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Kriminalfall

11.05.2020

Zehn Jahre nach Mordfall Maria Bögerl: Die Akte bleibt ungelöst

Trotz Tausender Spuren und Massengentests stehen die Ermittler – hier in einem Waldstück bei Heidenheim-Nietheim – noch vor einem Rätsel.
Bild: Stefan Puchner, dpa

Plus Vor zehn Jahren wurde die Heidenheimer Bankiersfrau entführt, drei Wochen später ihre Leiche gefunden. Noch immer versuchen Ermittler, den Fall zu lösen.

Es ist einer der spektakulärsten und mysteriösesten Kriminalfälle in der Bundesrepublik, ein Albtraum für die Hinterbliebenen, aber auch für die Ermittler. Mehrfach schien eine Aufklärung nahe, dann erkalteten vermeintlich heiße Spuren wieder. Falsche Informanten führten die Polizei an der Nase herum, Massengentests brachten nichts und rückten eine Kleinstadt in ein schiefes Licht: Vor zehn Jahren ist die Heidenheimer Bankiersfrau Maria Bögerl entführt worden; ihre Leiche wurde drei Wochen später gefunden. Im Juli des darauffolgenden Jahres nahm sich dann ihr Mann Thomas das Leben. Die Ermittler hoffen noch immer, den Fall Bögerl aufzuklären.

Bögerls Kinder werfen ihnen „unfassbar schlechte Arbeit“ vor. In der Tat ist schiefgegangen, was nur schiefgehen kann. Und das von Anfang an. Ein Blick zurück: Die damals 54 Jahre alte Maria Bögerl wird am 12. Mai 2010 aus ihrem Haus in Heidenheim an der Brenz in Baden-Württemberg, unweit von Ulm, entführt. Ihr Mann Thomas, damals Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, erhält während einer Besprechung mit dem Bürgermeister einer Nachbargemeinde einen Anruf von einem Mann, der sich Schmid nennt und 300000 Euro Lösegeld fordert. Der Mann spricht einen für die Region typischen schwäbischen Dialekt und warnt: „Machen Sie keine Sperenzchen!“ Thomas Bögerl soll das Geld in kleinen Scheinen an einer Unterführung an der Autobahn 7 bei Heidenheim unter einer Deutschlandflagge ablegen. Der Bürgermeister vermittelt das Lösegeld: Es soll in der Ulmer Filiale der Bundesbank abgeholt werden. Doch die hat über Mittag geschlossen, heißt es später. Thomas Bögerl kann es nicht rechtzeitig an der Autobahn deponieren. Das Geld wird nie abgeholt; der oder die Entführer melden sich nicht mehr.

Mordfall Maria Bögerl: Einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Bundesrepublik

Ein Rechtsmediziner kommt später zu dem Schluss, dass Maria Bögerl möglicherweise noch am Tag ihrer Entführung starb. Ihr Auto, ein schwarzer Mercedes A-Klasse, wird zwei Tage danach im Hof des Klosters Neresheim gefunden. Eigentlich ist die Zufahrt gesperrt. Nur Ortskundige wissen, dass man trotzdem hineinfahren kann.

Verzweifelt wenden sich ihr Mann, ihre Tochter und ihr Sohn in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ an die Entführer. Es kommen zahlreiche Hinweise, aber es ist keine heiße Spur dabei. Drei Wochen nach der Entführung finden Spaziergänger die Leiche von Maria Bögerl in einem Waldgebiet in der Nähe ihres Wohnorts, das die Polizei bereits durchsucht hatte. Sie wurde erstochen. Hatte die Polizei ihre Leiche übersehen, geschlampt?

Die Ermittler haben womöglich auch einen für den Fall wichtigen anonymen Brief liegen gelassen, der sechs Tage nach der Entführung Bögerls eingegangen war. Der Absender ließ wissen, dass sie tot sei. Zu diesem Zeitpunkt war die Leiche der Frau noch gar nicht gefunden worden. An Hinweisen mangelt es nicht. Doch keiner hilft.

Auch die Familie des Entführungsopfers gerät ins Visier der Ermittler. Weil die Telefonanlage der Bögerls falsche Datums-Angaben speichert – ein technischer Fehler – werden Vater und Kinder der Mittäterschaft verdächtigt. Der Freund der Tochter legt in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde wegen eines Verstoßes gegen das informationelle Selbstbestimmungsrecht ein. Gespräche mit Familienmitgliedern, Verwandten und Freunden, aber auch mit einem Pfarrer und einem Anwalt wurden aufgezeichnet. In Neresheim, wo das Bögerl-Auto gefunden wurde, gehört die Hälfte der Bürger zum Kreis der Verdächtigen: Alle Männer der Stadt, die zwischen 21 und 68 Jahre alt sind, werden zum Massengentest gebeten. Er wird in Giengen wiederholt. Beide Male: Fehlanzeige.

Und auch das noch: Ein anonymer Anrufer führt die Polizei sieben Monate lang an der Nase herum. Er nennt sich Tom und behauptet, ein Gespräch belauscht zu haben. Dabei sei der Satz gefallen: „Hast Du die Sachen der Frau Bögerl entsorgt?“ Der angebliche Zeuge erpresst mehrere Tausend Euro mit der Drohung, Informationen und Beweismittel verschwinden zu lassen. Die Ermittler nehmen die Spielhallenszene unter die Lupe, unter anderem auch im Raum Dillingen an der Donau. Schließlich fliegt der Schwindel auf, der Betrüger wird zu drei Jahren Haft verurteilt.

Im Mord-Fall Maria Bögerl kam es zu schweren Ermittlungspannen

Vor fünf Jahren behauptet dann ein damals 46-Jähriger aus Augsburg, er kenne den Mörder von Maria Bögerl. Doch er ist ein Betrüger. Ein Jahr später eine neue, allem Anschein nach vielversprechende Spur: Die Polizei nimmt in Hagen in Westfalen einen betrunkenen 47 Jahre alten Mann fest, der aus Königsbronn in der Nähe von Heidenheim stammt. Er brüstet sich mit dem Mord an Bögerl. Das Bundeskriminalamt teilt per Twitter mit, dass die Fahndung mit der Festnahme beendet sei. Doch der Mann kommt wieder frei. Seine DNA stimmt nicht mit der aus der Spurensicherung überein.

Im Januar 2020 durchsucht die Polizei Anwesen in den Kreisen Donau-Ries und Schwäbisch Hall. Erfolglos. Dennoch sagt Chefermittler Thomas Friedrich der Deutschen Presse-Agentur: „So lange es erfolgversprechende Ermittlungsansätze gibt, ist weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei bereit, die Akte zu schließen.“ Das bestätigt auf Anfrage der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Ellwangen, Armin Burger. Es gingen immer wieder Hinweise ein. Aktuell werten demnach Ermittler am Polizeipräsidium Ulm digitale Daten aus. Laut Thomas Friedrich seien bislang mehr als 10.000 Spuren gesammelt worden, auf eine DNA-Spur setze man die größten Hoffnungen – einen passenden Treffer habe es aber noch nicht gegeben.

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