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Verbrechen
12.03.2021

Nach Tod von Sarah Everard: Müssen Britinnen Angst haben?

Ermittler untersuchen nach dem Fund von Leichenteilen ein Haus.
Foto: Gareth Fuller, PA Wire, dpa

Der Fall der getöteten Frau in London hat im Königreich eine Sicherheitsdebatte ausgelöst. Besonders schockierend: Der Tatverdächtige arbeitet bei der Polizei.

Sie war auf dem Weg nach Hause an jenem Mittwochabend vor einer Woche. Es war 21 Uhr, und es war dunkel. Die Straßen im Süd-Londoner Viertel Clapham waren zwar gut beleuchtet, aber aufgrund des Lockdowns verlassener als sonst. Nach einem Besuch bei einem Freund, nicht weit von ihrer Wohnung im hippen Viertel Brixton entfernt, telefonierte die junge Frau noch mit ihrem Partner. Er sollte gegen 21.30 Uhr der Letzte sein, der von Sarah Everard hörte: Die 33-jährige Britin kam nie in ihrer Wohnung an.

Es begann eine groß angelegte Suchaktion. „Please Help“-Plakate klebten an Lampenmasten und in Schaufenstern, in den sozialen Medien meldeten sich besorgte Bekannte und bewegte Fremde zu Wort. Sarah Everards Gesicht kannte plötzlich ganz Großbritannien. Am vergangenen Mittwoch entdeckte die Polizei dann Leichenteile in einem Wald in Ashford in der Grafschaft Kent. Am Freitag folgte die traurige Bestätigung: Everard ist tot.

In einem Wald wurden Leichenteile gefunden. Die Frau wurde nur 33 Jahre alt

Ein Mann war bereits am Dienstag verhaftet worden – und auch diese Nachricht löste Bestürzung aus. Denn es handelt sich um einen Polizeibeamten. „Die Tatsache, dass der festgenommene Mann ein Mitglied der Metropolitan Police ist, ist schockierend und sehr verstörend“, sagte Kommissar Nick Ephgrave. Der tatverdächtige britische Beamte war zum Zeitpunkt von Everards Verschwinden nicht im Dienst. Seine Freundin wird nun der Beihilfe beschuldigt. Die Ermittlungen laufen.

Der Fall erschüttert das Königreich – und insbesondere Frauen fühlen sich betroffen. Sie denken: Das hätte auch ich sein können. Das Schicksal Everards steht für einen Albtraum. Sie steht für alle Frauen, die täglich allein zu Fuß unterwegs sind und Angst haben, wenn Männer ihnen zu nahe kommen; die angepöbelt werden oder sexuell belästigt; die verfolgt werden und nach Hause hasten; die vorgeben, am Telefon zu sein, um potenzielle Angreifer abzuschrecken; die sich im Laden um die Ecke verschanzen, weil sie sich bedrängt fühlen oder Schritte hinter sich hören; die für den Notfall ihre Schlüssel als Waffe in der Hand halten oder extra flache Schuhe tragen, um gegebenenfalls losrennen zu können.

Reid (Women´s Equality Party): "Wir wollen auf der Straße gehen dürfen ohne Angst vor Gewalt“

In den sozialen Netzwerken haben sich bereits tausende Frauen zu Wort gemeldet und von ihren Erfahrungen erzählt. „Frauen haben genug“, sagte Mandu Reid von der Women’s Equality Party, einer feministischen Partei. „Wir wollen auf der Straße gehen dürfen ohne Angst vor Belästigung oder Gewalt.“ Die Wut vieler Britinnen wurde noch angeheizt von dem Ratschlag der Polizei, in dieser Woche nicht mehr alleine nachts unterwegs zu sein. Denn: Warum sollen die potenziellen Opfer bestraft werden? Warum ist es auch im Jahr 2021 nicht sicher für Frauen, abends oder nachts alleine unterwegs zu sein? Für diesen Samstag riefen Aktivistinnen unter dem Titel „Reclaim These Streets“ („Holt euch diese Straßen zurück“) zu einer Mahnwache in einem Park nahe des Orts von Sarah Everards Verschwinden auf.

 

Besonders tragisch ist, dass die Marketing-Managerin selbst alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte: Sie trug helle Kleidung und Turnschuhe, ging entlang großer Straßen und war am Telefon.

Garthwaite: "Alles, was Frauen daran hindert, auszugehen und sich dabei sicher zu fühlen, ist inakzeptabel“

In die Debatte um die Sicherheit von Frauen schalten sich inzwischen auch immer mehr Männer ein und fragen nach Tipps, wie sie als unangenehm empfundene Situationen vermeiden können. Die Organisatorin von „Reclaim the Night“-(„Holt euch die Nacht zurück“)Protestzügen, Al Garthwaite, forderte sie auf, die Schuld nicht indirekt bei den Opfern zu suchen.

Etwa, indem sie Frauen nach Vorfällen fragen würden, was sie getragen hätten. Vielmehr sollten sie sich als Verbündete der Frauen anbieten und das Gespräch mit anderen Männern suchen. „Zu helfen heißt, aufzustehen und zu sagen: Alles, was Frauen daran hindert, auszugehen und sich dabei sicher zu fühlen, ist inakzeptabel“, sagte sie.

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