Für einen Moment hat Renate Zimmermann die Orientierung verloren. Doch dann: der Eber! Die Bronzeplastik eines männlichen Wildschweins, mitten auf einem Kreisverkehr in Berlin. „Jetzt weiß ich wieder, wo wir sind“, sagt die 66-Jährige. Vor kurzem hatte sie dem „Wilden Eber“ schon einmal in die Augen gesehen, nur hatte sie ihn da von vorn – und nicht wie an diesem Tag von hinten – betrachten können. Auch ein schöner Anblick, befindet Zimmermann und macht ein Foto.
Das Bild wird sie später in ihren Blog laden, zusammen mit einer Beschreibung von Platz und Umgebung. Seit Januar verfasst die Rentnerin Einträge über ihr jüngstes Projekt: das gesamte Straßennetz Berlins abzuwandern. 11.500 Straßen, 5400 Kilometer, zwölf Bezirke, von West nach Ost. Warum macht sie das?
Seit 1989 wohnt die gebürtige Thüringerin in Marzahn-Hellersdorf
Die Sonne scheint, die Luft ist kühl. „Frisch heute“, meint Zimmermann und zieht den Reißverschluss ihrer blauen Sweatjacke hoch. Sie steht vor dem U-Bahnhof Dahlem-Dorf ganz im Westen Berlins. An diesem äußeren Zipfel ist Berlin auf einmal gar nicht mehr so wie Berlin. Laut, schmutzig, wuselig. Im Bezirk Steglitz-Zehlendorf reihen sich Einfamilienhäuser und herrschaftliche Villen aneinander. „Konservative, gut bürgerliche Gegend“, kommentiert Zimmermann. Ganz anders als in Marzahn-Hellersdorf, wo die 66-Jährige mit ihrem Mann seit über 30 Jahren wohnt. Auf geht‘s!
Seit Januar läuft die Rentnerin in dem Bezirk umher. Nicht kreuz und quer. Renate Zimmermann verfolgt einen strikten Plan. „Das Wichtigste ist, strategisch vorzugehen“, betont sie. Schließlich will sie in circa fünf Jahren alle Straßen der Stadt durchwandert haben. Und dabei keine Einzige vergessen. Mit Beginn ihrer Rente startete Zimmermann vor vier Monaten das ambitionierte Projekt. Zweimal in der Woche, dienstags und donnerstags, ist sie unterwegs. An den restlichen Tagen schreibt sie Blog-Einträge, bereitet Touren vor. „Mein Interesse an Berlin ist so groß wie die Stadt selbst.“ Natürlich, nach über drei Jahrzehnten, kenne die gebürtige Thüringerin viele Orte und Plätze. „Aber zu Fuß gewinne ich einen ganz anderen Blick auf die Menschen, die Gebäude, das Leben hier“, sagt sie und überquert den Vorplatz des U-Bahnhofs.
Mit einer App zeichnet sie ihren Weg auf ihrem Smartphone auf
Rein in den Franz-Grothe-Weg. Eine App auf ihrem Smartphone zeichnet die zurückgelegte Strecke auf. Über 600 Straßen hat Zimmermann schon gesammelt. Die Rentnerin geht zügig voran, schließlich will sie an diesem Donnerstag insgesamt 20 Kilometer zurücklegen. Am Ende des Weges bleibt sie stehen, wirft einen Blick auf die Karte. Das Wegenetz hat sie ausgedruckt. Franz-Grothe-Weg: abgehakt. Ein älterer Herr spricht sie an. Ob er auch gerne spazieren geht, will Zimmermann wissen. Er schüttelt den Kopf. Nur, wenn er muss, sagt er und lacht.
Es sind Begegnungen wie diese, die Zimmermanns Wanderungen besonders machen. Sie drückt dem Mann ihre Visitenkarte in die Hand. Die hat sie extra anfertigen lassen. „Ich bin die Bibliothekarin, die alle Straßen Berlins ablaufen will“, erklärt sie. Er sieht sie ungläubig an. „Na dann, viel Spaß.“
Die Bibliothek nahm einen großen Platz in ihrem Leben ein
Bibliothekarin: So stellt sich Renate Zimmermann auch auf ihrem Blog vor. „Eine Bibliothekarin läuft durch Berlin“, schreibt sie hier. Die Bibliotheken von Marzahn und Hellersdorf waren 35 Jahre lang ihr zweites Zuhause. Sie organisierte Lesungen, moderierte Gespräche, kümmerte sich um die Website, sogar einen eigenen Podcast entwickelte sie. Für Jugendliche richtete sie eine Schreibwerkstatt ein. Für die Mutter von zwei Söhnen war das nicht nur ein Job. Sondern eine Leidenschaft, eine Lebensaufgabe. Als klar war, dass sie mit ihrer Rente einen Großteil ihres Lebensinhalts verlieren würde, musste sie eine andere Beschäftigung suchen. Mit ihrem Mann ist sie schon immer gerne gewandert. Hexen-Stieg im Harz, Rennsteig in Thüringen, Schluchtensteig im Schwarzwald. „Mein Mann hat jetzt Knie“, sagt sie. Also wandert sie eben allein in Berlin umher.
In einem Magazin las sie einen Artikel über einen Mann, der alle Straßen New Yorks abgelaufen ist. „Das mache ich auch.“ So außergewöhnlich ist ihr Projekt gar nicht. Weltweit hat sich inzwischen eine Gemeinschaft gebildet, die es sich zum Ziel gemacht hat, alle Straßen in einer Stadt abzulaufen. Auf der Website CityStrides zum Beispiel tracken über 87.000 Menschen ihre Touren in über 100.000 Städten.
Auch Renate Zimmermann war schon mit Gleichgesinnten unterwegs. „Viele schreiben mir Nachrichten, sagen: Wenn ich mal in ihrer Gegend bin, soll ich auf einen Kaffee vorbeikommen.“ Neue Wege, neue Bekanntschaften. Was sie am Ende ihrer Reise mit den ganzen Bildern und Texten anstellen will? Vielleicht ein Buch, meint die 66-Jährige. So würde sich auch der Kreis zur Bibliothek schließen.
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