„Ohne Baustelle wäre es hier schöner“, meint Steffen Kleinschmid. Achselzuckend steht er am Ufer des Blautopfs, mit seiner Frau und den beiden jungen Kindern. Die Familie kommt aus der Stuttgarter Gegend, sie ist für einen Ausflug über die Schwäbische Alb nach Blaubeuren gefahren. „Um halt auch einen Blick auf den Blautopf zu werfen“, sagt Kleinschmid. Der Blautopf ist eine Attraktion, die Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus anzieht. Hunderttausende wollen diesen märchenhaften Ort einmal sehen, das Naturphänomen, das intensive Blau des Wassers.
Sehen kann Familie Kleinschmid den Blautopf – nur, dass ihre Blicke über Bauzäune, ausgelegte Planen, Materiallager, Werkzeug und Maschinen schweifen. Ein Kreuz, das Blaubeuren seit zwei Jahren trägt. Und offenbar wird es nicht besser.
Laut Plan sollen die Arbeiten erst gegen Ende 2028 abgeschlossen sein
Eine der Top-Destinationen auf der Schwäbischen Alb ist Baustelle. Und, wie Familie Kleinschmid und viele andere feststellen müssen, beeinträchtigt die Baustelle das Blautopf-Erlebnis spürbar.
Dabei hat die 16 Kilometer westlich von Ulm gelegene Stadt ja einiges mehr für den Fremdenverkehr zu bieten. Da ist das ehemalige Benediktinerkloster mit seiner bedeutenden spätgotischen Kirche.
Da ist das Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst, in dem eine kleine, riesige Sensation zu bestaunen ist: die knapp sechs Zentimeter messende „Venus vom Hohle Fels“, die bisher älteste bekannte, von Menschenhand geschaffene Frauenfigur, wie sie das Museum beschreibt. Die Statuette wurde unweit vom Blautopf gefunden. Ungefähr 40.000 Jahre alt ist sie, geschnitzt aus einem Mammutstoßzahn.
Da ist die Ruine Rusenschloß, die Burgenliebhaber auf hohen Kalksteinfelsen finden. Letztlich aber wird alles von der Natur getoppt – vor allem vom Blautopf.
Bei dem handelt es sich um eine Karstquelle. Das Wasser entspringt den Tiefen der Schwäbischen Alb, es fließt aus einem ausgedehnten Höhlenlabyrinth. Und leuchtet je nach Lichteinfall in unterschiedlichem Blau bis hin zu einem schillernden Türkis. Ein Effekt, der mit der Lichtstreuung an Kalkpartikeln im Wasser zu tun hat. Wer das Farbenspiel gesehen hat, dürfte es kaum vergessen. Wie die Umgebung, in der der Blautopf liegt: zwischen Klosteranlage, historischer Hammerschmiede und steil ansteigenden bewaldeten Talhängen.
Nicht verwunderlich, dass er nebenbei noch als sagenhafter Wohnort einer Wassernixe gilt: der schönen Lau. Ob diese die Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen wohl als unschön empfindet?
Der Startschuss für die Arbeiten war bereits 2024. Laut Plan sollen sie erst gegen Ende 2028 abgeschlossen sein. Böse Zungen haben anfangs wegen des Zeitplans von einem Dolchstoß in den Rücken des örtlichen Tourismus geredet – zumal es damals seitens der Stadt hieß, das Gelände sei vier Jahre komplett gesperrt. Unter anderem auf heftigen Druck der örtlichen Wirte wurde das rasch revidiert.
Warum das Blautopf-Areal überhaupt modernisiert werden muss
Der Tourismus am Blautopf reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Städter kamen mit Pferdekutschen aus dem nahen Ulm, Romantik-Enthusiasten wanderten zu der mysteriösen Quelle. Über Generationen hinweg sind Wege, Geländer, ein Kiosk und öffentliche Klos entstanden. Dies alles war nicht bloß in die Jahre gekommen, im Blaubeurer Rathaus war man zudem zur Überzeugung gelangt, die Blautopf-Infrastruktur passe nicht mehr zu heutigen Standards bei Ausflugszielen. So sei eine weitgehende Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer oder für Rollator-Benutzer nicht gegeben. Was gerade beim alten Rundweg um den Blautopf nachvollziehbar war. Er lässt sich als besserer Waldpfad beschreiben.
