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Royales Vergnügen

23.05.2019

Zu Gast auf der Garden Party: Zum Tee bei Ihrer Majestät Queen Elizabeth

Was zieht man nur zur Gartenparty der Majestät an? Unsere Korrespondentin Katrin Pribyl hält es ebenso farbenfroh wie die Queen.
Bild: Katrin Pribyl

Jedes Jahr richtet die Queen im Buckingham-Palast Gartenpartys aus. Auch unsere Korrespondentin hatte die Ehre. Über einen Nachmittag zwischen Prunk und Pomp.

Es ist drei Minuten nach vier. Einige spülen noch eilig das Eier-Mayonnaise-Schnittchen mit Tee herunter. Andere versuchen in der Menschenmenge ihre durch langes Warten gesicherte freie Sicht auf die Terrasse des Buckingham-Palasts zu wahren. Da erscheint sie endlich: die Königin, der am längsten dienende Souverän der britischen Geschichte. Elizabeth II. ist die Ewige, wenn man so will, und deshalb herrscht unterm aufgebrezelten Fußvolk bei ihrem Auftauchen dann auch eine andächtige, fast bizarre Stille – so, als hielten die 8000 Gäste gleichzeitig ehrfürchtig den Atem an.

Es soll sogar vorkommen, dass manche vor lauter Starre vergessen, in diesem Moment ihr Handy zu zücken, um ein Beweisbild zu machen. Ohne Zweifel ist es eine Ehre, bei einer dieser Gartenpartys dabei zu sein, die die Queen jeden Sommer ausrichtet. Dementsprechend groß ist die Aufregung. Im pastellblauen Mantelkleid und passenden Hut führt die Queen, die live noch kleiner daherkommt als sie auf Fotos und im Fernsehen wirkt, den royalen Tross an. Dem gehören an diesem Nachmittag auch Prinz William und Herzogin Catherine an, die wiederum live noch viel größer daherkommt als auf Fotos. Obendrein anwesend: Familienmitglieder, die aufgrund ihres B- und C-Status zumeist und zu Recht namenlos bleiben.

Man muss sich auch nichts vormachen: Es geht hier vor allem um die Königin. 93 Jahre alt, Symbol einer ganzen Nation und Gegengift zur wechselhaften Zeit und Welt, die durch Kontinuität und absolute Hingabe das Selbstbewusstsein des Landes stärkt, das dieser Tage mal wieder ganz besonders down ist. Brexit, politische Dramen, Machtspielchen – es nimmt einfach kein Ende. Da ist dieser Nachmittag wie eine Streicheleinheit für die geschundene Seele der Nation.

Dürfen bei der Gartenparty natürlich nicht fehlen: Prinz William und Herzogin Catherine.
Bild: imago

Im Grunde ist das ja kein Garten, sondern ein weitläufiger Park

Zum zweiten Mal in diesem Sommer hat das Staatsoberhaupt Landsleute in den Garten des Buckingham-Palasts eingeladen, die sich in irgendeiner Form um das Königreich verdient gemacht haben. Wobei die Bezeichnung „Garten“ die Sache nicht ganz trifft, die Grünfläche ist vielmehr weitläufiger Park mit Rosenstöcken, jahrhundertealten Bäumen, Rhododendron-Büschen und einem See – all das mitten in London. Ein im Einladungspaket mitgeliefertes Faltblatt informiert darüber, dass der Wissenschaft und ergo der ganzen Welt zwei hier wachsende, bis dato unbekannte Pilzarten geschenkt wurden.

Die Militärkapelle spielt erst einmal die Nationalhymne – ein Zeichen dafür, dass die Party nun offiziell beginnt. Nur stimmt niemand ein. Zu merkwürdig das Gefühl, „God save the Queen“ zu singen, wenn die in dritter Person besungene Dame mehr oder minder vor einem steht.

