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Krieg in der Ukraine
27.04.2022

Fléchettes: Was steckt hinter Russlands grausamer Kriegsmunition?

Die Fléchette-Munition kann auch von Artillerie-Raketenwerfern abgefeuert werden.
Foto: Peter Steffen, dpa (Symbolbild)

Im Krieg in der Ukraine hat die russische Armee wohl Fléchette-Munition eingesetzt. Das weckt böse Erinnerungen – auch an den Ersten Weltkrieg.

Die Gräuel von Butscha sind zu einem der Symbole der Grausamkeit im Krieg in der Ukraine geworden. Nach und nach kommen immer mehr Kriegsverbrechen und brutale Handlungen ans Tageslicht, für welche die russische Armee verantwortlich sein könnte. Die neuesten Meldungen: Einige zivile Opfer in Butscha wurden offenbar von russischer Splittermunition getötet. Es wurden winzige Metallpfeile in Schädeln und Torsos gefunden. Zuerst berichtete das der Guardian. Doch was hat es mit der Munition auf sich?

Fléchette-Munition gilt als besonders grausam

Einige Bewohner von Butscha hatten in den vergangenen Wochen über spitze Pfeile berichtet – auch als der Ort noch von russischen Soldaten gehalten wurde. Nach den Untersuchungen wird nun deutlich: Es handelt sich um sogenannte Fléchette-Munition.

Diese Munition wird in bewaffneten Konflikten verhältnismäßig selten eingesetzt. Sie gilt als besonders grausam – vor allem, wenn sie gegen Zivilisten verwendet wird. International geächtet sind Fléchettes offiziell nicht. Daher ist ihr Einsatz auch kein Kriegsverbrechen. Sie wecken allerdings böse Erinnerungen.

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Fléchette-Pfeile: Erklärung und Einsatz im Ersten Weltkrieg

Die Munition erinnert an Miniatur-Dartpfeile. Die winzigen Metallspitzen haben eine Länge von rund drei Zentimetern. Am Heck sind kleine Flügel angebracht, die den Flug des Projektils stabilisieren. Der Name Fléchette kommt aus dem Französischen und fiel in der Militärgeschichte des Öfteren.

Video: AFP

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Grundidee in Italien entwickelt. Im Ersten Weltkrieg wurden dann sogenannte Fliegerpfeile zum ersten Mal verwendet. Damals wurden zentimeterlange Metallspitzen aus Flugzeugen geworfen, welche Helme von Soldaten durchschlagen sollten. Da die Trefferquote gering war, wurde allerdings auf Sprengbomben gewechselt. Die Idee der Fléchettes war jedoch geboren.

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Geschichte und Entwicklung der Fléchette-Munition

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Idee von tödlichen Pfeilen weitergesponnen. Im Vietnamkrieg wurde eine ähnliche Munition verwendet, bei der mehrere kleine Pfeile zum Einsatz kamen. Damals schossen Navy-Seals der USA teilweise Fléchette-Munition aus Gewehren. Pro Patrone konnten bis zu 40 Pfeile verschossen werden.

Gleichzeitig wurde die Pfeilmunition im Luftkrieg getestet. Unter dem Decknamen "Lazy Dog" entwickelten die Amerikaner eine Bombe, welche aus Pfeilen bestand, die 44 Millimeter lang waren. Die Bombe, die streng genommen gar keine war, bestand dann aus rund 17.500 Fléchettes. In der Luft öffnete sich ein Behälter und die Pfeile fielen dem Boden entgegen. Im Gegensatz zu anderen Sprengsätzen sehr leise.

Die "Lazy Dog" wurde auch als Artillerie- oder Panzergranate erprobt. So abgeschossen erreichten die Pfeilbomben der Amerikaner eine enorme Geschwindigkeit, welche der der Geschosse für Maschinengewehre nahekam. Die Munition konnte mehr als einen halben Meter tief in Sandboden eindringen.

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Kriegsverbrechen? Fléchettes fallen nicht unter Genfer Konvention

Die Munition, die nun in Butscha entdeckt wurde, scheint den Geschossen des Typs "Lazy Dog" zu ähneln. In einem Gefechtskopf der Granaten sollen rund 8.000 Pfeilchen stecken. Der Gefechtskopf explodiert nach dem Abschuss in der Luft und setzt die Fléchettes frei. Sie können ein Gebiet von wenigen hundert Metern erreichen und leicht in den menschlichen Körper eindringen.

Laut Neil Gibson, Experte für die Entsorgung von Sprengstoffen, sollen die Geschosse auf russische Artillerie zurückgehen. Sobald sie auf den menschlichen Körper treffen, verändern sie durch den Aufprall ihre Form oder brechen sogar entzwei. Panzern oder anderem militärischen Großgerät können sie nichts anhaben, sie zielen auf Menschengruppen ab, um einen möglichst großen Schaden anzurichten.

Obwohl in der Militärgeschichte gerade auch der Einsatz von Fléchettes gegen Zivilisten beobachtet wurde, fällt die Munition nicht unter die Genfer Konventionen. Ihr Einsatz gilt also derzeit nicht als Kriegsverbrechen. Menschenrechtsorganisationen kritisieren dies. Da die Fléchette-Munition in Butscha wohl gezielt gegen Zivilisten genutzt wurde, könnte es in Genf auch bald zu einem Umdenken kommen.

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