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Reportage

13.01.2020

Wo sie zu Hunderten stehen: Besuch auf dem Friedhof der Telefonzellen

Die Sammelstelle für Telefonzellen liegt nahe Michendorf in Brandenburg. Mitten im Wald.
Bild: Imago Images, Karina Hessland

Plus Wer nutzt denn heute noch Telefonzellen? Allenfalls Nostalgiker. Und so werden sie in einem Wald in Brandenburg gesammelt. Endstation ist für die Häuschen dort aber nicht.

Telefonzellen sind hoffnungslos von gestern, Außentoiletten erst recht. Und doch wünscht sich der kantige Mittfünfziger, der mit seinem Auto einen mächtigen Pferdeanhänger durch die brandenburgische Provinz zieht, eine Kombination aus beidem. Ein stilles Örtchen für den heimischen Garten, zwischen Himbeeren und Hortensien. Aber eben kein Häuschen aus Holz mit herzförmigem Fensterchen in der Tür. Nein, eine zum WC umgebaute Telefonzelle soll es sein, eine von den alten gelben.

Deshalb hat ihn sein Weg, der an diesem trüben Wintertag einige empfindliche Enttäuschungen bereithalten wird, nach Michendorf geführt. Dorthin, wo all die Fernsprechkabinen landen, die zu Tausenden aus deutschen Städten und Dörfern verschwinden. Weil fast jeder nur noch mit dem Handy telefoniert.

Michendorf, der Sehnsuchtsort für Fans von Telefonzellen

Überregional allenfalls durch eine Autobahnraststätte an der A10 bekannt, ist Michendorf, bei Menschen, die sich auch nur im Entferntesten für Telefonhäuschen interessieren, ein Sehnsuchtsort. Die 13.000-Einwohner-Gemeinde liegt nur gut 40 Kilometer von der quirligen deutschen Hauptstadt Berlin entfernt und wirkt doch wie aus der Zeit gefallen. Auf rumpeligem Kopfsteinpflaster geht es zwischen tristgrauen Häuschen aus DDR-Zeiten hindurch, dann schließt sich ein gesichtsloses Neubaugebiet an. Am Ende der Straße, bei der apricotfarben gestrichenen Villa des örtlichen Fahrlehrers, ist der Ort auch schon wieder zu Ende.

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Ein Betonplattenweg führt jetzt tief in einen Kiefernwald. Als die Hoffnung schon schwindet, dass da noch irgendwas außer Bäumen kommt, taucht hinter Stacheldraht ein Gebäude auf. Grau mit verblassten Magenta-Elementen, im Farbschema von Telefonzellen also. Das muss es sein.

Doch wer hier klingelt, dem dröhnt es aus der Gegensprechanlage nur genervt entgegen: „Keine Zellen hier. Nächstes Gelände“.

Der Zahn der Zeit hat an den Telefonzellen in Michendorf genagt

Tatsächlich, wenige hundert Meter weiter, liegt ein großer, mit H-förmigen Betonsteinen gepflasterter Platz, ebenfalls gut gesichert. Warntafeln am mit spitzen Stahlzacken bewehrten Tor sagen dem Besucher, dass er hier nicht zu fotografieren und eigentlich auch sonst nichts verloren hat. Ein stabil gebauter und entschlossen blickender Mitarbeiter in gelber Warnjacke eilt herbei und bekräftigt, was auf den Schildern steht.

Schon am Tor platzt der erste Traum des Kaufinteressenten. „Telefonzellen mitnehmen is’ nich’“, erfährt er. Dabei stehen sie hier zu Hunderten herum. An den meisten hat der Zahn der Zeit heftig genagt, viele sind von schmutzig-grünem Moos bedeckt. Dazu palettenweise Ersatzteile: Böden, Seitenwände, Türen. Seit Jahren mustert die Telekom die Zellen aus, und alles, was nicht völlig schrottreif ist, landet hier, im Wald bei Michendorf.

Bringt eine Zelle weniger als 50 Euro Umsatz im Monat, wird sie abgebaut. Telekom-Pressesprecher Georg von Wagner: „Der Kunde ist der Architekt des Telefonzellen-Netzes.“ Waren 1997 noch rund 167.000 Häuschen in Betrieb, sind es inzwischen bundesweit noch 17.000.

Eine Telefonzelle kostet 450 Euro

Seit 2013 können Privatleute ganz offiziell eine ausrangierte Kabine kaufen. Aufgearbeitet, also dampfgestrahlt, mit funktionierenden Türen und Beleuchtung, aber in der Regel mit mehr oder weniger starken Lackmängeln, kostet eine Zelle 450 Euro. Doch so einfach, wie es sich der Mann mit dem Pferdehänger vorgestellt hat, ist das nicht. Bestellt wird zentral über die Internetseite der Telekom, ist der Kaufvertrag unterschrieben, dauert es noch einige Monate. Denn die Nachfrage ist hoch, die Männer in Michendorf kommen mit der Aufarbeitung kaum hinterher. Rund ein halbes Jahr beträgt die aktuelle Wartezeit.

