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Waschbär

21.11.2020

Wird Waschbärfleisch zum Lebensmitteltrend in Deutschland?

In Deutschland wurden zuletzt so viele Waschbären wie noch nie gejagt. Bisher wird nur bei etwa zehn Prozent der erlegten Tiere der Pelz verwertet. Wie viele Waschbären verzehrt werden, ist nicht bekannt.
Bild: Holger Hollermann, dpa (Symbolbild)

In Deutschland werden jährlich Tausende Waschbären gejagt. Ob die Tiere anschließend verzehrt werden, ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Geschmacksfrage.

Über 202.000 Waschbären haben deutsche Jäger in der vergangenen Jagd-Saison zwischen 1. April 2019 und 31. März 2020 erlegt und damit so viele wie noch nie zuvor. Veröffentlicht wurde die Zahl Anfang dieser Woche vom Deutschen Jagdverband (DJV). Am häufigsten wurde der wenig menschenscheue Allesfresser mit 36.900 Exemplaren in Brandenburg gejagt. Das hängt laut DJV mit der historisch bedingten Verbreitung des Waschbären zusammen, denn dort sind während des Zweiten Weltkriegs Tiere aus Zuchtpelz-Farmen ausgebüxt. In Hessen wiederum, einem weiteren Hotspot bei Verbreitung und Anzahl der erlegten Waschbären (29.113), wurde das Tier explizit ausgesetzt. Zum Vergleich: Auf Bayern entfielen in der vergangenen Jagd-Saison 3947 der erlegten Kleinbären mit der markanten schwarzen Gesichtsmaske. Doch wieso wird der Raubsäuger überhaupt so intensiv bejagt?

Der Waschbär ist eine gebietsfremde Tierart, auch Neozoen genannt, und hat sich seit seiner Ansiedlung durch den Menschen besonders im Nordosten Deutschlands immer weiter verbreitet. Das geht aus dem Wildmonitoring hervor, bei dem laut DJV bundesweit knapp 26.000 Jagdreviere angeben, ob der Waschbär dort vorkommt oder nicht. Die erfassten Daten decken immerhin knapp 40 Prozent der unbebauten Fläche ab und zeigen einen deutlichen Trend: Von 2006 bis 2019 hat der Waschbär sein Verbreitungsgebiet von 27 Prozent auf 57 Prozent verdoppelt.

Bisher landet Waschbärfleisch in Deutschland nur selten auf dem Teller

Seit 2016 steht der Waschbär neben aktuell 65 weiteren Tieren auf der "Liste der invasiven gebietsfremden Arten von unionsweiter Bedeutung", kurz Unionsliste. Die Europäische Union hat 2014 eine Verordnung (Nr. 1143/2014) über den Umgang mit invasiven gebietsfremden Arten erarbeitet und beschlossen, wovon die Unionsliste ein essentieller Bestandteil ist. Das Bundesamt für Naturschutz hat darüber hinaus ein eigenes Management- und Maßnahmenblatt für Waschbären herausgegeben, das unter anderem die Bejagung vorsieht. In den meisten Bundesländern ist der Waschbär daher im Jagdrecht enthalten. Doch was wird aus den erlegten Tieren in Deutschland?

Sucht man im Internet nach "Raccoon Recipes" (Waschbären-Rezepte), merkt man schnell: In anderen Ländern wie den USA oder Kanada ist der Verzehr von Waschbären nichts Außergewöhnliches. In South Carolina macht Waschbärenfleisch dem Deutschen Jagdverband (DJV) zufolge etwa zehn Prozent des jährlichen Gesamtfleischverzehrs bei lokalen Jägern aus, besonders in den Südstaaten werden traditionell jährlich einige tausend Waschbären gegessen.

Vergleichbare Zahlen aus Deutschland gibt es nicht, dem Jagdverband zufolge ist die Bundesrepublik von solchen Mengen aber noch weit entfernt. Vereinzelt wird das Fleisch der Waschbären in Gaststätten angeboten wie im "Schnaudertal" im thüringischen Wintersdorf bei Meuselwitz. Zuletzt schickte die Bild-Zeitung im Januar 2020 eine Reporterin zum Testessen dorthin. Bisher landet der Waschbär nach Schätzungen des Jagdverbands im Allgemeinen allerdings nur sehr selten auf der deutschen Speisekarte. Dabei erfreut sich Wildbret immer größerer Beliebtheit. In der vergangenen Jagdsaison haben die Deutschen fast 34.000 Tonnen davon verspeist, wie der DJV anhand der Jagdstrecken der Bundesländer ermittelt hat. Der Großteil entfällt auf Wildschwein, gefolgt von Reh und Rothirsch. Kündigt sich hier eine Trendwende an? Und essen wir Deutschen bald ebenso selbstverständlich Waschbären?

