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Vatikan

13.10.2020

Zurück ins Herz der Kirche: Papst empfängt Kardinal Pell nach Haft

Papst Franziskus begrüßte Kardinal George Pell, nachdem der Kardinal in Australien wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und freigesprochen worden war.
Bild: Vatican News, dpa

Der australische Kirchenmann Kardinal George Pell war wegen Missbrauchsvorwürfen 400 Tage in Haft. Jetzt rehabilitierte ihn der Papst in Rom.

Der Ranger ist zurück. "Ranger", so nennen einige im Vatikan den australischen Kardinal George Pell. Pell, fast zwei Meter groß und bekannt für seine Durchsetzungsfähigkeit, ist eine der umstrittensten Figuren in der katholischen Kirche. Dogmatisch gesehen ist der 79-Jährige ein Antipode von Papst Franziskus. Zu Beginn des Pontifikats kritisierte er etwa die von Franziskus bezweckte Öffnung bei der Kommunion für wieder verheiratete Geschiedene.

Am Montag sah man beide Männer nach drei Jahren ohne Begegnung in Einigkeit in der päpstlichen Bibliothek im Apostolischen Palast. Franziskus hatte dem Australier nach dessen Freispruch in einem dramatischen Strafprozess wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern erstmals wieder eine Audienz gewährt. Dass es sich dabei um mehr als ein gewöhnliches Treffen handelte, war auch daran zu erkennen, dass der Vatikan ein kurzes Video der Begegnung veröffentlichte. Privataudienzen mit dem Papst bleiben normalerweise privat.

Treffen im Vatikan ist ein Zugeständnis des Papstes an Kardinal Pell

Das Treffen war ein Zugeständnis an Pell, der sich drei Jahre lang in Australien vor Gerichten verantworten musste und nach einer Verurteilung in zweiter Instanz 400 Tage in Haft verbrachte. Von 2014 bis 2019 amtierte der Australier als Chef des Sekretariats für Wirtschaft, er sollte die Neuordnung der Vatikanfinanzen voranbringen. 2017 beurlaubte der Papst den Kardinal. Im April dieses Jahres sprach ihn der Höchste Gerichtshof Australiens frei. 

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Kardinal George Pell auf dem Weg zum County Court: Der ehemalige Vertraute von Papst Franziskus war wegen sexuellen Missbrauchs von zwei Chorknaben zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.
Bild: David Crosling/AAP (dpa)

In Erwartung eines definitiven Urteils hatte Franziskus dem Australier die öffentliche Ausübung des Amtes sowie jeden Kontakt mit Minderjährigen verboten. Die Rückkehr Pells in den Vatikan hatte deshalb den Beigeschmack einer Rehabilitierung. In dem Film ist zu sehen, wie Pell sich bei der Begrüßung tief vor dem Papst verbeugt. "Wie geht es Ihnen?", will Franziskus wissen. "Sehr gut", antwortet der Kardinal. "Es ist eine Freude, Sie wiederzusehen", sagt der Papst. Als beide am Schreibtisch des Papstes Platz genommen haben, bedankt sich Franziskus. "Danke für Ihr Zeugnis!" Bevor das Video endet, hört man noch die Worte "mehr als ein Jahr."Franziskus nimmt damit Bezug auf die Haft Pells. 30 Minuten dauerte die Begegnung.

Ist Kardinal Pells Rückkehr in den Vatikan endgültig?

In Rom wurde spekuliert, ob Pells Rückkehr in den Vatikan nun definitiv sein würde und im Zusammenhang mit dem jüngsten Finanzskandal stehe. Gut informierten Quellen zufolge will der australische Kardinal nur "drei bis vier Monate" in Rom bleiben, seine Wohnung in Vatikannähe auflösen, einige Dinge erledigen und sich anschließend zur Ruhe setzen. Dass Franziskus Pell auch als Chef des Wirtschaftssekretariats rehabilitiert, gilt als sehr unwahrscheinlich.

Als seinen Nachfolger setzte der Papst im November 2019 den spanischen Jesuiten Juan Antonio Guerrero Alves ein. Pell wird zudem im Juni 80 Jahre alt, die gängige Altersgrenze in der katholischen Kirche liegt bei 75 Jahren. Pell war in seiner aktiven Amtszeit zwischen 2014 und 2017 bei Fragen der Finanzreform immer wieder mit anderen Prälaten aneinander geraten, nicht zuletzt mit dem Ende September vom Papst geschassten Kardinal Angelo Becciu. Becciu hatte sich gegen Pells Pläne zu mehr finanzieller Transparenz im Vatikan gewehrt und die Reformversuche des Australiers blockiert.

Bei den strafrechtlichen Ermittlungen im Vatikan gegen Becciu, die von einem dubiosen Millionendeal in Zusammenhang mit einer Luxusimmobilie in London ausgelöst worden waren, stießen die Ermittler unter anderem auf Überweisungen in Höhe von 700.000 Euro, die auf ein Konto in Australien gingen. Im Vatikan wurde der Verdacht geäußert, mit dem Geld habe Becciu einen Belastungszeugen im Missbrauchs-Prozess gegen Pell finanzieren wollen.

Der Kardinal wurde beschuldigt zwei Chorknaben missbraucht zu haben

Dem früheren Erzbischof von Melbourne und Sydney war vorgeworfen worden zwei Chorknaben sexuell missbraucht zu haben. Einer der beiden Zeugen war 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben. Der Oberste Gerichtshof, der Pell im April frei sprach, bestätigte die Glaubwürdigkeit des zweiten Zeugen. Die glaubwürdige Aussage nur eines Belastungszeugen sei jedoch nicht ausreichend für eine Verurteilung, erklärten die Richter.

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