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Bistum Augsburg

10.07.2020

Wie aus dem SEK-Beamten Marco Leonhart ein Priester wurde

Marco Leonhart aus Pforzen im Ostallgäu während seiner Priesterweihe im Augsburger Dom. Dort versprach er Bischof Bertram Meier und dessen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam.
Bild: Annette Zoepf

Plus In seinem ersten Leben war Marco Leonhart SEK-Beamter und Personenschützer für Charlotte Knobloch. Dann entschloss er sich zum radikalen Schritt, Priester zu werden.

Marco Leonhart hat wenig Zeit am vergangenen Freitag. Zwei Tage später steht seine Heimatprimiz in Pforzen an. Die erste von ihm zelebrierte öffentliche Messe nach seiner Priesterweihe im Augsburger Dom wenige Tage zuvor. Er muss noch einiges vorbereiten für das Jahrhundertereignis. Und das ist es: 1916 feierte seine Pfarrei im Ostallgäu zum letzten Mal ein derartiges Fest. Der Bürgermeister wird kommen, die Landrätin. Marco Leonhart hat unter seinem Namen eine Internetseite eingerichtet, darauf Fotos, ein Video seiner Weihe und der geplante Ablauf der Primiz, die im Livestream zu sehen sein wird.

  • 9.30 Uhr: Abholung des Primizianten am Elternhaus, anschließend Kirchenzug zur Kirche;
  • 10 Uhr: Primizgottesdienst in St. Valentin, anschließend Mittagessen in der Festhalle mit Kaffee und Kuchen;
  • 16.30 Uhr: Dankandacht in der Pfarrkirche St. Valentin mit Spendung des Einzelprimizsegens.

Eine Primiz ist, wie die Weihe, ein besonderer Tag im Leben eines Priesters. An einem solchen Tag erscheint die Kirche, zumal im vom katholischen Glauben geprägten Allgäu, selbst in Corona-Zeiten noch als "Volkskirche": Eine Kirche, die Mitglieder in allen Gruppen der Bevölkerung hat und dadurch über große Gefolgschaft verfügt, wie der Duden erklärt. Der Festumzug am Sonntag mit seinen Fahnenabordnungen zeugt davon und lässt erahnen, wie es gewesen sein muss, als "Priester- und Gläubigenmangel" keine Probleme waren.

Im Jahr 1962 wurden in Deutschland noch 557 Priester geweiht

1962 etwa kamen zur Primiz von Ludwig Magg im gut 40 Kilometer von Pforzen entfernten Lechbruck um die 5000 Menschen. Die Straßen seien voll gewesen, erinnert er sich. Magg ist heute 86 Jahre alt und längst kein Priester mehr. Er konnte den Zölibat, die priesterliche Ehelosigkeit, nicht leben, und heiratete.

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1962 war Ludwig Magg einer von 557 neugeweihten sogenannten Weltpriestern der katholischen Kirche in Deutschland. Im Unterschied zu Ordenspriestern gehören sie dem Klerus eines Bistums an. In diesem Jahr werden es nach Recherchen unserer Redaktion 57 sein. Zahlen, die verdeutlichen, was mit dem Wort "Priestermangel" recht abstrakt beschrieben ist.

Man könnte sagen: Es herrscht kein Mangel, es herrscht Not.

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, spricht am Telefon von einer "Katastrophe" mit weitreichenden Folgen. "Das Bild von Kirche wird sich drastisch ändern." Sternberg ist sich sicher: "Wir werden uns von der Vorstellung einer Kirche der Vollversorgung verabschieden müssen. Es wird auf Dauer vieles nicht mehr hauptamtlich organisiert werden können. Das bedeutet für die Gläubigen, dass sie dem auch nicht mehr mit einer Konsumhaltung gegenüberstehen können."

Die entscheidende Frage ist, ob sie dazu bereit sein werden, ja, wie viele Katholiken es in Zukunft überhaupt geben wird. Kürzlich wurde die Kirchenstatistik für das Jahr 2019 veröffentlicht: Demnach machen Katholiken nur noch 27,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, die Zahl der Austritte lag bei 272.771 Menschen – ein Negativ-Rekord.

