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Chemnitz

13.06.2019

Zurück am Tatort – ein Jahr nach dem Tod von Daniel H.

Die Chemnitzer Polizei sicherte das Gebiet rund um den Tatort mit einer Hundertschaft. Dann stellten Statisten die Geschehnisse in der Tatnacht im August 2018 realitätsgetreu nach.
Bild: Sebastian Willnow, dpa

Vor knapp einem Jahr wurde in Chemnitz der Deutsch-Kubaner Daniel H. erstochen. Was genau geschah, ist noch immer nicht klar. Deshalb müssen Statisten den Tathergang nachstellen.

Die Vorbereitungen dauern um ein Vielfaches länger als der Gerichtstermin selbst. Schon um 22 Uhr beginnen Polizeibeamte in der Nacht zum Donnerstag damit, die Chemnitzer Brückenstraße abzusperren. Genauer: den Tatort auf dem Gehweg vor der Sparkasse in der Chemnitzer Innenstadt, auf dem am Stadtfestwochenende 2018 der 35-jährige Deutsch-Kubaner Daniel H. erstochen worden war. In dieser Nacht stellen Polizeibeamte den Tathergang nach – mit jedem noch so kleinen Detail, das aus der Tatnacht bekannt ist.

Hinter den Absperrgittern sammeln sich erste Kamerateams und Journalisten. Die Chemnitzer Polizei rückt mit einer Hundertschaft an, deren Großteil aber unsichtbar im Hintergrund ausharrt. Denn – so viel vorab – es werden keine Ausschreitungen losbrechen wie vor knapp einem Jahr, wenn die Beteiligten jetzt zurück an den Tatort kommen. Der Nachttermin ist anberaumt, um ein Bild davon zu gewinnen, ob der Hauptbelastungszeuge gegen den Angeklagten Syrer Alaa S. tatsächlich gesehen haben kann, was er gesehen haben will in der Nacht des 26. August 2018 gegen drei Uhr früh: nämlich das "Einwirken zweier Personen" auf das später an fünf Messerstichen gestorbene Opfer.

Tatort in Chemnitz: "Fast wie Flutlicht"

Aus dem Durchreichefenster des Alanya-Dönerlokals will Koch Younis al N. beobachtet haben, wie der Angeklagte und der noch flüchtige Hauptverdächtige, der aus dem Irak stammende Farhad A., aufs Opfer losgingen. Mit "von unten schwingenden" Armbewegungen, so hatten Vernehmungsbeamte und Dolmetscher die ursprüngliche Darstellung des Zeugen beschrieben.

Der Tatort liegt 56 Meter vom Durchreichefenster entfernt, eine Distanz, die es unmöglich scheinen lässt, Gesichter zu erkennen. Doch hatte zumindest der Angeklagte Alaa S. nur Minuten vor der Tat im Lokal einen Döner bestellt, sodass der Zeuge seine Statur und Kleidung vor Augen gehabt haben musste, bevor Alaa S. aus dem Lokal rannte, um dem anderen Verdächtigen bei seiner lauten Auseinandersetzung draußen zu Hilfe zu eilen. Der Tatort selbst liegt am Rand des Lichtkegels einer Straßenlaterne. "Fast wie Flutlicht" fachsimpeln Beobachter vorm Ortstermin. Auch das benachbarte Schaufenster eines Reisebüros ist hell erleuchtet. Nur eine Baumkrone wirft ihren Schatten auf den Tatortbereich.

Keine Kameras, keine Handys, keine Waffen

Um 23.45 Uhr erteilt ein Polizeiführer das Kommando, Filmaufnahmen und das Fotografieren einzustellen. Dann blockieren Polizeitransporter die Sichtachse zur anderen Straßenseite. Ausnahmslos müssen sich alle Besucher vom Sicherheitspersonal abtasten lassen, wenn sie auf den Straßenbahnsteig in der Straßenmitte gelangen wollen, der als Zuschauerbereich dienen soll: keine Kameras, keine Rechner, keine Handys und keine Waffen, natürlich. Arabisch aussehende Besucher stehen ebenso in der Schlange wie Freunde des Opfers, daneben einer der Ordner der rechtspopulistischen Pro-Chemnitz-Demonstrationen aus dem vergangenen Jahr, die kurz nach Daniel H.s Tod durch die Stadt marschierten.

Mit Blaulicht fährt der Tross aus Polizeiwagen und Transportern aus Richtung Bahnhof am Tatort vorbei vors Dönerlokal. Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Angeklagter und Nebenkläger steigen aus. Sie betreten das für den Publikumsverkehr geschlossene Alanya-Lokal. Das Durchreichefenster öffnet sich. Nacheinander recken sich die Prozessbeteiligten heraus, um bei nächtlichen Verhältnissen denselben Blick auf den Tatort zu werfen, den der Zeuge hatte. Am Tatort selbst haben fünf Statisten Aufstellung genommen, treten von einem Bein aufs andere, allesamt in schwarzer Kleidung, aber von unterschiedlicher Statur. Binnen zehn Minuten ist die Parade am Fenster vorbei.

"Alles wird man sicher nicht nachstellen können"

Deren Ergebnis mag Gerichtssprecherin Marika Lang noch nicht beurteilen. Nur so viel sagt sie vorab mit Blick auf jenen Menschenauflauf, den es in der Tatnacht gegeben haben soll und der die Blickachse zeitweilig verstellt haben könnte. "Alles wird man sicher nicht nachstellen können."

Eine Freundin des toten Opfers verlässt den Zuschauerbereich. Sie trägt Daniel H.s Namen als Tattoo auf dem Arm. Sie ist sicher: "Licht gab es hier genug." Jetzt hofft sie endlich zu erfahren, wer ihren Freund getötet hat.

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