Jagdverband-Sprecher: "Fürs Klima ist es besser, einen Waschbären zu essen als Billigleisch aus Discountern"

Der jährliche Fleischkonsum der Deutschen lag in den Jahren 1991 bis 2019 bei rund 59,5 Kilogramm pro Kopf - über die Hälfte entfiel dabei auf Schweinefleisch, wie eine im April 2020 veröffentlichte Statistik zeigt. Als Allesfresser steht der Waschbär dem beliebten Hausschwein dabei näher als so mancher denken würde. Dass Waschbären in Deutschland bisher nicht viel konsumiert werden, ist laut dem Sprecher des DJV, Torsten Reinwald, kulturhistorisch bedingt. "Ebenso wie Muslime keine Schweine essen oder bei uns keine Insekten auf dem Teller landen - obwohl sie sehr proteinreich sind. Jeder hat seine soziale Prägung und es lohnt sich sprichwörtlich über den Tellerrand zu schauen", meint der ehrenamtliche Jäger. Reinwald bezeichnet sich selbst als "überzeugten Kochtopf-Jäger", bei ihm komme zu 90 Prozent Wild auf den Tisch.

"Viele werden Vegetarier oder sogar Veganer, weil sie die kommerzielle Fleischproduktion ablehnen", meint Reinwald und fügt an: "Fürs Klima ist es deutlich besser, einen Waschbären zu essen als Billigleisch aus den Discountern. Wild ist nicht bio, aber es ist ein sehr ursprüngliches Lebensmittel." Dem Jäger zufolge ist es aus ethischer und ökologischer Perspektive sinnvoll, heimische Wildtiere zu essen, da diese in Freiheit leben und essen, was ihnen schmeckt. Sein Ansatz lautet: "Lieber esse ich weniger Fleisch und dafür gutes." Denn auch aus ernährungsphysiologischer Sicht überzeuge das fettarme Fleisch. Seine Empfehlung für Verbraucher lautet: "Wer nicht auf Fleisch verzichten will, aber etwas fürs Klima, seine Figur und sein Gewissen machen will, kann Wildbret probieren."

Vor dem Verzehr muss das Fleisch des Waschbären ebenso wie bei Haus- und Wildschweinen vom Veterinäramt auf Parasiten, sogenannte Trichinen, untersucht werden. Mit den Fadenwürmern infiziertes Fleisch wird konfisziert, da der Mensch daran erkranken kann. Abgesehen davon sei Waschbärfleisch jedoch unbedenklich, so Reinwald. Wissenschaftler der Uni Leipzig haben erst kürzlich eine Studie zum Waschbär als potentielles Lebensmittel durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Keimbelastung bei den fünf untersuchten Waschbären teilweise sogar deutlich niedriger war als die Grenzwerte für herkömmliche Schlachttiere. Die Vermarktung ist für Jäger, die als Lebensmittelunternehmer registriert sind, bereits jetzt problemlos möglich. Ist der Weg für den Waschbären als Lebensmittel in Deutschland also frei?

Hat der Waschbär als Lebensmittel Potential in Deutschland?

"Ob sich Waschbär als Lebensmittel durchsetzt, kommt ganz auf den Gaumen der Deutschen an. Verwerten und Essen kann man Waschbären, geschossen werden auch genug", urteilt der Sprecher des Jagdverbands. Ob er explizit dazu rät, Waschbär zu probieren? "Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, Wild auszuprobieren - es muss ja nicht gleich der Waschbär sein." Unter Jägern gilt Waschbärschinken ebenso wie Dachsschinken vereinzelt als Delikatesse, als Massenware im Supermarkt wird heimisches Wild allerdings wegen der Unkalkulierbarkeit der Jagd niemals landen.

Bleibt die Frage, wonach Waschbärfleisch eigentlich schmeckt. Reinwald, der selbst bereits Waschbärfleisch als Ragù gegessen hat, beschreibt es so: "Geschmacklich geht Waschbär in Richtung Dachs und ist etwas stärker im Geschmack als Hase. Man muss aber auf jeden Fall das Fett vorher entfernen, weil es sonst zu streng schmeckt."

Lovis Kauertz, Vorsitzender des Vereins Wildtierschutz Deutschland, ist weniger optimistisch, was den Verzehr von Waschbären in Deutschland betrifft: "Wenn die Tiere ohnehin erlegt werden, macht es grundsätzlich Sinn, sie zu verwerten. In Deutschland wird aber niemand – abgesehen von einzelnen Individuen – Waschbären essen wollen. Hier wird versucht, nach Gründen zu suchen, die Jagd zu rechtfertigen." Der DJV würde fälschlicherweise den Eindruck erwecken, dass alles Erlegte auch verwertet wird, so Kauertz.