Ernüchtert schluckt der Interessent. Um beim kurzen Rundgang übers Gelände, der ihm dann doch gewährt wird, gleich die nächste Enttäuschung zu erleben: Weit und breit steht da keine gelbe Kabine. Erhältlich ist nur noch ein Modell, das Tel-H 90, das gängigste Telefonhäuschen, in der Farbkombination hellgrau, dunkelgrau, magenta. Der einzige mögliche Sonderwunsch: Wer seine persönliche Zelle etwa in einer Etagenwohnung aufbauen will, kann die zerlegbare Variante bestellen.

Mit solchen und weiteren Details beschäftigt sich auch eine regelrechte Telefonzellen-Fanszene. Ihre Mitglieder tauschen sich im Internet intensiv aus, da hat die Technik-Nostalgie doch wieder Grenzen. Da träumen Sammler dann von seltenen Baureihen, etwa von dem wie eine Litfaß-Säule geformten Sondermodell für die Olympischen Spiele 1972 in München. Für manche Zellen werden sogar weite Wege in Kauf genommen. Auf dem historischen Dorfanger von Berlin-Lübars etwa ist ein Häuschen aus den 1930er Jahren zum beliebten Fotomotiv geworden.

"Private Gespräche waren nur in der Telefonzelle möglich"

Kaum jemand hat sich so intensiv mit der Frage beschäftigt, warum Telefonzellen, obwohl weitgehend überflüssig, auf viele Menschen eine derart große Faszination ausüben, wie Lioba Nägele. Sie ist Kulturhistorikerin am Frankfurter Museum für Kommunikation. „Gerade Menschen, die in den 1960er Jahren oder früher geboren sind, verbinden entscheidende Momente ihres Lebens mit Telefonzellen“, sagt sie. Noch im Jahre 1963 haben nur 14 Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon verfügt. Und wenn doch ein Gerät vorhanden war, dann stand es im Flur, die ganze Familie konnte mithören. „Private Gespräche waren nur in der Telefonzelle möglich. In der Geschichte unzähliger Liebesbeziehungen spielen diese kleinen Rückzugsorte im öffentlichen Raum eine entscheidende Rolle“, sagt die Expertin.

Wenn Eltern heute von der Telefonzellen-Ära erzählten, reagierten Jugendlichen heute oft so, als würde von der Steinzeit berichtet. Ein Leben ohne eigenes Handy? Unvorstellbar. Dabei können auch viele Erwachsene kaum glauben, dass es erst rund drei Jahrzehnte her ist, seit die ersten, noch backsteingroßen Handys im Straßenbild auftauchten. Deren Besitzer wurden oft als Wichtigtuer verspottet, die bestimmt nur so taten, als würden sie damit telefonieren.

Doch der Aufstieg von Handy und Smartphone war unaufhaltsam - und damit das Ende der meisten öffentlichen Fernsprecher. 1881 wurde in Berlin der erste „Fernsprechkiosk“ in Betrieb genommen. Ab den 1920er Jahren gehörten sie in den Städten zum Straßenbild, wurden fester Teil der Alltags- und Populärkultur. „Von der Telefonzelle aus riefen im Krimi immer die Erpresser an. Und vom früheren Bundeskanzler Helmut Kohl heißt es, dass er in Telefonzellen ging, weil er sich dort sicher war, nicht abgehört zu werden“, sagt Lioba Nägele. Gegenstand unzähliger Witze und Karikaturen waren dauerquatschende Zeitgenossen - meist Frauen - die für lange Schlangen vor der Zelle sorgten. Und das Rätsel, warum in den Telefonbüchern immer ausgerechnet die Seite herausgerissen, auf der die gesuchte Nummer stand, beschäftigte Generationen.

Telefonzellen und das Problem mit dem Geruch

Kulturgeschichtlerin Nägele sieht einen großen Gegensatz zwischen der heutigen Nostalgie und der damaligen Wahrnehmung: „Telefonzellen standen im Ruf, ständig verdreckt, kaputt und besetzt zu sein.“ Und dann erst der Geruch. „Ein Aschenbecher gehörte ja lange zur Standard-Ausstattung, doch Qualm war längst nicht das Schlimmste“, sagt Nägele. Die Schweißnote der Vorbenutzer sei gerade im Sommer in den unbelüfteten Zellen lange wahrnehmbar gewesen. „Dazu kam oft eine Mischung aus teils nicht beschreibbaren Dingen“, sagt sie. Ein heikles Thema. Dass Telefonzellen bisweilen als stille Örtchen missbraucht wurden, ist bei den Leuten, die sich mit der Materie beschäftigen, ein offenes Geheimnis. Und sei dies einmal geschehen, lasse sich der stechende Geruch selbst mit Hochdruckreiniger und Desinfektionsmittel kaum mehr vertreiben.

