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Nato
22.06.2022

Halbinsel Kola: Warum Russland Angst um den wichtigen Militärstützpunkt haben könnte

Die arktische Tundra auf der Halbinsel Kola. Auf dieser gibt es einen wichtigen Militärstützpunkt von Russland.
Foto: Igor Podgornyi, dpa (Symbolbild)

Die Halbinsel Kola liegt auf dem Nördlichen Polarkreis. Die entlegene Region ist für Russland vor allem militärisch bedeutsam, was nun zum Problem werden könnte.

Die Halbinsel Kola ist im Westen kaum bekannt, was sich aber bald ändern könnten. Die Region, welche an Finnland und Norwegen angrenzt, könnte im Zuge eines Nato-Beitritts von Finnland in den Fokus rücken. Das hat mit einem wichtigem Militärstützpunkt Russlands und dessen Lage zu tun.

Wo liegt die Halbinsel Kola?

Die Kola-Halbinsel liegt im äußersten Nordwesten von Russland auf dem Nördlichen Polarkreis. Sie gehört zur Oblast Murmansk und grenzt im Nordosten und Norden an die Barentssee. Im Süden und Osten grenzt sie an das Weiße Meer und die Kandalakscha-Bucht, eine der vier größten Buchten des Weißen Meeres.

Die größte Stadt der Halbinsel Kola ist die nördlich gelegene Hafenstadt Murmansk, die rund 300.000 Einwohner hat. Die Besonderheit des Hafens von Murmansk ist, dass dieser wegen Ausläufern des Golfstroms im Winter eisfrei ist. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass in Murmansk ein enorm wichtiger Militärstandpunkt für Russland ist.

Video: dpa

Warum ist der russische Militärstützpunkt auf der Kola-Halbinsel so wichtig?

"Dort lagert ein beträchtlicher Teil der russischen Nuklearwaffen, darunter nukleare Sprengkörper und Raketen", erklärte Simon Koschut, Professor für Internationale Sicherheitspolitik an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, dem RND. Der Hafen von Murmansk steht dabei im Mittelpunkt. Der Grund dafür ist, dass dort der wichtigste U-Boot-Stützpunkt der russischen Nordmeerflotte liegt.

In Murmansk sind einige U-Boote beheimatet, welche über nukleare Waffen vefügen. Da es sich um den einzigen eisfreien russischen Hafen in der Arktis handelt, ist ein alternativer Stützpunkt kaum möglich. Das beschreibt die Bedeutung des Hafens schon recht gut. Vor allem die maritime Zweitschlagfähigkeit Russlands hängt daher unmittelbar mit der Halbinsel Kola zusammen. Fachleute der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) glauben, dass Russlands Reaktion auf einen atomaren Erstschlag zu zwei Dritteln von den U-Booten abhängt, die in Murmansk stationiert sind. Die Analyse der Stiftung: "Signal­charakter und spektakuläre Bilder schaffte die russische Marine im März 2021, als es erstmals dreien dieser Atom-U‑Boote gelang, im Abstand von wenigen hundert Metern unter dem anderthalb Meter dicken Eis auf­zusteigen und es zu durchbrechen."

Auf Kola soll Russland laut der SWP insgesamt sechs Brigaden stationiert haben. Jede von diesen verfügt über 4000 bis 5000 Soldaten. Deren Aufgaben sind Einsätze im größeren Arktisraum und die Verteidigung der Halbinsel. Auch Militärübungen finden auf Kola regelmäßig statt. Es gibt moderne Radaranlagen und Landebahnen. "Russland hat auf Kola in den vergangenen Jahren enorm aufgerüstet, auch weil die Arktis aufgrund des Klimawandels an geostrategischer Bedeutung stark gewonnen hat", erklärte Koschut.

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Die militärische Präsenz Russlands ist auf der Halbinsel Kola längst nicht auf U-Boote und Soldaten beschränkt. Auch zahlreiche strategische Langstreckenbomber der russischen Luftwaffe sind hier stationiert. Auf der Halbinsel befindet sich sogar die größte Ansammlung an Luftwaffen-Stützpunkten des russischen Militärs.

Warum könnte Russland Angst um Kola haben?

Die jüngsten Entwicklungen rund um die Nato rücken auch die Halbinsel Kola in den Mittelpunkt. Das liegt vor allem an ihrer Lage direkt an der Grenze zu Finnland, das in die Nato aufgenommen werden will. Murmansk ist mehr als 750 Kilometer von dem russischen Ort Medweschjegorsk entfernt, der die nächste Zivilisation bedeutet. Dazwischen befinden sich Tundra und Pinienwälder. Es gibt eine Eisenbahnlinie und eine Autobahn, welche von Kola zum russischen Festland führt. Das war es, was aus strategischer Sicht gefährlich für Russland ist.

"Diese Versorgungs­linien der Militäranlagen verlaufen bis nach Moskau und St. Petersburg und befinden sich sehr nah an der finnischen Grenze", machte Koschut deutlich. Teilweise liegt die wichtigste Straße nur 200 Kilometer von Finnland entfernt. Bedeutet: Werden Nato-Truppen an der Grenze zur Kola-Halbinsel stationiert, dann wären dieser der Autobahn sehr nahe. Durch einen Einfall könnte dann theoretisch die russische Versorgung der Militärinsel abgeschnitten werden. Dieses Szenario dürfte Russlands Präsidenten Wladimir Putin umtreiben.

Neben Finnland grenzt auch Nato-Mitglied Norwegen an die Halbinsel Kola. Allerdings ist das Land von den Versorgungslinien weit entfernt. Die Norweger machten aber immer wieder deutlich, dass sie sich durch das Nuklearwaffenarsenal Russland auf der Halbinsel bedroht fühlen.

Video: dpa Exklusiv

Wird es zu einer Provokation der Nato kommen?

Eine Verlegung von Nato-Truppen an die finnische Grenze bei der Kola-Halbinsel würde von Russland ebenfalls als Bedrohung und außerdem Provokation gesehen – so viel scheint nach den letzten Wochen und Monaten sicher. Offen ist hingegen, ob Finnland und Schweden nach einem Nato-Beitritt tatsächlich Truppen an die Grenze verlegen würden.

"Schweden und Finnland haben noch nicht entschieden, ob sie Waffensysteme der Nato oder eine permanente Stationierung auf ihrem Staatsgebiet zulassen", erklärte dazu Oberst Markus Reisner, Militärstratege vom Österreichischen Bundesheer, dem RND. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die beiden Länder eher auf Deeskalation in Richtung Moskau aus sind. „Denn Putin hätte ein Problem damit, wenn es zur Stationierung von Waffensystemen oder größeren Kontingenten von Soldaten auf finnischem Staatsgebiet kommt", glaubt Reisner. Ähnlich sieht es Sicherheitsexperte Kuschat: "Um Putin keinen Vorwand zu liefern, eine Aggression zu starten, wird es stattdessen voraussichtlich eine rotierende Truppenpräsenz geben."