Jedoch: Die Sanierungsliste ist damit längst nicht zu Ende. Auf ihr steht auch das Wehr. Die Stauanlage diente einst zur Wasserversorgung einer Hammerschmiede. Über ein Wasserrad wurden deren Hämmer in Bewegung gesetzt.
Der Blautopf ist somit auch ein Technikdenkmal – selbst wenn die heutige Einrichtung der Hammerschmiede nicht das örtliche Original darstellt.
Mit der Sanierung und Modernisierung hat sich die Stadt Blaubeuren einiges vorgenommen: Rund 17 Millionen Euro wurden für das Projekt veranschlagt. Von 15 Einzelmaßnahmen an der Baustelle ist die Rede. Der jüngst aus dem Amt geschiedene parteilose Bürgermeister Jörg Seibold sagte vor Beginn der Arbeiten: „Unser Ziel ist es, im direkten Umfeld der Quelle das zu bewahren, was bewahrenswert ist, und das zu schützen, was schützenswert ist. Es soll aber eben auch das geändert werden, was nicht oder nicht mehr funktioniert.“
Die Baumaßnahmen am Blautopf sorgten für aufgeregte Diskussionen
Alles schien im Vorfeld gut vorbereitet zu sein. Es gab eine Bürgerbeteiligung zum Umfang und Ablauf der Arbeiten. Alles war unaufgeregt – bis die Sperrungsabsichten bekannt wurden.
Plötzlich wurde diskutiert, wie sich denn eine vierjährige Bauzeit erklären ließe. Die Stimmung an den Stammtischen uferte aus, inklusive einer Fundamentalkritik an der gefühlten Situation in Deutschland: „Alles dauert ewig!“, hieß es. „Nichts wird mehr fertig!“
Die Stadtverwaltung versuchte daraufhin zu erklären: Demnach bringen Naturschutzauflagen monatelange Baupausen mit sich. Es müssen Laich- und Brutzeiten berücksichtigt werden. Es muss das Stadtviertel hinter Blautopf und Kloster berücksichtigt werden – die einzige enge Verbindungsstraße führt an der Quelle vorbei. Nach städtischen Vorgaben darf sie nicht durch Maschinen oder gelagertes Material versperrt werden. Privatpersonen müssen durchkommen, ebenso Feuerwehr oder Rettungswagen.
Für die Bauarbeiten hat dies massive Folgen: Zu viele Firmen mit ihren Gerätschaften vor Ort würden eine Straßenblockade bedeuten. Heißt: Arbeiten müssen zeitlich gestreckt werden. Und schließt sich das Zeitfenster der Laich- und Brutsaison, kommt es deshalb zu weiteren Verzögerungen.
Dennoch zeigt man sich bei der Stadt positiv gestimmt. Sarah Kölle, Leiterin des Stadtbauamts, erklärt: „Eine Sanierung dieser Größenordnung bringt gewisse Einschränkungen mit sich. Diese konnten aber größtenteils minimiert werden, indem die Stadt einen dauerhaften Zugang zum Blautopf über den Bypass der Gerüstbrücke eingerichtet hat. Im weiteren Bauverlauf wird die Zugänglichkeit sich stetig verbessern.“
Gegenwärtig lässt sich der Blautopf ungefähr zur Hälfte umrunden. Wofür zwei baufällige Stege durch provisorische Gerüstbrücken ersetzt wurden. Bauzäune versperren ein Weiterlaufen. Manche Touristen lassen sich davon allerdings nicht aufhalten. Sie schieben die Hindernisse beiseite und laufen in verbotene Bereiche – meist abends oder an Wochenenden, wenn kein Arbeiter auf der Baustelle ist. Ertappte lamentierten, sie seien nunmal extra angereist und wollten den Blautopf unbedingt umkreisen.
