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Morandi-Brücke

31.07.2020

Wunde(r) in Genua: Neue Brücke und schmerzliche Erinnerungen

Am 14. August 2018 stürzte die Morandi-Brücke in Genua, die auch über ein Wohngebiet führte, ein. Was von ihr übrig blieb, wurde gesprengt.
Bild: Antonio Calanni, dpa

Plus Nur zwei Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua wird das neue Viadukt eingeweiht. Bei Angehörigen der 43 Todesopfer weckt das schmerzliche Erinnerungen.

Sie werden alle kommen. Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella wird ein Band durchschneiden. Ministerpräsident Giuseppe Conte und Mitglieder seines Kabinetts werden da sein. Genuas Bürgermeister Marco Bucci und der gesamte Stadtrat ebenfalls. Journalisten aus aller Welt werden am Montag berichten – über die Einweihung der neuen Autobahnbrücke von Genua. 1067 Meter lang, 19 Pfeiler, errichtet in nicht einmal zwölf Monaten. Mattarella soll als Erster in einer Limousine über sie fahren. Es soll ein Fest sein, Italien freut sich über ein kleines Wunder.

Am Montag wird das neue Viadukt eingeweiht. Es ersetzt die Morandi-Brücke, die vor zwei Jahren teils einstürzte.
Bild: Piero Cruciatti, dpa

Zwei Jahre ist es her, dass die alte Morandi-Brücke, die wichtige Verkehrsader, die den Westen Genuas mit dem Osten der Stadt verband, teilweise zusammenbrach. Dutzende Fahrzeuge stürzten in die Tiefe, als am 14. August 2018 ein Sommergewitter über der Stadt niederging. 43 Menschen starben bei dem Unglück, es war eine nationale Katastrophe. Eine eingestürzte Autobahnbrücke mitten in Italien, auf einer Strecke, die gerade zur Sommerzeit täglich tausende Urlauber befahren. Es war eine Katastrophe und eine Schmach.

Der Brückeneinsturz war Katastrophe und Schmach

Wer am Montag nicht kommen wird zur Einweihung, ist Egle Possetti. Am 14. August 2018 war ihre Schwester aus Pinerolo bei Turin mit Ehemann und zwei Kindern unterwegs in die Sommerferien. Es sollte nach Riva Trigoso in Ligurien gehen, der Weg führte über die Morandi-Brücke.

Als Possetti mitbekam, dass in Genua eine Autobahnbrücke eingestürzt war, versuchte sie, ihre Schwester zu erreichen. Erst über den Familienchat bei WhatsApp, dann per Telefon. Niemand antwortete, auf keinem der vier Telefone. Possetti machte sich mit einer furchtbaren Vorahnung nach Genua auf. Wenig später hatte sie Gewissheit: Ihre Schwester, deren Mann sowie die beiden Kinder im Alter von zwölf und 16 Jahren befanden sich auf der Morandi-Brücke, als diese einstürzte.

„Ich glaube nicht, dass ich diese Brücke jemals betreten werde“, sagt Possetti, Vorsitzende eines Komitees, das die Familienangehörigen der 43 Todesopfer gegründet haben. Allein der Anblick des neuen Viadukts, das nun von aller Welt gerühmt wird, bereite ihr Schmerzen. Denn auch wenn Italien am 3. August 2020 diesen Neubau feiern wird, für Egle Possetti und die Opferfamilien hat er eine ganz andere Bedeutung.

15.08.2018, Italien, Genua: Blick auf die am Vortag eingestürzte Autobahnbrücke Morandi. Foto: Antonio Calanni/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Das Unglück von Genua
Bild: Antonio Calanni

Man könnte Possettis Gemütslage in folgender Frage zusammenfassen: Wenn die Menschen in einem Land dazu fähig sind, in weniger als einem Jahr eine architektonische, statische und technische Meisterleistung zu vollbringen, warum sind sie dann nicht in der Lage, den Einsturz einer Brücke zu verhindern?

Glanz und Versagen lagen selten näher beieinander als in den letzten zwei Jahren in Genua. Schließlich ist die Brücke nicht wegen des damaligen Gewitters eingestürzt, sondern wegen von Menschen zu verantwortender Fehler. Die Stahlträger der 50 Jahre alten Morandi-Brücke waren verrostet, das haben Untersuchungen ergeben. Instandhaltung und Wartung wurden offenbar nur unzureichend ausgeführt. Die Staatsanwaltschaft Genua ermittelt gegen 74 Personen, die Verantwortung für das Unglück tragen könnten. Ingenieure der Autobahngesellschaft Autostrade per l’Italia (Aspi) sind darunter, aber auch Funktionäre des Verkehrsministeriums in Rom. Im September wollen die Ermittler mit ihrer Arbeit fertig sein. Dann könnte bald der Strafprozess beginnen.

Egle Possetti sagt: „Sie werden mich auf die Brücke nur mit Gewalt hochbringen.“ Ihre und die anderen Opferfamilien bleiben der Eröffnungsfeier bewusst fern. Staatspräsident Sergio Mattarella will sich davor in Genua mit den Angehörigen treffen. Possetti bekommt hin und wieder auch einen Anruf von Ministerpräsident Giuseppe Conte, der sie über den Fortgang wichtiger Angelegenheiten informiert, den Lizenz-Entzug der Betreibergesellschaft Aspi etwa. Der italienische Staat wird diese schrittweise übernehmen. Die Familie Benetton, die Aspi bisher über die Familienholding Atlantia kontrollierte, soll aussteigen. So entschied es das Parlament.