Die Gründe für den Gläubigenmangel sind vielschichtig. Sie reichen von der demografischen Entwicklung über die nachlassende Bereitschaft, sich an Organisationen zu binden, bis zu den kirchlichen Missbrauchs- und Finanzskandalen sowie bis zur Dauer-Debatte über Kirchensteuer, Zölibat oder Frauenpriestertum. Die Gründe für den Priestermangel hängen eng damit zusammen. Hinzu kommen lange Arbeitstage, eine hohe psychische Belastung, oft Einsamkeit im Alter. Thomas Sternberg sagt: "Ich habe hohen Respekt vor den Männern, die den Priesterberuf ergreifen – das ist ein schöner Beruf, der aber nicht mehr sonderlich attraktiv erscheint und der auch nicht mehr das Ansehen hat, das er einmal genoss. Wer sich heute dafür entscheidet, gilt ja als exotisch."

 

Marco Leonhart ist einer von nur drei Neugeweihten im Bistum Augsburg

Marco Leonhart – groß, drahtig, feste Stimme, lautes Lachen – ist so ein Exot. Er ist einer von drei neugeweihten Weltpriestern im Bistum Augsburg in diesem Jahr. Einer von drei – in einem Bistum, in dem knapp 1,3 Millionen Katholiken leben. Im vergangenen Jahr waren es ebenfalls drei, davor mal fünf, mal neun, mal sieben, mal elf. Man muss in einer Statistik der Deutschen Bischofskonferenz, die bis ins Jahr 1962 reicht, weit zurückgehen, um eine Zahl zu finden, die über 20 liegt: Im Jahr 1970 gab es 22 Neuweihen im Bistum Augsburg. Die höchste Zahl, 31 Neuweihen, stammt aus dem Jahr 1964.

Es ist Montag geworden. Marco Leonhart schaut die Glückwunschkarten durch, die er zur Primiz erhalten hat. Ein Moment der Ruhe und des Nachdenkens über sein früheres, sein jetziges und sein künftiges Leben. Der 46-Jährige war Polizeibeamter, beim SEK, Personenschützer in München, und liiert, wie er es formuliert, klar, das war er auch. "Warum wirst du Priester? Hast du dir das gut überlegt?", sind die Fragen, die er in den vergangenen Jahren am häufigsten beantworten musste, nicht zuletzt sich selbst. Warum also? Leonhart beginnt seine Antwort mit dem Satz: "Ich wollte eigentlich nie Priester werden."

Dass er es wurde, liegt an seinem Knie, einer Sehnsucht, die er anfangs nicht in Worte fassen kann, und vielen "Zeichen", die er als Wink Gottes deutet.

Zuvor aber, 1991, wird er Polizist. Es ist sein Traumberuf. Sein Vater ist bei der Polizei, seine Schwester auch. Leonhart spielt Fußball, Bezirksoberliga in Germaringen, doch im Jahr 2001 spielt sein Knie nicht mehr mit. Seine Sportverletzungen lassen in ihm die Frage nach dem Sinn aufkommen, es ist der Start einer jahrelangen Suche nach einem Leben, das ihn erfüllt. "Es dauerte zehn Jahre, bis ich die innere Sicherheit hatte, dass ich Priester werden soll", erzählt er. Er sagt "soll", denn er ist überzeugt, dass es Gottes Wille ist, dem er folgt.

2011 kündigt er seinen Job als Polizist: "Mein Schritt war radikal"

Am 26. September 2011 kündigt Marco Leonhart, da befindet er sich gerade seit drei Wochen an der Hochschule für den Öffentlichen Dienst in Fürstenfeldbruck, wo die Polizei ihre Führungskräfte ausbildet. Vom mittleren Dienst will er in die gehobene Polizeilaufbahn aufsteigen. Und will es doch nicht.