Waschbärpelz: Jagdverband plädiert für Nutzung von Fell gejagter Tiere

Aktuell werden laut DJV nur etwa zehn Prozent der erlegten Waschbären für die Pelzgewinnung in Deutschland verwendet, der Rest landet in der Konfiskatstonne. Die Fleischverwertung wird nicht erfasst. Torsten Reinwald spricht sich angesichts dieser Zahl für eine Verwendung der Felle aus: "Wir Jäger haben den Auftrag, dem Waschbären an den Pelz zu gehen. Wenn wir ihn schon töten, sollte man das Fell auch verwenden. Unser Anspruch ist, Nachhaltigkeit ernst zu nehmen und dazu gehört auch maximale Verwertung."

Die Nutzung von echtem Pelz aus heimischer Jagd weist dem Jäger zufolge zudem eine bessere Öko-Bilanz auf als andere Textilien wie Fleece oder Kunstpelz. Eine Studie aus dem Jahr 2012 kommt zu dem Schluss, dass der Lebenszyklus von Pelzimitat im Allgemeinen ein größeres Risiko des Klimawandels und einen größeren Ressourcenverbrauch bedeutet. Eine vergleichende Untersuchung zur biologischen Abbaubarkeit von echtem Mink- und Fuchspelz sowie Kunstpelz hat 2018 gezeigt, dass sowohl gefärbter als auch ungefärbert Naturpelz deutlich schneller abgebaut wird als das Imitat.

Naturschutzverbände zur Jagd von Waschbären: "Verwertung entnommener Tiere ist sinnvoll"

Pelz aus heimischer Jagd wird es allerdings ebenso wenig wie heimisches Wildfleisch in die Discount-Ketten schaffen, sondern ganz im Gegenteil ein Nischenprodukt bleiben, gibt Reinwald zu bedenken. Um Pelze aus heimischer Jagd nachhaltig zu verwerten und das Kürschner-Handwerk zu fördern, hat der Jagdverband 2017 als Pilotprojekt die Fellwechsel GmbH gegründet. Ihr Ziel ist, insbesondere das Fell von erlegten Füchsen, Marderhunden, Waschbären, Stein- und Baummardern, Iltis, Mink, Nutria und Bisam aufzubereiten.

Aus Tierschutzgründen spricht gegen die Jagd von Waschbären hauptsächlich die Tatsache, dass das Tier bisher kaum verwertet wird. Andreas von Lindeiner, Landesfachbeauftragter beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), schreibt auf Anfrage: "Es ist aus unserer Sicht natürlich sinnvoll, Tiere, die entnommen wurden, auch zu nutzen und sie nicht der Tierkörperverwertung zuzuführen."

Wie wirkt sich die Waschbärenjagd auf die Population aus?

Torsten Reinwald vom Jagdverband erklärt, mit der gezielten Jagd in Artenschutzgebieten könne man die Waschbärenpopulation dort - und zwar explizit nur nur dort - effektiv reduzieren und somit auch den Druck auf potentielle Beute verringern, so der ehrenamtliche Jäger. "Waschbären auszurotten, ist schlicht nicht praktikabel. Das Tier lebt jetzt in Deutschland und unsere Aufgabe ist, die Population einzudämmen." Etwas vorsichtiger formuliert es der NABU auf seiner Internetseite: "Eine Bejagung von Waschbären aus Artenschutzgründen sollte stets genauestens geprüft werden und kann höchstens im Einzelfall etwas bringen."

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21.11.2020

Wunderbare Idee. Guten Appetit.

Für den Menschen stellt der Waschbärspulwurm eine der gefährlichsten Zoonosen dar, da die Larven (Larva migrans) durch Wanderbewegungen das Gewebe zerstören und je nach Befallsort entsprechende Organstörungen verursachen wie z.B. Erblindung beim Eindringen ins Auge. Ein Befall des zentralen Nervensystems durch eine Larve des Waschbärspulwurms verläuft in den meisten Fällen tödlich.

Mit dem Anstieg der Populationsdichten des Waschbären in Deutschland steigt auch das Risiko für die Verbreitung des Waschbärspulwurms. Da die Spulwurmeier gegenüber Umwelteinflüssen sehr resistent sind, bleiben sie im Freiland jahrelang infektiös. Wie Beispiele aus den USA zeigen sind in Siedlungsgebieten des Waschbären vor allem Kleinkinder, die im Garten und Sandkasten spielen einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt.

Auch der jagdliche Umgang mit dem Waschbären birgt die Gefahr einer Infektion. Beispielsweise können sich im Waschbärkot, der in Fangeinrichtungen (z.B. Kastenfallen) zurückbleibt die Eier zu infektiösen Larven entwickeln. Weiterhin kann eine Infektion auch beim Hantieren mit erlegten Waschbären geschehen und darüber hinaus werden beim offenen Transport von erlegten Waschbären die im Fell anhaftenden Spulwurmeier verfrachtet werden (Jagdkleidung, Auto etc.).


Quelle Deutscher Jagdverband

https://www.jagdverband.de/waschbaerspulwurm

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