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09.09.2014

Vom Todesstreifen zur Lebensader: Eine Reise durchs "Grüne Band"

Grünes Band Kontrollweg
2 Bilder
Früher patrouillierten DDR-Grenzer auf dem durchbrochenen Betonstreifen des Kolonnenwegs. Heute erkunden Wanderer dort Flora und Fauna.
Bild: Barbara Würmseher

Die einstige deutsche Grenze verbindet heute auf 1400 Kilometern Natur und Geschichte zu einem spannenden Erlebnis. Die bewegende Vergangenheit ist noch überall präsent.

Flirrende Sommerhitze liegt über den beiden schmalen Fahrstreifen aus Beton, deren durchbrochene Struktur die Fahrräder holpern lässt. Rattatatam rattatatam rattatatam. Das monotone Geräusch kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ringsum absolute Stille herrscht. Einige wenige plaudernde Wanderer sind längst in den schattigen Wald abgebogen. Ansonsten gibt es nichts und niemanden – kein Auto, keine lärmenden Menschen, kein plärrendes Radio. Arnikawiesen, Keulen-Bärlapp und Flockenblumen säumen die schier endlose Betonpiste, die sich durch Senken und über Steigungen schlängelt, ehe sie sich schließlich hinter Kurven verliert.

So weit das Auge reicht, ziehen sich diese parallelen Betonstreifen dahin – der ehemalige Kolonnenweg der DDR. Rund vier Jahrzehnte lang sind dort die Grenzer mit ihren Trabbis Patrouille gefahren, um Stacheldrahtzaun, Mauerabschnitte und die verminte Zone zu kontrollieren. Die Handlanger der kranken Ideologie eines Staates, der seine ganze Energie darauf verwandt hat, seine Bürger zu bespitzeln, zu verfolgen, einzusperren und zu quälen. Die Stille scheint undurchdringlich. Totenstille. Auch wenn die DDR längst nicht mehr existiert, wenn Selbstschuss- und Befestigungsanlagen vor 25 Jahren verschwunden sind, drängt sich dieser Begriff auf. Hat auf diesem Abschnitt des Frankenwalds bei Mitwitz (Landkreis Kronach) ein Flüchtender sterben müssen? Hat der Mut der Verzweiflung gerade dort einen „Grenzverletzer“ auf eine Mine treten oder in eine Gewehrkugel laufen lassen? Man weiß es nicht. Allein die Vorstellung aber lässt in der Hitze frösteln.

Die einstige Grenze hat nach der Wende ihre Schrecken verloren

Und doch ist es auch eine ausgesprochen friedliche Stille. Beschaulichkeit liegt über der Landschaft. Die einstige innerdeutsche Grenze hat nach der Wende vor 25 Jahren ihre Schrecken verloren. Die Wunde im Land ist vernarbt. Heute ist der Todesstreifen Lebensader. Er ist zum grünen Band geworden, das 600 bedrohten Tierarten und skurrilen Pflanzen kostbaren Lebensraum bietet. Dort, wo Politik und Macht den Menschen davon abgehalten haben, zerstörerisch in die Natur einzugreifen, haben sich Flora und Fauna ungehindert zu einem einzigartigen Biotopverbund entwickelt. Der „Eiserne Vorhang“ hat den 50 bis 200 Meter breiten Grenzgürtel in ein abgeschottetes Refugium der Natur verwandelt. Und so sagen sich dort nicht nur Fuchs und Hase „gute Nacht“, sondern auch Schwarzstorch und Braunkehlchen, Fadenmolch und Haselhuhn, Heidelerche und Quelljungfer.

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Das „Grüne Band Deutschland“ verläuft auf einer Länge von knapp 1400 Kilometern zwischen Ostsee und Dreiländereck an der tschechischen Grenze. 120 Kilometer lang ist sein thüringisch-fränkisches Teilstück. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat man das deutsch-deutsche Grenzgebiet für den sanften Tourismus erschlossen. Zwischen Mödlareuth und Mitwitz finden Wanderer und Radfahrer eine Fülle von Touren, die ihnen Natur, Kultur und Geschichte erlebbar vor Augen führen.

Wer aufs Auto verzichtet und eine sportliche Variante der Fortbewegung wählt, der hat es mit dem E-Bike am bequemsten. Höhenunterschiede von 900 Metern strampeln sich halt doch ein bisschen leichter mit elektronischer Unterstützung. Auf der Burg Lichtenberg werden Radler dann mit einem traumhaften Panorama belohnt. Die Blicke schweifen über die Wipfel des Thüringer Schiefergebirges hinüber zu den rauchenden Kaminen der Zellstofffabrik in Blankenstein. Viel mehr als Blicke waren zu DDR-Zeiten nicht möglich. Heute aber schwingen sich die Radler auf ihre Sättel und fahren ungehindert dorthin – ein Stück auf der Straße, ein Stück auf dem Kolonnenweg. Rattatatam rattatatam.