Ein Berufungserlebnis hatte er nicht, sagt er, sondern viele Erlebnisse, Momente und Begegnungen. Er las in der Bibel, besuchte Glaubenskurse und Gottesdienste und stellte irgendwann fast schon erstaunt fest, dass er täglich in der Kirche war. Weil es ihm gut tat und ihn ruhiger machte. Er redete mit Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, auch über das Thema Glaube – er, der sich früher nicht in besonderem Maße dafür interessierte. Als Personenschützer begleitete er Knobloch neun Jahre lang. Es entstand eine Freundschaft. Bei seiner Priesterweihe am 28. Juni im Augsburger Dom ist sie zu Gast.

Am 28. Juni wurde Marco Leonhart (3.v.l.) in Augsburg von Bischof Bertram Meier zum Bischof geweiht, zusammen mit (v.l.) Ludwig Bolkart, Richard Hörmann und Bruder Michael Sommer.
Bild: Annette Zoepf

Die Neupriester seien "in aufgewühlter See unterwegs", hören sie Bischof Bertram Meier predigen. "Ganz schön mutig – ein solcher Schritt in dieser Zeit", ruft Meier auch Leonhart zu, der ernst wirkt. Schließlich kniet sich der 46-Jährige vor den Bischof und verspricht ihm und seinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam. "Gott selbst vollende das gute Werk, das er in dir begonnen hat", sagt der Bischof. Später legt er ihm die Hände auf, ebenfalls Teil der Weihehandlung. Marco Leonhart hat das Gefühl, angekommen zu sein.

"Warum wirst du Priester, nach 20 Jahren bei der Polizei? Hast du dir das wirklich überlegt?", fragten ihn die Kollegen 2011 an der Hochschule in Fürstenfeldbruck. Er hatte. Es dauerte nicht lange und er trat erst in eine geistliche Gemeinschaft, dann ins Augsburger Priesterseminar ein.

"Mein Schritt war radikal", sagt Leonhart rückblickend. Er habe sein Auto weggegeben, auch Geld. Er merkte, dass ihm nichts fehlt. Die Zeit seiner Sinnsuche war an ein Ende gelangt: Er habe für die Menschen da sein wollen, nur eben auf andere Weise, als ein Polizist das könne. "Gott hat einfach nicht locker gelassen." Und die Skandale der Kirche, das angekratzte Image des Priesterberufs? "Die Kirche ist im Feuer", sagt Leonhart. Er versucht gar nicht, irgendetwas zu beschönigen. Redet nicht drum herum. "Aber", sagt er sehr bestimmt, "sie wird letztlich von Gott geführt. Dieses Vertrauen habe ich, und das ließ mich bei der Polizei kündigen."

Vor allem in Ostdeutschland ist der Priestermangel ein großes Problem

Es mangelt der katholischen Kirche an Männern wie Marco Leonhart, vor allem in den ostdeutschen Bistümern. Wo Priester fehlen, fehlt es an etwas ganz Essentiellem. Denn Priester wirken nach katholischem Verständnis als Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Als Susanne Sperling die Mail-Anfrage gelesen hat, greift sie sofort zum Telefon. "Meinen Sie das ernst?", fragt die Sprecherin des Bistums Magdeburg, ohne sich groß vorzustellen, und schickt ein Lachen hinterher. Auch an sie war, wie an alle Pressestellen der 27 (Erz-)Bistümer der katholischen Kirche in Deutschland, die Frage gegangen: "Wie viele Neuweihen von Weltpriestern gab es in diesem Jahr bislang im Bistum – und wie viele werden dieses Jahr voraussichtlich noch folgen?" Für Sperling muss das seltsam klingen, natürlich, gibt es im Bistum Magdeburg mit seinen rund 80.000 Katholiken ja seit Jahren keine, allenfalls eine Neuweihe. Magdeburg ist katholische Diaspora. Umso größer ihre Freude, dass dort am Samstag ein Priester geweiht wird, "ein cooler Typ", sagt sie.

Jürgen Wolff heißt er, 48 Jahre, gebürtiger Rheinländer. Ein sogenannter Spätberufener – wie Leonhart. In der katholischen Kirchenzeitung Tag des Herrn wurde er ausführlich vorgestellt: Lehre als Bankkaufmann, Studium der Betriebswirtschaftslehre in London, Doktortitel. Berufliche Stationen in Luxemburg, Belgien, den USA und China. Er habe sich bewusst für das Bistum Magdeburg entschieden. "Hier geht es um echte Mission", wird er zitiert.

Doch nicht bloß in Ostdeutschland ist der Priestermangel ein Problem (und jeder Kandidat ein Segen), er ist es selbst in einem so großen bayerischen Erzbistum wie München und Freising. In den letzten Jahrzehnten verzeichnete es selten mehr als zehn Neuweihen im Jahr. 2020 wird es bei zwei bleiben.

Darüber, wie sich dem Priestermangel begegnen lässt, gehen die Meinungen innerhalb der Kirche auseinander. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer empfahl kürzlich, um Priesterberufe zu beten. Das sei das erste und wichtigste. Thomas Sternberg, der Präsident des höchsten Laiengremiums der katholischen Kirche in Deutschland, sagt dazu: "Um neue Priester zu beten, ist sicher wichtig. Aber die Vorstellung, es reiche aus, nur intensiv genug darum zu beten, ist ein Irrtum. Das Handeln Gottes braucht die tätige Mitwirkung."

ZdK-Chef Sternberg sagt: Der Priester-Beruf muss wieder attraktiver werden

Sternberg setzt sich für Reformen ein: für die Priesterweihe von "viri probati" – bewährter, verheirateter Männer. Für das Frauenpriestertum. Und dafür, dass der Priesterberuf attraktiver wird. "Die Aussicht auf immer umfassendere Großpfarreien ist sicher nicht hilfreich", meint er. In den vergangenen Jahren sind als Reaktion auf den Priestermangel "XXL-Pfarreien" oder, wie im Bistum Augsburg, größere Pfarreiengemeinschaften entstanden. Es kam dort deshalb zu Protestaktionen: Die Kirche müsse im Dorf bleiben. "Es wird vor Ort vor allem noch das möglich sein, was engagierte Katholiken in Eigeninitiative organisieren und praktizieren", prognostiziert Sternberg.

Das sieht der Augsburger Bischof Bertram Meier durchaus ähnlich, auch wenn er die Lage weitaus weniger katastrophal einschätzt. Dennoch: "Die Ansprüche an die Seelsorger und die Belastungsfähigkeit der Priester machen mir Sorge", sagt er. Diese sollten in erster Linie Seelsorger sein, nicht Verwalter und Gemeindemanager. "Es wird darauf ankommen, dass sich noch mehr Frauen und Männer aus dem Volk Gottes, sogenannte Laien, hauptberuflich und ehrenamtlich einbringen, um die Priester zu unterstützen." Priester wie Marco Leonhart aus Pforzen im Ostallgäu.

Der weiß, was auf ihn zukommt, ab September als Kaplan in Illertissen und in ein paar Jahren wohl als Gemeindepfarrer. Am Tag nach seiner Heimatprimiz – Tag neun seit seiner Priesterweihe –, sagt er mit fester Stimme und voller Zuversicht: "Mich motiviert, zu erzählen, was ich mit Gott erlebe. Gottes Wort oder mein Wort als Priester können eine Wirkung entfalten. Das höre ich immer wieder, und das freut mich. Es ist schön, wenn jemand sagt: Das hat mir jetzt geholfen."

Was die Zukunft für ihn bringen könnte, das bereitet Leonhart keine Sorgen. "Dein Wille geschehe", lautet der Bibel-Spruch, den er sich zu seiner Primiz ausgesucht hat.

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... den Kommentar: Kirche braucht mehr Miteinander

... das Interview: Herr Bischof, was tun Sie gegen Priestermangel?

... den Bericht: Kaum Neuweihen: Der katholischen Kirche gehen die Priester aus

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