, die wie Maschinen nur von einem Essenstand zum nächsten rennen. Wenn das stimmen würde, wären wir alle unglaublich fett. Es gibt ja auch außerhalb der Weihnachtszeit in den Innenstädten an jeder Ecke einen Döner, Thaiimbiss oder anderes Fastfood. Deshalb: Ja, essen Sie die Bratwurst, essen sie sich satt. Und dann können sicher einige Stunden lang über den Weihnachtsmarkt bummeln ohne Hunger zu bekommen.

Was genau raten Sie denn jetzt für die Weihnachtszeit?

Knop: Machen Sie sich in dieser Woche einfach gar keine „gesundheitsorientierten“ Gedanken ums Essen. Verbannen Sie alles, was sie über vermeintlich gesundes und ungesundes Essen wissen aus Ihrem Kopf. Die Weihnachtszeit ist eine einzigartige Woche voll besonderer Genüsse, die man dementsprechend würdigen sollte. Ich sage immer: Dick wird man – wenn überhaupt - in der Zeit zwischen Silvester und Weihnachten, nicht in der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Festliches Schlemmen ist vollkommen okay.

Was gibt es denn bei Ihnen an Weihnachten zu essen?

Knop: Das steht jetzt noch nicht fest. Aber ich kann schon mal sagen, dass es was richtig Gutes sein wird und ich vorher sicher ganz wenig esse, damit der Hunger schön groß ist.

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