Queen Elizabeth: 93 Jahre alt, Symbol einer ganzen Nation und Gegengift zur wechselhaften Zeit und Welt.
Bild: Dominic Lipinski, afp

Wer hier sein will, muss sich eine der kostbaren Einladungen verdient haben, die im Auftrag Ihrer Majestät von einem gewissen Lord Chamberlain, seines Zeichens höchster Beamter am Hof, verschickt werden. Das königliche Wappen allein ist ein Blickfang, golden eingeprägt in die Karte aus dickem, unbiegsamem Karton. Mit einhergehen alle möglichen Regeln, die es für die Besucher zu beachten gilt.

Für 70 bis 120 Pfund verleihen Boutiquen Designerstücke

Insbesondere die strenge Kleiderordnung sorgt im Vorfeld mitunter für Stress. Für die männlichen Gäste gilt der Dresscode „morning suit“, ein festlicher Tagesanzug oder Uniform. Frauen tragen knielange Kleider, Perlen, Glitzerschmuck und vor allem: Hüte, Hüte, Hüte. In groß und klein, Rot, Blau, Lila oder Gelb, mit künstlichen Rosen oder Schleifchen besetzt, versehen mit schrillen Blumenbuketts, breiten Krempen oder Türmen aus Tüll – der Gehweg zum Palast ist ein großer Laufsteg. Frau mietet im Übrigen gerne. Für läppische 70 bis 120 Pfund, umgerechnet zwischen 80 und knapp 140 Euro, verleihen Boutiquen Designerstücke für den Tag. Die wenigsten sind im Besitz solcher Prachtstücke.

Nun staksen und stolzieren die Gäste also über den roten Teppich durch die Eingangshalle des Buckingham-Palasts in die grüne Oase hinter den königlichen Gemächern. Der Lärm, der Smog, die Massen – alles bleibt draußen. Drinnen dann ein lebendiges Museum. Ruhe. Frieden. Paradiesisch fast. Das Gefühl, zur High Society zu gehören, und sei es nur für wenige Stunden, wird mit jedem Schritt größer und beglückender.

Auf eine Tasse Tee bei den Windsors – dieser Nachmittag umfasst so ziemlich alles, was viele Briten an ihrem Land lieben. Pomp, Prunk und Pracht. Der Glanz der Monarchie, die lange Geschichte und das Erbe des Empire sitzen tief in den Gemäuern des Palasts wie auch in den Traditionen, die bei Gartenpartys gepflegt werden. Das beginnt schon vor dem eigentlichen Spektakel, wenn sich kurz vor 15 Uhr vor der hohen Mauer unzählige Menschen einfinden – Krankenpfleger und ehrenamtliche Gemeindehelfer, Militärangehörige und Vertreter der Kirchen sowie des Commonwealth. Die Gäste, die sich hier einfinden, sollen einen Querschnitt durch die Gesellschaft bilden. Und die Garden Party ein royales Dankeschön für den Dienst an der Allgemeinheit sein.

Die Geladenen ramponieren den perfekten Rasen

Thema des Tages aber ist zunächst, wir sind ja in England: das Schlangestehen. Das frühe Ausharren vor den noch geschlossenen Palasttoren wird zwar das erste, aber gewiss nicht das letzte Mal sein, dass die erlesenen Gäste warten müssen. Am schnellsten kommt man noch vor den Toiletten voran. Länger dauert dagegen der Weg zu den üppigen Buffets, vor denen sich die Menschen in – wie soll es anders sein – perfekten Linien arrangiert haben. Extrapunkte gehen an die hunderten Geduldigen, die nach der Veranstaltung in der Schlange des Jahres vor dem Palast feststecken, weil sie ein Taxi ergattern wollen. Der berühmten britischen Höflichkeit ist es zu verdanken, dass es nicht zu Zwist und Tumult kommt. Schließlich, man kennt das ja.

Am Nachmittag, während die Besucher Mini-Lachs-Bagel genießen, schreitet das gekrönte Haupt mit Handtasche am Arm, Sonnenbrille auf der Nase und, für den Schatten in der Not, Regenschirm in der Hand durch den kunstvoll eingerichteten Korridor. Immer wieder macht die Queen bei ausgewählten Gästen kurz Halt und plaudert.

