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Besonderer Fund

24.11.2017

Was ein Skelett aus Augsburg verrät

Dieses Skelett gruben Archäologen im Augsburger Stadtteil Haunstetten aus. Es zeigt: Die Pest kam weit früher in Europa an als gedacht.
Bild: Elmar Stöttner

In Madagaskar wütet die Pest. In Europa ist die größte Epidemie schon 670 Jahre her. Jeder dritte Europäer starb damals. An alten Knochen entdeckten Forscher jetzt Bahnbrechendes.

Seit Monaten breitet sich die Pest wieder unter den Menschen in Madagaskar aus. Die Krankheit ist ein ständiger Begleiter in dem afrikanischen Staat. Jedes Jahr sterben rund 400 Menschen – mehr als die Hälfte aller Pesttoten im vergangenen Jahr. Jetzt haben Experten für Menschheitsgeschichte herausgefunden, dass die Pest wohl auch in Europa schon weit früher wütete als angenommen.

Das Pestbakterium ist offenbar bereits vor 4800 Jahren nach Europa eingeschleppt worden – wahrscheinlich mit einer Einwanderungswelle von Nomaden aus dem europäisch-asiatischen Steppengürtel: Das belegen spektakuläre Forschungsergebnisse eines Teams um den Bioinformatiker Alexander Herbig vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Die Einwanderer waren Angehörige der Jamnaja-Kultur aus den Ebenen nördlich des Kaspischen und des Schwarzen Meeres, die wohl auch die indoeuropäischen Sprachen mitbrachten, die den Kontinent seither prägen.

Skelette in Haunstetten ausgegraben

Die Forscher haben Erbgutproben aus Zähnen und Knochen von 500 Individuen analysiert und sind bei sechs Menschen, die zwischen 2800 und 1700 vor Christus gelebt haben, auf das vollständige Erbgut der Pestbakterien gestoßen, die wissenschaftlich Yersinia pestis heißen. Darunter waren zwei Skelette aus Augsburg, die eine Gruppe von Archäologen um Philipp Stockhammer im Stadtteil Haunstetten ausgegraben hat.

Derzeit kämpft Madagaskar mit einer Epidemie. Nur mit Schutzanzügen sind Helfer sicher.
Bild: Rijasolo, afp

Die Pest, der „Schwarze Tod“, hat unzählige Male unter den Völkern Europas und Asiens gewütet und den Lauf der Geschichte massiv verändert. Am bekanntesten ist die Pestepidemie, die ab 1347 über Europa hereinbrach und von Italien bis Grönland ein Drittel der Menschen dahinraffte. Noch lange, bis ums Jahr 1770, traten quer durch Europa Pestepidemien auf.

Der Ursprung des Pestbakteriums liegt in den Steppen Eurasiens. So nah wie die Wissenschaftler aus Jena ist aber noch niemand den Geheimnissen des Ursprungs und der großflächigen Ausbreitung der Seuche gekommen: „Die Analyse von rekonstruierten Yersinia-pestis-Genomen, die in Bayern, Russland, Estland, Litauen und Kroatien gefunden worden sind, hat ergeben, dass alle eng miteinander verwandt sind“, erläutert Aida Andrades Valtueña, Doktorandin und Autorin der neuen Studie des Jenaer Max-Planck-Instituts, die nun in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht wird.

Gut geschützt im Inneren von Zähnen ist die DNA der Pestbakterien über Jahrtausende erhalten geblieben. „Bei einer fortgeschrittenen Infektion mit der Pest kommt es zu einer hohen Konzentration von Pestbakterien im Blut des Opfers“, schildert Alexander Herbig: „In kräftig durchbluteten Stellen des Körpers lagern sich Bakterien ab, von denen ein Mensch befallen war.“ Die Archäogenetiker des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte haben nun zunächst die Zahnkronen von den Wurzeln getrennt und sind mithilfe von kleinen Zahnarztbohrern an organisches Material aus dem Inneren der Zähne gelangt. Aus diesem Material konnten sie die DNA der Yersinia-pestis-Bakterien extrahieren.

Dabei stellte sich heraus, dass die Pestbakterien aus der Jungsteinzeit offenbar weniger krankheitserregend und ansteckend waren als die hoch virulenten Yersinia-pestis-Formen späterer Epochen. „Den ältesten Pestbakterien fehlen die Gen-Sequenzen, die es Yersinia pestis ermöglichen, im Magen von Flöhen zu überleben“, erklärt der Forscher. Die Pest hat sich bei den verheerendsten Epidemien über die Flöhe von Ratten den Weg zum Menschen gebahnt.

Viele neue Fragen

Wie alle bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen wirft auch die Analyse der Pestbakterien aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit viele neue Fragen auf. Wie hat das Bakterium den Menschen erreicht? Im Verdacht stehen nach den Worten Herbigs in erster Linie wieder Ratten und andere Nager. Haben sie als Kulturfolger Siedlungen oder Menschen aufgesucht oder infizierten sich die Steppennomaden über Jagdbeutetiere?

Fest steht aus Sicht der Jenaer Archäogenetiker, dass Mensch und Bakterium aus dem Steppengürtel stammen. Für Johannes Krause, den Direktor der Abteilung Archäogenetik am Max-Planck-Institut, stellt sich daher sogar die Frage, ob die Pestgefahr nicht ein Faktor war, der dazu beitrug, dass die Steppennomaden nach Europa strömten: „Haben sie versucht, der Bedrohung zu entkommen? Und welches Resistenz-Niveau hatten die alteingesessenen Völker gegen die Krankheit aus der Steppe?“ Um solche und weitere Fragen beantworten zu können, wollen die Jenaer Forscher Erbgut aus verschiedenen Epochen und noch größeren geografischen Einzugsbereichen analysieren.

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