Unter den Praktikern in Michendorf wird geraunt, dass bei der Telefonzellen-Ferkel-Quote deutliche innerdeutsche Unterschiede festzustellen seien. Anhand einer Nummer können sie sehen, wo ein Häuschen einmal stand. Die aus Berlin seien sehr häufig harnbelastet, solche aus süddeutschen Städten wie München fast nie, heißt es. Verkauft würden aber nur einwandfreie Exemplare.

Was mit denen anschließend geschieht, damit hat sich Lioba Nägele ebenfalls beschäftigt, zudem finden sich im Internet zahlreiche Berichte vom Zellen-Tuning. Ein Klassiker ist der Umbau zur Duschkabine, entweder für den Garten oder fürs Badezimmer. Auch die Telefonzellen-Grillstation ist beliebt, manchmal mit Beleuchtung und aufwendiger Entlüftung. Weil die Zellen ziemlich schalldicht sind, wurden einige zum Mini-Tonstudio umfunktioniert. Auf etlichen Werksgeländen stehen in den Firmenfarben lackierte Häuschen und dienen etwa als Treffpunkte bei Feueralarm. In lauten Großraumbüros erfüllen sie sogar noch quasi ihren eigentlichen Zweck und ermöglichen ungestörte Telefonate - mit dem Handy. Viele Exemplare dienen Werbezwecken: Ein Möbelhaus aus Grabow in Mecklenburg-Vorpommern etwa hat in eine Telefonzelle die nach eigenen Angaben „kleinste Küche der Welt“ eingebaut, mit Spüle und Mikrowellenherd, und „voll funktionstüchtig für Außenveranstaltungen“.

Die allermeisten recycelten Telefonzellen aber, Lioba Nägele schätzt den Anteil auf rund 80 Prozent, führen ein zweites Leben als so genannte Bücherboxen. Aufgestellt auf öffentlichen Plätzen, können Bürger darin alte Bücher ablegen und sich neuen Lesestoff mitnehmen. „So bleibt die Telefonzelle weiter ein Ort des Austauschs und behält ihre Funktion im öffentlichen Raum.“ Experten empfehlen übrigens dringend, die Kabinen umzuspritzen, bevor sie als Mini-Bibliothek wieder aufgestellt werden. Denn schon kursiert über die Boxen folgende, unbestätigte Geschichte: Ein Unfall passiert, es gibt Verletzte, doch keiner der Beteiligten hat ein Handy dabei. Einer läuft los, um eine Telefonzelle zu suchen. Endlich findet er eine: Darin: Keine Spur von einem Fernsprecher, statt dessen: jede Menge Kinderbücher.

Der Verkauf der Telefonzellen läuft in Michendorf offenbar gut

Noch gibt es im Wald bei Michendorf genügend alte Zellen. Weil aus jedem Häuschen ja etwas Neues entsteht, bekommen sie dort Schnappatmung, wenn in Medien mal wieder vom „Friedhof der Telefonzellen“ die Rede ist. Der Verkauf jedenfalls läuft offenbar gut und nach dem Prinzip, „wenn weg, dann weg“. Der Abtransport gilt als heikel. Selbst 20 Mann, so heißt es, täten sich schwer, eine Zelle aufzuladen, was keineswegs am Gewicht von rund 300 Kilogramm liege. Die glatten, rutschigen Gebilde aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit ihren gerundeten Kanten seien kaum zu packen. Irgendwann wird ein Stapler die letzte Kabine verladen. Die Preise werden dann kräftig anziehen, glauben die Zellen-Fans.

Der Mann, der von der Garten-Telefonkabine mit pikanter Zusatzfunktion träumt, muss schließlich mit leerem Pferdeanhänger die Heimfahrt antreten. Immerhin weiß er jetzt, welchen Weg er gehen muss, um irgendwann wenigstens eine graue Zelle zu ergattern. Und einen wichtigen Wink hat er auch bekommen. Wer bei der Bestellung einer Zelle einen anrüchigen Verwendungszweck angebe, eine Toilette etwa, der habe bei der Zuteilung schlechte Karten. So hat er es sich kurzfristig anders überlegt, wie er mit einem treuherzigen Grinsen versichert: „Da wird natürlich n’ Bücherregal draus. Für den Jöthe und so.“

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