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Religion

21.06.2016

Zölibatsberater: "Viele fühlen sich von der Kirche allein gelassen"

Diplomtheologe Joachim Reich bietet in seiner Berliner Praxis als Sexualtherapeut auch eine Zölibatsberatung an.
Bild: Annette Koroll (honorarfrei)

Joachim Reich bietet als Theologe und Sexualtherapeut Zölibatsberatung an. Mit welchen Problemen katholische Geistliche zu ihm kommen und wo er das Versagen der Kirche sieht.

Herr Reich, Sie sind ja meines Wissens nach der einzige Priester und Sexualtherapeut in Deutschland, der Zölibatsberatung in seiner Praxis anbietet. Wie wichtig ist denn so ein Angebot?

Joachim Reich: Ich vergleiche es immer mit der Eheberatung, die von der katholischen Kirche seit Jahrzehnten zum Beispiel durch die Caritas angeboten wird. Da würde kaum jemand sagen, dass so ein Service nicht sinnvoll wäre. Im Gegenteil, die Kirche unternimmt viel, um qualifizierte Beratung anzubieten. Traurigerweise gibt es das für Menschen im Zölibat nicht. Viele fühlen sich von der Kirche alleingelassen oder an Psychologen und Psychiater abgeschoben. Diese haben wiederum in den seltensten Fällen wirkliche Ahnung von den Lebenswelten katholischer Geistlicher oder Nonnen.

Wer kommt denn zu Ihnen?

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Reich: Viele Anfragen kommen von Priestern, die in einer Diözese zum Beispiel als Pfarrer oder Kaplan arbeiten. Dann gibt es Anfragen von Mitgliedern geistlicher Gemeinschaften und Orden. Eine kleinere Anzahl von Anfragenden sind Frauen oder Männer, die als geheime Partnerin oder geheimer Partner eines Zölibatärs beziehungsweise Ordenschristen betroffen sind und sich auszusprechen. Manchmal kommen beide gemeinsam. Das ist aber eine sehr kleine Gruppe.

Was sind die hauptsächlichen Anliegen, mit denen die Klienten bei der Zölibatsberatung zu ihnen kommen?

Reich: Der größte Teil der Ratsuchenden befindet sich in einer akuten Zölibatskrise und sucht einen Ausweg. Zum Beispiel eine natürlich heimliche Beziehung und die Partnerin oder der Partner sagt: „Also jetzt mache ich das schon zwei Jahre lang mit, ich halte dieses Versteckspiel nicht mehr aus.“ Oder ebenfalls ein Klassiker, ein Priester, der eigentlich bisher mit dem Zölibat wenige Probleme hatte, kommt in eine neue Pfarrei und er verliebt sich in die Pastoralreferentin oder in den Kaplan oder in ein Gemeindemitglied. Die Angst vor Aufdeckung ist ebenso ein ständiger Begleiter und die Selbstbefriedigung ist natürlich auch häufig Thema.

Welche Ratschläge geben Sie da?

Reich: Es kommt darauf an, was für ein Problemkreis vorliegt. Es ist etwas anderes, wenn jemand schon über Jahre eine heimliche Beziehung führt, vielleicht sogar inzwischen mit Nachwuchs oder ob jemand zum ersten Mal mit einer Situation konfrontiert wird, mit der er geistlich und emotional nicht umgehen kann. Oder ob jemand sexuelle Seiten an sich entdeckt, die ihm oder ihr Angst machen, ohne dass dies heißt, dass eine andere Person betroffen ist, Stichwort Masturbation. Das sind natürlich völlig verschiedene Paar Schuhe.

Weil man dann vielleicht beim ersten Mal nicht gleich bis zum letzten Schritt gehen und das Amt niederlegen will?

Reich: Genau, da sind dann vielleicht junge Kapläne, die ihre erste Stelle antreten, aber dann merken: Es gibt doch noch irgendwie mehr als nur Messe, Maiandacht und Pfarrgemeinderatssitzung. Das ist der Praxisschock, der sich manchmal in sexueller Verunsicherung niederschlägt. Eine Zölibatskrise kann sich aber auch jahrelang hinziehen. Die Idee in der katholischen Kirche ist dann meist, man geht zu einem geistlichen Begleiter oder bearbeitet das in der Beichte. Aber der vorgegebene sakramentale Rahmen der Beichte fokussiert natürlich auf metaphysische Schuld, die man auf sich geladen hat. Und die Antworten des Beichtvaters sind meist sehr stereotyp und helfen oft nicht weiter. Aus Scham wird dieses Forum ohnehin von vielen Geistlichen generell gemieden.

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