Offiziell dürfte dies ab Anfang 2027 wieder möglich sein. Bis dahin soll zumindest der neue Rundweg fertig sein. Er ist dann der einzige Pfad an der Quelle. Die einst verzweigten Waldwege am hinteren Teil des Blautopfs werden renaturiert. Dies hat mit Sicherheitsgründen zu tun. Erst kürzlich rutschte ein Hang etwas ab und muss nun verstärkt werden.
Für die Vorderseite des Blautopfes gegenüber der Klosterkirche hat Kölle die frohe Botschaft, dass dort im Laufe dieses Monats die geplanten Sitzstufen am Ufer verbaut werden. Ein umstrittenes Projekt: Kritiker halten es für fragwürdig, weil in ihren Augen eine Absicherung zum Blautopf fehlt. Konzeptionell sollen die Stufen Menschen näher ans Wasser heranbringen.
„Die Arbeiten liegen im Wesentlichen im Zeitplan“
Kölle ergänzt, dass der gesamte südliche Uferbereich neugestaltet werde. „Die Arbeiten liegen im Wesentlichen im Zeitplan“, sagt die Bauamtsleiterin.
Trotzdem hat sich in Blaubeuren eine gewisse Unruhe erhalten. Dieses Unbehagen fasst Andrea Schneider-Yigit in Worte. Sie ist Pächterin des Steakhauses gleich beim Blautopf.
Natürlich seien ihre Einnahmen seit Beginn der Arbeiten zurückgegangen, berichtet sie. Dies könne verkraftet werden. Wesentlich mehr belastet sie anderes: „Die Stadt hat den Wirten und Gewerbetreibenden eine permanente Kommunikation über den Fortgang der Arbeiten versprochen. Da passiert gefühlt nichts.“ Im Rathaus will man diesen Vorwurf nicht gelten lassen. Jedenfalls: Gäbe es so eine Kommunikation, meint Schneider-Yigit, könne man aktuell und offensiv Werbung für einen Besuch machen.
Ihr wäre auch daran gelegen, neben Ausflüglern verstärkt Übernachtungsgäste nach Blaubeuren zu locken. Wie es in der Stadt unter der Hand heißt, gebe es in diesem Bereich Schwächen. Zahlen dazu sind zuletzt nicht veröffentlicht worden. Die Bilanz des Alb-Donau-Kreises weist knapp 600.000 Übernachtungen in dem Landkreis aus. Landrat Heiner Scheffold zeigt sich damit zufrieden. Der Tourismus sei „bei uns für eine Wertschöpfung von über 240 Millionen Euro jährlich“ verantwortlich, sagt der parteilose Kommunalpolitiker.
„Ach, so schlimm ist es auch nicht“
Welchen Beitrag Blaubeuren leistet, ist nicht ersichtlich. Bei der Werbung durch das städtische Tourismusbüro fallen jedoch zum Blautopf zwei Dinge auf: zum einen die Bilder, auf denen die Quelle in ihrer Schönheit ohne die gegenwärtige Baustelle gezeigt wird. Zum anderen wird die Sanierung thematisiert – in Form von Computeranimationen, die eine Vorstellung vom künftigen Blautopf-Areal geben.
Es gibt damit im Marketing Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart muss man offenbar mit eigenen Augen sehen. „Ach, so schlimm ist es auch nicht“, sagt Familie Kleinschmid zum Abschied am Blautopf noch. Sie haben sich mit den Bauzäunen und den Planen, dem Werkzeug und den Maschinen arrangiert. Außerdem quengeln die Kinder. Ihr neues Ziel: ein Kiosk in der Stadt. Pommes stehen auf dem Speiseplan.
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