Mit Sack und Pack durch die Saale gewatet

An der Saale wird der Pfad eng, zumal ein Auto den Kolonnenweg blockiert. Es gehört Hans Vogel, einem 85-jährigen Rentner, der mit Pinsel und Farbe eine alte Gedenktafel bearbeitet. Gerade dort führt die Saale nur wenig Wasser und Hans Vogel weiß, Geschichten zu erzählen. „Zu Beginn der DDR hatten die Grenzer kein großes Interesse, Flüchtende aufzuhalten. Und so hat es sich herumgesprochen, dass die beste Zeit, in den Westen rüber zu machen, nachts um drei Uhr war. Da haben die nämlich geschnarcht.“ Hans Vogel deutet ans andere Ufer. „Mit Sack und Pack sind die Leute da durchgewatet, haben zum Teil sogar ihre Möbel mitgenommen.“

Weiter gehts über Blankenberg und Rudolphstein nach Mödlareuth. Unterwegs erinnern immer wieder Spuren aus der Vergangenheit oder Anekdoten an die deutsch-deutsche Geschichte. Wie das tragische Ende des italienischen Fernfahrers Benito Corghi, der im August 1976 mit seinem Laster den Grenzübergang Hirschberg/Rudolphstein überquert hatte und – verbotenerweise – zu Fuß nochmals in die DDR zurückging, um vergessene Papiere zu holen. Als ein DDR-Beamter ihn aufforderte, mit erhobenen Händen stehen zu bleiben, floh er und wurde erschossen.

Geschichten wie diese sind noch immer bei den Einheimischen lebendig. Wer das Gespräch mit ihnen sucht, bekommt sie erzählt. Auch die Bewohner von Mödlareuth sind wandelnde Geschichtsbücher. Viele von ihnen scheuen inzwischen allerdings die Begegnung mit Fremden. Zu groß ist der touristische Rummel seit der Grenzöffnung vor 25 Jahren. Denn das 50-Seelen-Dorf am Ende der Welt ist ein Symbol für die Teilung Deutschlands. Die Amerikaner nannten es „Little Berlin“, weil es wie die Hauptstadt von einer Mauer durchschnitten war.

Die Mauer führte quer durch das Dorf

Eine Einheit war Mödlareuth noch nie in seiner Geschichte. Der Tannbach, der durch den Ort fließt, galt seit dem 16. Jahrhundert als natürliche Grenze zwischen Grafschaften, Königreichen oder Bundesländern. Für die Mödlareuther war das kaum von Belang – sie hatten dennoch eine gemeinsame Schule und ein Wirtshaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die Trennung allerdings ein anderes Gesicht. Die DDR errichtete 1952 die Mauer zwischen Thüringen und Bayern quer durch das Dorf. Selbst Grüßen oder Winken von Ost nach West war verboten. „Da waren ganze Familien zerrissen“, schildert ein Bauer, der diese Zeiten erlebt hat. „Ein Bruder war im Westen, der andere im Osten und nur von den Fenstern ihrer Häuser aus haben sie sich gesehen.“

Heute sind die schlimmsten Spuren des DDR-Regimes beseitigt. Statt der Mauer ist ein Dorfanger mit Blumen Treffpunkt der Menschen. Mödlareuth aber stellt sich seiner Geschichte, indem es ein Museum unterhält, das Originalbauten der DDR-Grenzbefestigung auf einem Freigelände zeigt: Wachtürme, Kontrollstreifen, Mauer, Streckmetallzaun mit Stacheldraht, Selbstschussanlage und vieles mehr. Dort wird die Grausamkeit des DDR-Regimes auf ganz unmittelbare Weise spürbar. Beklemmend spürbar.

Ein spannendes Kapitel wird schließlich auch in Naila aufgeschlagen, wohin die Radler weiter strampeln. Im dortigen kleinen Heimatmuseum ist ein Stück ausgestellt, um das es viele große Museen beneiden: der Flucht-Ballon zweier Familien, die am 16. September vor 35 Jahren alles riskiert haben, um der DDR zu entkommen. Vier Erwachsene und vier Kinder hatten sich auf eine zwei Quadratmeter große Plattform gezwängt und waren in 2000 Meter Höhe mit dem Wind nach Westen entkommen. In Pößneck gestartet – bei Naila sicher gelandet. Ein Happy End hat es dennoch nicht gegeben. Beide Familien haben keinen Kontakt mehr zueinander. Und die Rückkehr der einen Familie in die Heimat hat ihr ebenfalls nicht das erhoffte Glück gebracht.

Wer heute auf dem Grünen Band wandelt, begegnet einer beklemmenden, zugleich faszinierenden Vergangenheit. Wer den Wegen dort folgt, erlebt aber auch, dass gerade das einstmals Trennende heute ein Bindeglied ist.

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