Die Angehörigen wollen wissen, wer die Verantwortlichen sind

Die Angehörigen wollen vor allem verstehen, wer welche Verantwortung für den Einsturz der Morandi-Brücke trägt. „Die Verantwortlichen müssen bezahlen“, sagt Possetti. „Über so ein Ereignis kommt man nicht hinweg.“

Und so wiegt die Vorgeschichte der neuen Brücke weitaus schwerer als die über 17000 Tonnen Stahl und Beton, die für ihren Bau verwendet wurden. San-Giorgio-Brücke heißt sie, benannt nach dem heiligen Georg, dem Drachentöter mit seinem Wappen, einem roten Kreuz auf weißem Grund, Symbol der von Genua in See gestochenen Kreuzfahrer im Mittelalter.

Renzo Piano, der weltberühmte Architekt, hat die neue Brücke entworfen.
Bild: Piero Cruciatti, dpa

Aber wer ist eigentlich der Drachentöter, und wer ist der Drache in der Katastrophe von Genua, von der man ja niemals wirklich behaupten können wird, sie sei gut ausgegangen?

Für die Rolle des Nothelfers kommen zwei Figuren infrage. Da wäre zum einen Renzo Piano, der weltberühmte Architekt. Piano ist 82 Jahre alt und selbst ein Sohn Genuas. Wegen seiner Verdienste um Italien ernannte ihn der Staatspräsident 2013 zum Senator auf Lebenszeit, Piano ist seither Mitglied der höchsten Abgeordnetenkammer Italiens. Die neue Brücke gleiche einem Schiff, erklärt Piano. Von unten sehe das Viadukt wie ein im Tal befestigter Schiffsrumpf aus, der auf das nahe Meer und die Seefahrer-tradition der Stadt verweise. „Es ist eine einfache Brücke, unprätentiös und stark, wie der Charakter der Genovesen.“ Es ist diese positive Erzählung, die mit der San-Giorgio-Brücke verbunden wird und werden soll.

Was Star-Architekt Renzo Piano über das neue Viadukt sagt 

Und es ging ja tatsächlich unüblich schnell. Zumal in Italien, im Land der Verzögerungen, wo Großbaustellen erst nach Jahren eröffnet werden und wo Justizprozesse Jahrzehnte dauern können. Dass es aber so schnell ging, das hat auch mit Marco Bucci zu tun, dem zweiten Helfer in der Not.

Bucci arbeitete bis vor drei Jahren noch in der Pharmaindustrie. Im Sommer vor dem Einsturz der Morandi-Brücke wurde er Bürgermeister der 570.000-Einwohner-Stadt Genua. Sieben Wochen nach dem Einsturz benannte ihn die Regierung in Rom als Kommissar für den Wiederaufbau.

Marco Bucci, der Bürgermeister Genuas, hat den Bau der Brücke vorangetrieben.
Bild: Ute Müller, dpa

Marco Bucci war es, der Renzo Piano um einen Entwurf für eine neue Brücke bat. Als das Morandi-Viadukt noch nicht einmal vollständig abgerissen war, begannen bereits die Vorbereitungen für den Neubau. Nur zehn Monate betrug die reine Bauzeit, ein Rekord. Nach dem Einsturz 2018 hatte die Regierung den Notstand in Genua verhängt, die üblichen, komplizierten Prozeduren konnten auf diese Weise umgangen werden. Bucci war es auch, der in Abstimmung mit der Regierung zwei der größten italienischen Baufirmen, Fincantieri und Salini Impregilo, mit dem Neubau beauftragte.

Die neue Brücke gilt als vorbildliches Projekt - für ganz Italien

Zwei Jahre nach dem Brückeneinsturz hat Genua also ein hochmodernes und sogar ästhetisch ansprechendes Autobahnviadukt. Darauf hätte wirklich niemand gewettet.

Und damit ist diese Geschichte beim sogenannten Modell Genua angekommen: Genua soll Vorbild für die rasche und effektive Fertigstellung anderer Projekte im Land sein. In ihrem Gesetzesdekret zur Entbürokratisierung nach Beginn der Corona-Krise verkürzte die Regierung die Prozeduren für die Vergabe öffentlicher Aufträge. In Politik und Wirtschaft ist seither von einer „Kultur des Machens“ die Rede, die in Italien Einzug halten solle. Ministerpräsident Giuseppe Conte wagte es gar, angesichts des raschen Neubaus von einem „Symbol der Wiedergeburt“ zu sprechen.

Dabei ist es wohl eine Illusion, ein ganzes Land im Hauruckverfahren organisieren zu wollen. Viele Prozeduren haben schließlich den Sinn, dass Regeln eingehalten werden und Korruption verhindert wird, die in Italien weit verbreitet ist. Vielleicht kann das Land nach der Erfahrung in Genua ein bisschen schneller werden, wer weiß. Notwendig wäre ein Kompromiss zwischen Entbürokratisierung und notwendiger Kontrolle. Kein leichtes Unterfangen.

Die Opferangehörigen würden es schon begrüßen, wenn der Prozess gegen die Verantwortlichen für den Einsturz zügig abliefe. Egle Possetti sagt: „Ich verstehe nicht, wie diese Leute ruhig schlafen können.“

Zwei Tage nach ihrer offiziellen Einweihung soll die San-Giorgio-Brücke wieder für den normalen Verkehr freigegeben werden. Es ist Ferienzeit, wie vor zwei Jahren werden nicht nur Lastwagen, sondern auch ungezählte Autos mit Familien über sie fahren. Genauso wie damals. Manche Reisende werden von der Brücke aufs Meer hinausblicken. Sie werden wohl nicht merken, über wie viele Geschichten, über wie viel Leid sie in diesem Moment hinwegrollen.

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