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Viruserkrankung
24.05.2022

Affenpocken-Simulation: Was steckt dahinter?

Bereits vor über einem Jahr wurde eine Affenpocken-Pandemie durchgespielt. Vor Kurzem wurde in München das Virus zweifelsfrei nachgewiesen.
Foto: Martin Bühler, dpa

Simulationen zum Verlauf von Pandemien bringen Verschwörungsideologen zum Spekulieren. Doch was steckt wirklich hinter der Affenpocken-Simulation von 2021?

Vermehrte Fälle eines seltenen Krankheitserregers in Europa sorgen seit einigen Tagen für Aufmerksamkeit: die Affenpocken. Noch mitten in der Corona-Pandemie führt diese Beobachtung zu Sorgen in der Bevölkerung. Welchen Verlauf könnte die Virusinfektion haben? Kommt nun die Affenpocken-Pandemie? Exakt diese Fragen haben sich auch Wissenschaftler und Politiker gestellt – und das bereits vor mehr als einem Jahr. Diese Affenpocken-Simulation von 2021 sorgt für Spekulationen bei Anhängern von Verschwörungsmythen, die sich nun fragen: Ist das nicht seltsam?

Im März 2021 spielte die Organisation "Nuclear Threat Initiative" (NTI) in Zusammenarbeit mit der Münchner Sicherheitskonferenz ein Pandemie-Szenario durch, um das Risiko biologischer Bedrohungen zu analysieren. Vorbereitet wurde die Übung bereits seit Spätsommer 2020. Sie sollte kritische Lücken in der Aufsicht über die Biotechnologie aufzeigen, die zu versehentlichem oder vorsätzlichem Missbrauch mit potenziell katastrophalen globalen Folgen führen könnten. Der Erreger, den sie für die Simulation auswählten: ein gentechnisch veränderter Stamm von Affenpocken, der in einem Labor mit unzureichenden Biosicherheitsvorschriften und schwacher Aufsicht entwickelt wurde. Ausbruchsdatum: 15. Mai 2022. Durch einen Biowaffenangriff verbreitet sich das Virus  und entwickelt sich innerhalb von 18 Monaten zu einer tödlichen globalen Pandemie. Die Folge: drei Milliarden Krankheitsfälle und 270 Millionen Todesopfer weltweit. Dieses rein hypothetische Szenario spielten die Experten durch, um daraus für den Ernstfall zu lernen.

Affenpocken-Simulation: Wieso ausgerechnet Affenpocken?

Die Wahl der Affenpocken erwies sich zufällig als treffend. Seit Mitte Mai sind Fälle ausgerechnet dieser Krankheit bekannt, unter anderem in Deutschland, Großbritannien, Belgien, und den USA. Diese Tatsache regt nun viele Verschwörungsideologen zu der Vermutung an, hinter dieser Wahl stecke ein von den Eliten gezielter Plan eine Pandemie heraufzubeschwören, um die Bevölkerung zu dezimieren. Sie befürchten erneut die „Plandemie“, Hashtags wie #wakeup feiern ein plötzliches Comeback auf Plattformen wie Twitter.

Doch die NTI und der Münchner Sicherheitskonferenz betonen, es gebe rein wissenschaftliche Gründe für die Wahl der Affenpocken. "Für das Übungsdesign wollten wir einen Erreger auswählen, der sich plausibel in unser fiktives Szenario einfügt", erklärt Jaime Yassif, Vize-Präsidentin der NTI, der Tagesschau. Aus einer Reihe von Optionen habe man die Affenpocken als am geeignetsten befunden - auch um zu zeigen, dass auch von anderen Erregern als SARS Gefahren ausgehen. Der tatsächliche Ausbruch von Affenpocken in mehreren Ländern sei "reiner Zufall".

Affenpocken-Simulation: Nichts Ungewöhnliches

Solche sogenannten "Tabletop-Exercises" finden regelmäßig zu unterschiedlichen Themengebieten statt und sind sowohl deutschlandweit als auch international nichts Ungewöhnliches. Es gehe darum, "zu erfahren, ob aus Fehlern der Vergangenheit effektive Lehren gezogen wurden", sagte der Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am vergangenen Donnerstag in Berlin zu Beginn der Beratungen der Gesundheitsminister der G7-Staaten.

Affenpocken-Simulation: Aus Pandemien lernen

Auch der Sicherheitsexperte Björn Hawlitschka vom Informationsbüro für Wirtschaftssicherheit (IBWS) betont den hohen Lerneffekt von solchen Szenario-Übungen, Planspielen und Krisenstabsrahmenübungen: "Sie sind handlungsorientiert, aktivieren zum Mitmachen und bleiben damit länger im Gedächtnis. Sie gelten daher als didaktische Königsdisziplin."

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Video: dpa

In den USA wurde im Oktober 2019, zwei Monate vor dem tatsächlichen Ausbruch der Corona-Pandemie, eine Simulation am Beispiel von Coronaviren durchgeführt – was die Verschwörungsszene heißlaufen ließ. Auch die Bundesregierung setzte sich unter anderem in einer Risikoanalyse unter Federführung des RKI 2013 mit den Gefahren einer Pandemie durch das SARS-Virus auseinander. Auch derzeit planen die G7-Staaten und die Weltgesundheits¬organisation WHO eine ähnliche Übung zu einer Pockenpandemie: die Leopardenpocken. Lauterbach kündigte an: "Es werde sich um eine sehr realistische Übung handeln, bei der davon ausgegangen werde, dass sich aus einem Leopardenbiss eine Pockenpandemie entwickeln könnte."

Affenpocken-Simulation: Sind die Affenpocken genetisch manipuliert?

Bei der derzeit in Europa und den USA auftretenden Variante handelt es sich nach derzeitigem Stand um die westafrikanische, die mildere der zwei bekannten Virusvarianten. Dass das Affenpockenvirus absichtlich in die Welt gesetzt wurde – so wie es manche Menschen nun vermuten – ist sehr unwahrscheinlich. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Das Virus wurde im Jahr 1958 das erste Mal bei Affen in Dänemark entdeckt. Erstmals bei einem Menschen wurde es dann 1970 in Afrika nachgewiesen. Dass der Erreger Menschen befallen kann, ist also nichts neues, sondern bereits seit über 50 Jahren bekannt. Auf dem afrikanischen Kontinent sind solche Übertragungen schon mehrfach vorgekommen, besonders in Gegenden, in denen Menschen und Tiere nah beieinander leben, ist dies möglich. Allerdings wurde er aber auch schon vereinzelt durch Reisende in andere Gegenden der Welt getragen, unter anderem in die USA, nach Israel und in den vergangenen Jahren auch schon mehrmals nach Großbritannien.

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