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Architektur
06.05.2017

Auf einer Ebene mit den Superreichen

Die Aussichtsplattform im zehnten Stock der Tate Gallery ist ein beliebtes Ziel für Hobby-Paparazzi. Denn sie bietet unbeschränkten Einblick in die Glasgebäude rundherum.
Foto: Ethel Davies

Sie können sich die schönsten Wohnungen kaufen, doch einige Millionäre in London fühlen sich trotzdem nicht wohl. Denn Touristen starren ihnen direkt ins Wohnzimmer

Im Sekundentakt spucken die Fahrstühle Touristen im zehnten Stock aus. Hier, im obersten Level der Londoner Tate Gallery of Modern Art, bietet sich ihnen ein atemberaubender Panorama-Blick auf die Themse, die berühmte Kathedrale St. Paul’s, die City, die im Horizont verschwindende Metropole. Und auf einen gegenüberliegenden Block, der Luxus-Apartments beherbergt.

Deren großzügige Fenster gewähren freie Sicht ins Innenleben der Superreichen, das für seine preisgekrönten Wohnungen bekannte Neo-Bankside-Gebäude liegt nur einige Meter Luftlinie von den Kunstbesuchern entfernt. Puristische Einrichtungen, edle Sofas, Designerstühle – einem spanischen Touristen entfährt während seines Besuchs hoch oben über der Stadt ein „Wow“, während seine Frau mit dem Smartphone ein Foto nach dem anderen schießt.

Offenbar ist die Faszination über den luxuriösen Lebenswandel der superreichen Wohnungsbesitzer fast noch größer als die für die Aussicht auf die Sehenswürdigkeiten Londons. Ein Hinweisschild bittet die Touristen zwar darum, „die Privatsphäre der Anwohner zu respektieren“. Aber es kommt kaum überraschend, dass täglich Bilder und Videos eben dieser Wohnungen in den sozialen Netzwerken auftauchen – zum Ärger der Bewohner der Apartments, die bis zu sechs Millionen Pfund kosten. Sie sträuben sich, weiterhin „wie auf dem Präsentierteller“ zu leben.

Die Tate Modern habe ihre Wohnungen in „Goldfischbecken“ verwandelt, sie stünden unter „fast ständiger Beobachtung“. Beschwerten sie sich über die Situation im vergangenen Jahr lediglich lautstark, ziehen fünf der Nachbarn nun rechtliche Konsequenzen und verklagen das Museum. Sie fordern eine Sichtschutzwand. Doch von Seiten der Tate heißt es, dass „das Design des Gebäudes stets eine Terrasse für die Öffentlichkeit auf höchster Ebene“ vorgesehen habe –was die nun erzürnten Anwohner der Tate damals offenbar nicht zu interessieren schien. Als sie einzogen, befand sich die Erweiterung des berühmten Kunstmuseums noch in der Errichtungsphase.

Erst im vergangenen Juni eröffnete der spektakuläre Anbau, das sogenannte Switch House, das mit ockerfarbenen und versetzt gestapelten Ziegelsteinen ummauert wurde. Die neue Galerie, die von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen wurde, lockte seit vergangenem Sommer eine Rekordzahl von Besuchern an. Die Ausstellungsfläche des Museums hat sich um 60 Prozent vergrößert. Und zu den Attraktionen gehört eben auch die Aussichtsplattform, deren Besuch wie der Eintritt ins Museum kostenfrei ist.

Eine Lösung für den Sicht-Streit, die der ehemalige Tate-Chef Nicholas Serota vor einigen Monaten vorschlug, klang zunächst einfach und naheliegend: Wie wäre es schlichtweg, Gardinen oder Rollläden anzubringen? Doch offenbar scheint diese Art von Sichtschutz nicht zum luxuriösen Stil der Bewohner zu passen. Sie gingen jedenfalls nicht auf den Ratschlag ein. Etliche Kommentatoren lästerten daraufhin über die reiche Oberschicht, die vor ihren Fenstern im Normalfall keine Gardinen brauche. Zu abgehoben wohnten deren Mitglieder – im wahrsten Sinn des Wortes.

Ein Tate-Besucher, der in einem der Apartments ein Teleskop am Fenster entdeckte, befand via sozialer Medien: Wenn die Menschen in dem Wohnblock ein Fernrohr nutzen, um auf „das einfache Volk niederzuschauen“, das an der Themse entlangspaziert, habe die Öffentlichkeit durch die Aussichtsplattform nun endlich die Chance, zurückzustarren.

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