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Sexskandal

13.04.2019

Wie ein koreanischer Popstar eine Porno-Affäre auslöste

Jung Joon Young als Popsänger. Der 30-Jährige - hier ein Auftritt im März 2017 - war Frontmann in mehreren Bands in Südkorea.
Bild: Hu Wencheng/Imaginechina, imago

Plus Jung Joon Young gehörte zu den Stars des K-Pop. Bis er verhaftet wurde, weil er heimlich Frauen beim Sex filmte. Nun erscheint die ganze Szene in einem neuen Licht.

Als das mit Jung Joon Young offiziell war, der Verhaftung erst ein Geständnis und dann der Rückzug aus dem Showgeschäft folgte, schickte das Fernsehen gleich Reporter auf die Straße. Sie sollten Antworten finden auf die Frage: Was haben die Fans des südkoreanischen Pops, kurz: K-Pop, an diesem jungen Sänger gefunden, und wie geht es ihnen jetzt, wo sie wissen, dass er eine ziemlich schmutzige Porno-Affäre am Hals hat?

„Weil er so schön singt, dachte ich, er wäre auch eine gute Person“, sagt eine junge Frau in der Hauptstadt Seoul.

„Im Fernsehen wirkte er immer sehr freundlich. Aber diese Sache zeigt mir, dass Menschen hinter verschlossenen Türen ganz anders sein können“, findet eine andere.

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Und ein junger Mann sagt: „Es ist total enttäuschend. Ich glaube sogar, er ist nur ein kleiner Teil von etwas viel Größerem in der Unterhaltungsbranche.“

Da dürfte er recht haben. Viele Südkoreaner verstehen die Welt nicht mehr. Die Medien sind voll mit Geschichten über ihre Stars, die sich längst auch in den USA und in Europa einen Namen gemacht haben. Idole, die gut aussehen, wie Götter tanzen und als Person wie mit ihren Songtexten für ein wunderbares blitzsauberes Leben stehen. Sie heißen Seungri oder Choi Jong Hoon oder eben Jung Joon Young. Und auf einmal geht es in diesen Geschichten nicht mehr um ihre neuen Hits, ihr jüngstes grellbuntes Video, um Liebe und anderen Klatsch, sondern um handfeste Skandale. Ein Sänger nach dem anderen wird mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Es geht um Sex-Affären genauso wie um schwere Straftaten. Die Vorwürfe sind so umfassend, dass ihre Schatten auf die gesamte K-Pop-Szene fallen.

Der Jungstar Jung Joon Young hat bereits gestanden

Jung Joon Young, 30, der Schauspieler und Sänger in mehreren Bands war, wurde vor kurzem verhaftet. Er hatte mit versteckter Kamera Aufnahmen von zehn Frauen gemacht, während er Sex mit ihnen hatte. Die Videos soll er wiederum in privaten Chats geteilt haben. Jung hat die Tat schon gestanden und will auch nicht mehr auftreten. Empfänger des Materials soll unter anderem Choi Jong Hoon, 29, gewesen sein, Frontmann der Boy-Group FT Island. Der Kopf der Boy-Group Big Bang wiederum, der 28-jährige Seungri, wird beschuldigt, für potenzielle Investoren aus dem Ausland Prostituierte als Zahlungsmittel eingesetzt zu haben.

Jung Joon Young als reumütiger Straftäter. Hier ist er auf dem Weg zu einer Anhörung in einem Bezirksgericht.
Bild: Lee Jin-Man/AP, dpa

Auch andere Länder kennen Skandale im Showgeschäft. Doch der K-Pop-Schrecken hat eine besondere Dimension. Zumal Südkoreas Popindustrie ein wichtiges Instrument ist, mit der das Land seine Popularität im Ausland vorantreibt. Seit den 1990er Jahren hat sich die Regierung bemüht, popkulturelle Werke von TV-Serien über Essen bis Musik international sichtbar zu machen. Die „Hallyu“ genannte Bewegung, auf Deutsch: „koreanische Welle“, ist nicht nur in Japan und anderen asiatischen Ländern auf fruchtbaren Boden gefallen, sondern auch in Europa und den USA.

