Newsticker

Mecklenburg-Vorpommern erwägt Abschaffung der Maskenpflicht
  1. Startseite
  2. Panorama
  3. Warum Natascha Kampusch immer noch Hass entgegenschlägt

Entführung

11.08.2016

Warum Natascha Kampusch immer noch Hass entgegenschlägt

Natascha Kampusch, die über Jahre in einem Verlies gefangen gehalten und missbraucht wurde, kommt einfach nicht zur Ruhe.
Bild: Peter Trykar, dpa

Vor zehn Jahren konnte sich Natascha Kampusch aus dem Kellerverlies befreien, in dem sie acht Jahre lang gefangengehalten wurde. Die Freiheit war für sie nicht immer einfach.

Vor zehn Jahren konnte sich Natascha Kampusch aus dem Kellerverlies befreien, in der sie ihr Peiniger Wolfgang Priklopil acht Jahre lang gefangengehalten hatte. Doch die Freiheit war für die inzwischen 28-Jährige nicht immer einfach: "Ich hatte ja nix, worauf ich aufbauen konnte, keine Sozialisierung mit anderen jungen Leuten, mit den Gleichaltrigen", sagte sie im Gespräch mit AFP.

Kampusch war am 23. August 2006 aus ihrer Gefangenschaft entkommen. Priklopil hatte sie 1998 als Zehnjährige auf dem Schulweg gekidnappt und acht Jahre lang festgehalten - am Tag ihrer Flucht beging ihr Peiniger Selbstmord. Seither fällt ihr der Weg in die Normalität schwer - und das nicht nur wegen ihrer mangelnden Erfahrung.

Trotz ihres achtjährigen Martyriums schlägt Kampusch seit ihrer Flucht immer wieder Hass und Missgunst entgegen. Sie wurde beschimpft, erhielt verstörende Mails, einmal griff eine alte Frau sie auf der Straße an. Anfangs hätten diese Angriffe sie wütend und fassungslos gemacht, aber inzwischen habe sie "festgestellt, dass man mit Gleichmut viel mehr erreichen kann für sich selbst", sagt die 28-Jährige. "Diese Menschen werden sich nicht ändern, egal, wie meine Haltung zu ihnen ist."

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Zur Wehr setzen musste sich Kampusch immer wieder auch gegen Gerüchte und Verschwörungstheorien, einige ihrer Mitmenschen neiden ihren angeblichen "Reichtum". Diese "bösen Menschen" seien aber nur eine "winzige Minderheit", sagt sie. Die meisten ihrer Mitmenschen ließen sie einfach in Ruhe, erzählt die junge Frau, der dieses Verhalten am liebsten ist. Immer wieder aber werde sie auch von Wildfremden auf der Straße umarmt.

Natascha Kampusch möchte studieren

Ihre Erfahrungen seit ihrer Flucht hat Natascha Kampusch in einem zweiten Buch verarbeitet. "10 Jahre Freiheit" kommt am Freitag in die Läden. Darin beschreibt sie laut Vorabveröffentlichungen auch, wie sie vor einigen Jahren eine Phase durchlebte, "in der ich begonnen habe, die Welt da draußen abzulehnen. Diese Welt, auf die ich mich so sehr gefreut und die ich mit so vielen positive Gedanken und Möglichkeiten verbunden hatte."

"Für einen Teil dieser Welt war ich ein Stück weit eine Provokation. Weil ich sie vielleicht überfordert habe mit der Art, wie ich mit meiner Entführung und der Gefangenschaft umgegangen bin", reflektiert Kampusch in dem Buch." Sie vermutet, dass sie an Stelle des Täters die Aggressionen abbekommt, da sie die einzige "noch greifbare" Beteiligte sei. 

Ein Teil des Hasses erklärt sie sich aber auch mit ihrer Weigerung, ihr Martyrium in allen Details zu schildern. Die Gesellschaft brauche vielleicht "solche vermeintlichen Monster" wie Priklopil, "um dem Bösen, das in ihr wohnt, ein Gesicht zu geben und es so von sich abzuspalten". Die "Bilder von Kellerverliesen" könnten von der alltäglichen Gewalt ablenken, die "sich hinter einem ganz normalen, bürgerlichen Antlitz verbirgt."

Kampusch ist inzwischen Besitzerin des kleinen Hauses in Strasshof, in dem sie jahrelang festgehalten wurde. Sie fühlt sich mit dem Besitz nicht wohl, will ihn aber auch nicht verkaufen aus Sorge, er könnte eines Tages zu einem "gruseligen Vergnügungspark" werden, wie sie AFP sagt.

Seit 2006 versucht die Wienerin, in ein normales Leben zu finden. Sie beendete ihre Schule, reiste, lernte Sprachen, suchte nach Aufgaben, einem Beruf. Unter anderem finanzierte sie ein Kinderkrankenhaus in Sri Lanka und arbeitete mit Flüchtlingen. Inzwischen würde sie gerne studieren, "vielleicht Psychologie oder Philosophie".

Am allerliebsten aber beschäftigt sie sich mit den Sternen. Sie habe die astrologischen Konstellation der Queen mit ihren eigenen verglichen, sagt sie und lacht: "Wir passen gut zusammen". afp

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren