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Rammstein-Interview

16.10.2009

Von der weiblichen Seite und der Lust am Provozieren

Rammstein.Bild: www.another-dimension.de

Die Band Rammstein ist nichts für zarte Gemüter, sie eckt immer wieder an: mit ihrer Brachial-Musik, mit ihrem martialischen Auftreten, mit ihren drastischen Texten. Ein Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider über die weibliche Seite der Band und die Lust am Provozieren. Von Ronald Hinzpeter

Die Band Rammstein ist nichts für zarte Gemüter, sie eckt immer wieder an: mit ihrer Brachial-Musik, mit ihrem martialischen Auftreten, mit ihren drastischen Texten. Für die Hülle ihrer neuen Single "Pussy" ließen die Musiker ihre Köpfe auf nackte Frauenkörper montieren. Ein Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider über die weibliche Seite der Band und die Lust am Provozieren.

Wie fühlt man sich als Frau?

Schneider: So habe ich mich in Wirklichkeit noch nie fühlen können. Das Bild finde ich aber ganz cool.

Männerköpfe auf nackten Frauenkörper. Das werden einige wieder mal provozierend finden.

Schneider: Was heißt provozierend? Das hat doch jede Band schon mal gemacht, sich als Frauen fotografieren zu lassen. Das gab es bei den Rolling Stones auch schon. Leute, die sich auf die Bühne stellen, haben immer eine deutlich ausgeprägte feminine Seite.

Wirklich, hat Rammstein eine feminine Seite?

Schneider: Wir sind doch alle Halbschwule - nein, aber wir sind femininer als man denkt, auch wenn wir so männlich tun.

Was macht Rammstein so weiblich? Ihr kommt eher machomäßig rüber.

Schneider: Das stimmt. Aber die, die besonders männlich rüberkommen müssen und so übertreiben, sind es am wenigsten.

Rammstein setzen immer auf provokante Inhalte und Darstellungen. Auch mit dem neuen Album "Liebe ist für alle da". Wird das von Rammstein erwartet?

Schneider: Das wird sicherlich inzwischen erwartet, aber es liegt einfach auch in der Bandkonstellation begründet. Jede Band hat gewisse Möglichkeiten, durch die sie agieren und etwas Gutes tun kann. Bei Rammstein ist es eben Provokation. Wir sind sechs Leute, die schnell sagen: Oh ja, das ist gut, lass uns das so machen. Dann wird abgestimmt und selbst, wenn man erst mal so seine Bedenken hatte, rollt der Zug schon weiter. Jedenfalls wird über die Folgen nicht großartig nachgedacht. Wenn du damit anfangen würdest, würdest du so etwas gar nicht erst tun.

Also keine kalkulierte Provokation?

Schneider: Kalkuliert ist es vielleicht in dem Sinne, dass man weiß: Ist man streitbar, bekommt man Beachtung. Das war von Anfang an für die Band ein Thema. Vielleicht werden wir mehr darüber wahrgenommen als über Musik.

Das muss doch eigentlich für einen Musiker frustrierend sein.

Schneider: Manchmal ja. Aber mit Musik allein kannst du ja niemanden mehr hinterm Ofen vor locken. Ist ja schon alles da gewesen. Die letzte Musikrichtung, die noch etwas gerissen hat, war vielleicht Techno, wo die Eltern sagten: Nee, das hör ich nicht mehr. Aber sonst musst du schon zu härteren Bandagen greifen, um aufzufallen.

Also zu Death Metal.

Schneider: Death Metal ist als Musikrichtung schon sehr grenzwertig, das interessiert halt nicht viele.

Ist ja auch nicht sehr gemütlich, auf der Couch zu sitzen und Death Metal zu hören.

Schneider: Aber ein Rammstein-Album kannst du dir auf der Couch anhören. Da entdeckst du mehr Sachen, die zunächst gar nicht so offensichtlich sind.

Rammstein ist also Couchmusik!

Schneider: Ja, es ist auch gut zum Saubermachen, zum Autofahren, zum Training im Fitnessstudio...

Und zum Marschieren. Früher seid ihr gerne in die ganz rechte Ecke gestellt worden.

Schneider: Wir haben mal einen Song gemacht, der sich zum Marschieren eignet ("Links, 2 3 4", die Red.), in dem wir dokumentieren wollten, dass wir eher auf der anderen Seite stehen. Es ist jetzt auch verstanden worden, dass wir damit nun wirklich nichts zu tun haben.

Euer neues Video "Pussy", in dem es recht deutlich um Sex geht, kann man offiziell nur in einem Pornoportal betrachten. Wieder eine Provokation.

Schneider: Porno und Musik, das haben noch nicht viele gemacht. Das schafft schon eine gewisse Aufmerksamkeit.

Ihr habt aber auch Spaß daran, Leute zu ärgern.

Schneider: Ja, es ist auf jeden Fall Spaß dabei. Aber so ärgerlich ist das doch gar nicht. Wenn man es nicht sehen will, muss man es ja nicht. Aber das Video haben schon viel mehr Leute gesehen, als gleichzeitig MTV gucken. Marketingtechnisch hat das schon viel gebracht. Andererseits war es auch ein Experiment, so etwas zu machen. Wir übertreiben ja immer. Unser Ruf ist eh schon ruiniert - und ist der Ruf erst ruiniert, lebt man gänzlich ungeniert (lacht).

Das habt ihr eigentlich ja nicht nötig, die Tour war sofort ausverkauft, "Pussy" wurde sofort Nummer eins der Single-Charts...

Schneider: Wir hatten noch nie eine Nummer eins in Deutschland! Siehst du, zu welchen Mitteln wir greifen mussten? Ich würde sagen, dass Pussy kein typischer Rammstein-Song ist, das Album geht auch nicht so in die Richtung. Trotzdem können wir es uns leisten, auch mal so etwas zu machen.

Ihr habt die neue Platte in Kalifornien aufgenommen, im Sonoma Valley, was eine exzellente Weingegend ist. Hat sich das nicht auf den Sound ausgewirkt? Sonne, Weinberge...

Schneider: Eigentlich gar nicht. Die ursprünglich Idee war, in Los Angeles aufzunehmen und sich von der dortigen Rockszene inspirieren zu lassen. Aber mit dem Studio hat das nicht geklappt und dann sind wir in Sonoma gelandet. Da konnte man super arbeiten, war abgeschieden und für sich. Aber die Musik hat das nicht besonders beeinflusst, weil wir immer in so einer Art Umgebung produzieren.

Und wo kommt dann die Düsternis her?

Schneider: Du musst innerlich düster sein (lacht). Das nimmst du überall mit hin. Und du musst halt ein bisschen Spaß an der Dunkelheit haben. Wenn wir keinen Spaß daran hätten, würden wir es nicht tun.

Interview: Ronald Hinzpeter

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