Der weltweite Durchbruch lässt sich an zwei Wegmarken festmachen. Da war zum einen der Rapper Psy, der im Jahr 2012 als Erster überhaupt mit einem Video auf der Internet-Plattform Youtube die Zahl von einer Milliarde Klicks erreichte. Mit über 3,3 Milliarden Klicks steht es heute auf Platz sechs der ewigen Rangliste. Der Titel: „Gangnam Style“, benannt nach einem Stadtteil von Seoul, aus dem der bürgerlich Park Jae Sang heißende Star stammt.

Zu seinem Erfolg trug eben auch sein Style bei. Psy machte nämlich im Video in einer Art Pluderhosen-Fantasie-Uniform einen schrägen Wackel-Hüpf-Tanz zum Kult. Typisch für K-Pop aber war dieser Solo-Auftritt eines damals bereits Mitte Dreißigjährigen nicht.

Die Boy-Group BTS eroberte die Charts in den USA und in Europa

Typisch ist vielmehr das, was hinter der zweiten Wegmarke steckt, die das Kürzel BTS markiert. Es steht für „Bangtan Sonyeondan“, wörtlich übersetzt: kugelsichere Pfadfinder. Die sieben Jungs Mitte 20, die sich dahinter verbergen und sich etwa von Min Yoon Gi in „Suga“ oder von Kim Taehyung in „V“ verwandelt haben, waren nicht nur die Ersten des Genres, die es im vergangenen Jahr mit einem Album auf Platz eins in den USA schafften und zudem auch hoch in allen europäischen Hitparaden standen. Sie stellen auch regelmäßig Rekorde in den sozialen Medien auf, weil ihnen Kids in aller Welt folgen. Sie haben beispielsweise mehr Follower als Justin Bieber. Auf Twitter etwa bescherten sie ihnen 2018 den beliebtesten Tweet, auf Youtube 45 Millionen Abrufe ihrer Single „Idol“ innerhalb eines einzigen Tages.

Mit dem Spitzenplatz in den USA kehrte der K-Pop praktisch zu seinen Wurzeln zurück. Die liegen in den Konzerten von US-Künstlern in Südkorea in den 1950er Jahren, um dort westliche Kultur zu vermitteln. Sie gebaren zahlreiche Nachahmer vor Ort, was mit der Zeit aber zu einer schrilleren Version des Pop mit eigener Handschrift geführt hat, meist auch in koreanischer Sprache. In Asien hatte das mit Gruppen wie Seo Taiji and Boys bereits in den Neunzigern großen Erfolg. Jetzt, bei der Eroberung des globalen Marktes und der Rückkehr in die USA, verwandelt sich der Gesang zusehends wieder zurück ins Englische – oft mit lustigem Akzent.

Die Eltern-Generation mag in BTS einfach die nächste Wiederkehr des seit Jahrzehnten in der Pop-Welt immer neu reüssierenden Konzepts der Boy-Group sehen – die Jungs sind zusammengecastet, es gibt besonders talentierte Rapper, Sänger und Tänzer, ausgefeilte Gruppen-Choreografien und mit großem Aufwand inszenierte Videos. Aber die Kids wissen: Es steckt sehr viel mehr dahinter. Zum Ersten etwa: Dass diese Videos und Songs in ihrer Reihenfolge Szenen enthalten, die über die Jahre eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Zum Zweiten auch: Dass BTS im Wechsel mit dem internationalen Markt auch extra noch den japanischen Markt bedienen. Denn dort und in der Nachfolge des J-Pop hat die Welle ihren Anfang genommen. Und zum Dritten: Dass BTS nur an der Spitze einer riesigen Szene, einer ganzen Branche, stehen.