Ihre größte Sorge sei stets das Wetter, verrät Ihre Majestät bei dieser Gelegenheit der 50 Jahre alten Lehrerin Victoria English. „Man hofft natürlich, dass die Sonne scheint, wenn man 8000 Menschen zum Tee in den Garten einlädt.“ Victoria English nickt verständnisvoll, solche Sorgen hätte sie vermutlich auch gerne. Die Geladenen ramponieren unterdessen den perfekten Rasen, ein vorab eingepreister Kollateralschaden. Es gibt in Großbritannien kein exklusiveres gesellschaftliches Ereignis als die Gartenpartys ihrer Majestät – drei Mal im Jahr im Buckingham-Palast in London, ein Mal hoch oben in Schottland. Das Prozedere aber immer identisch.

Wenn man 8000 Leute einlädt, dann soll es wenigstens nicht regnen

Der wie mit der Nagelschere getrimmte Rasen gehört im Übrigen zu den beliebtesten Small-Talk-Themen der Gartenkultur-besessenen Briten an diesem Nachmittag. Und natürlich – wie kann es anders sein – das Wetter. An dieser Stelle fürs Protokoll: Es war „such a lovely day“, kein Regen, Sonne, kaum Wolken. London eben, meteorologisch erheblich besser als sein Ruf, auch wenn die Menschen auf dem Kontinent immer noch glauben, es regne und neble hier ununterbrochen. Noch mal fürs Protokoll: falsch.

„Das ist ihr Zuhause, ihr Garten, und wir dürfen hier sein“, haucht eine Dame beeindruckt und dreht sich um sich selbst – ganz vorsichtig, stets darauf bedacht, dass ihr gelbes Blütenkunstwerk aus Seidenbändern auf dem Kopf nicht verrutscht. Sie kam mit ihrem Mann aus dem walisischen Swindon angereist, im ganz normalen Leben arbeitet sie für eine Wohltätigkeitsorganisation, die Obdachlose unterstützt. Nun schlürft sie äußerst süße Zitronenlimonade aus umweltfreundlichen Bechern – ein Gruß des Königs im Wartestand, Chef-Naturschützer Prinz Charles.

Eine Händedruck von der Queen: Ausgewählte Gäste kommen sogar in diesen Genuss.
Bild: imago

Die smalltalkende Queen braucht eine knappe Stunde, bis sie an einem speziellen, von einem Krönchen geschmückten Zelt angekommen ist. Es wird ausnahmsweise von den zeremoniellen Leibwachen der Monarchin, den Yeomen of the Guard, die sonst im Tower of London zu Hause sind, bewacht. Dort steht der Nachmittagstee auf dem Tisch, den die Königsfamilie in einem erlauchten Kreise zu sich nimmt. Da tummeln sich dann die wirklich Reichen, Schönen, Berühmten und Mächtigen. Die eher zur Holzklasse gehörenden Fans stehen in sicherer Entfernung im Halbkreis und schauen zu. Das hat ein bisschen was von Zoo.

17 Uhr. Tea time. Logisch. Der Rest des Fußvolks pilgert so lange zum großen Zelt, wo fein gerollte Hühnchen-Spargel-Wraps, Schinken-Tomaten-Sandwiches mit abgeschnittenen Rändern, Himbeer-Shortbread sowie Miniaturtörtchen, und, ja, sogar vegetarische Optionen bereitstehen. Dazu literweise Tee, Saft aus britischen Äpfeln und Eiskaffee. Die Royals gehen mit den Getränketrends – trotz der rund 150 Jahre langen Geschichte der Gartenpartys, die unter Königin Victoria noch Frühstücke hießen, obschon sie damals bereits am Nachmittag stattfanden.

Für den Wohlfühlfaktor spielen die beiden Kapellen passende Evergreens wie „I’m in Heaven“ und „There’s No Business Like Show Business“. Kurz vor 18 Uhr ziehen sich die Queen und der Rest der Sippschaft in ihre Räumlichkeiten zurück – als ein erster Wink zu verstehen, dass nun Schluss ist. Als endgültiger Rausschmeißer dient aber die Nationalhymne. Und diesmal, beschwipst von so viel Herrlichkeit und feinem Tee, singen einige sogar leise mit.

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