Die nun, nach den Sex-Skandalen, in einem neuen Licht erscheint. Wenn auch mit Verspätung hat sich in Südkorea eine MeToo-Bewegung ausgebreitet. Machtmissbrauch, sexuelle Nötigung und andere Straftaten auch aus anderen Teilen der Gesellschaft machen vermehrt Schlagzeilen. Im Februar wurde der Politiker Ahn Hee Jung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, nachdem er eine weibliche Mitarbeiterin sexuell angegangen haben soll. Einen Monat zuvor hatte Südkoreas Kommission für Menschenrechte ihre bisher größte Untersuchung zu sexuellem Missbrauch in der Sportszene angekündigt, nachdem mehrere Athletinnen mit Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen an die Öffentlichkeit getreten waren.

Mitte März dann wurde ein Ring von Voyeuren gesprengt, der in 30 Hotels rund 1600 Gäste heimlich auf deren Zimmern gefilmt und die Videos auf einer Website hochgeladen hatte. Zwei führenden Köpfen, die mit der Sache bisher gut 5000 Euro verdient haben sollen, droht nun bis zu sieben Jahren Haft. Die illegale Verbreitung geheimer Videoaufnahmen ist in dem Land ohnehin ein bekanntes Problem. Schon im vergangenen Jahr gingen tausende Frauen auf die Straße und forderten härtere Strafen gegen die Täter.

Auch Jung Joon Young – er hatte ja ebenfalls heimlich beim Sex gefilmt – drohen sieben Jahre Haft. Besonders unangenehm für die ganze K-Pop-Szene ist die Sache außerdem deshalb, weil Behauptungen, hier handle es sich um einige wenige schwarze Schafe, nun nicht mehr überzeugen. Schon vor drei Jahren war beispielsweise ans Licht gekommen, dass in gut betuchten Kreisen eine Liste für sexuelle Dienste kursierte, die Mitglieder von Girl Groups und Schauspielerinnen nach Popularität und Preis ordnete. Zudem kam heraus, dass in den Verträgen vieler Sängerinnen Klauseln dazu verpflichteten, im Fall einer Schwangerschaft eine Abtreibung im Ausland vorzunehmen.

Der Konkurrenzkampf in der K-Pop-Branche ist gewaltig

Einer Umfrage der nationalen Menschenrechtskommission zufolge hatten schon im Jahr 2010 rund 55 Prozent der befragten Frauen im Showbusiness angegeben, solche sexuellen Angebote erhalten zu haben. Wiederum die Hälfte von ihnen sagte, sie hätten bei einer Ablehnung Nachteile im Job erlitten.

Und wie geht es in der K-Pop-Szene weiter? Fakt ist, dass hier eine höchst produktive und höchst professionell gemanagte Talentschmiede am Werk ist. Und dass sehr viele, teils noch sehr junge Musiker in einem harten Konkurrenzkampf um den Durchbruch stehen – und diejenigen, die es geschafft haben, schon sehr früh unter einem enormen Erfolgsdruck. Licht hinter die Kulissen dieser Branche hat ein tragischer Fall im Dezember 2017 geworfen. Da nahm sich mit Jonghyun der Star der Gruppe SHINee das Leben – übrigens mit 27; dem Alter, in dem schon viele Poplegenden gestorben sind. In seinem Abschiedsbrief schrieb er von Depressionen und: „Ich schätze, ich war nicht dazu bestimmt, ein Leben in der Öffentlichkeit zu führen. Deshalb war es so schwer …“

Aber schwer, so zeigten es die darauf folgenden Einblicke in die Szene eben auch, ist es für viele im K-Pop, ob sie nun schon als „Idole“ bezeichnet werden und also den Star-Status erreicht haben oder nicht. Denn das Management verlangt komplette Hingabe von den oft noch sehr jungen Aspiranten, bestimmt über den Wohnort, bestimmt über das Leben, verbietet auch schon mal eine Beziehung.

Solche Lebensumstände, dies ist aber auch klar, erklären oder gar rechtfertigen das, was jetzt im Raum steht, natürlich nicht.

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