Die Ampel springt auf Grün um und das Auto direkt vor uns bleibt einfach stehen. Was dann? Wie viele Sekunden verstreichen, bis sich das Hupkonzert einstellt und welchen Unterschied macht es, ob das stehende Auto eine alte Schrottkarre ist oder eine auf Hochglanz polierte Nobelkarosse? Das wollten die Psychologen Anthony N. Doob von der Universität Toronto in Kanada und Alan E. Gross von der Universität Wisconsin in den USA genauer wissen. Sie ließen ein Fahrzeug vor einer roten Ampel halten und schauten, was geschah, wenn der Fahrer nicht innerhalb der zwölf Sekunden andauernden Grünphase losfuhr, sondern einfach so lange stehen blieb, bis die Ampel wieder auf Rotlicht umsprang.
Beim Nobelschlitten sind die Fahrenden geduldiger
Die Ergebnisse der Versuchsreihe sind spannend. War das vor der grünen Ampel haltende Auto ein alter rostiger Wagen, dann wurde in dem direkt dahinter stehenden Fahrzeug in 84 Prozent aller Testdurchgänge mindestens einmal gehupt. Bei einem Luxusschlitten sah das ganz anders aus. Hier hupte nur jeder Zweite innerhalb von zwölf Sekunden wenigstens ein Mal. Auch die Zeit, die verging, bis die Autohupe überhaupt das allererste Mal betätigt wurde, unterschied sich. Hinter einem großen teuren Wagen waren die Fahrer im Durchschnitt rund zwei Sekunden geduldiger und begannen mit ihrem Hupkonzert im Schnitt erst nach etwa neun Sekunden.
Manche versuchen gar, das vor ihnen stehende Auto mit dem eigenen anzuschieben
Die beiden Psychologen schauten sich auch an, wer ungeduldiger war, Männer oder Frauen? In ihren Versuchsreihen zeigte sich, dass die Damenwelt circa zweieinhalb Sekunden länger wartete, bis sie das Horn betätigte. Interessant ist auch, dass einige Fahrer disqualifiziert werden mussten, weil sie versucht hatten, den stehenden Wagen mit ihrem Fahrzeug anzuschieben oder auch unter Zuhilfenahme der Gegenfahrbahn einfach daran vorbei gefahren waren.
Nun ist diese Untersuchung allerdings aus dem Jahr 1968 und somit schon über 50 Jahre alt. Inzwischen ist die Studie in die Geschichte der Psychologie eingegangen. In der Folgezeit machten sich Experten auf der ganzen Welt daran, eigene Nachforschungen zum Thema anzustellen. In den 1970er Jahren fanden Wissenschaftler beispielsweise heraus, dass schneller gehupt wurde, wenn das vor der grünen Ampel haltende Fahrzeug Hippies gehörte und mit Peace-Aufklebern sowie Blumenmotiven verziert war. In den 1980er Jahren ergaben amerikanische Untersuchungen, dass umso rascher auf die Hupe gestiegen wurde, je heißer den Fahrern im Sommer in ihren Fahrzeugen war. In den 1990er Jahren stellten Wissenschaftler aus Deutschland und der Schweiz fest, dass die Fahrer von hochwertigeren Fahrzeugen ungeduldiger waren und schneller hupten, wenn sie hinter einem Mittelklassewagen an der Ampel standen, als die Besitzer von günstigeren Autos. In den 2000er Jahren zeigte sich in einer Schweizer Studie, dass hinter einer Luxuskarosse tendenziell eher schneller gehupt wurde. Ähnelten sich die Fahrzeuge hingegen, legten die Fahrer eine größere Geduld an den Tag.
Andere Länder, schnelleres Hupen - in Indien ist es am schlimmsten
Die USA, Deutschland und die Schweiz sind allerdings nicht gerade Länder, in denen außergewöhnlich viel gehupt wird. Ganz anders sieht das in Italien, Ägypten oder Indien aus. In Indien ist es teilweise so schlimm, dass die Polizeidirektion der Millionenmetropole Mumbai im Jahr 2023 mit dem 9. August und dem 16. August zwei hupfreie Tage ins Leben gerufen hat, um das Bewusstsein für die alltägliche gesundheitsgefährdende Lärmverschmutzung in der größten Stadt Indiens zu schärfen. Zuvor hatten mehrere Untersuchungen ergeben, dass der ohnehin unerträgliche Großstadtlärm Indiens allein durch das Hupen um bis zu 5 Dezibel lauter wurde. Hierbei ist anzumerken, dass eine Erhöhung des Schalldruckpegels um 10 dB (A) wie eine Verdopplung der Lautstärke wahrgenommen wird und 5 Dezibel somit eine ganze Menge sind.
In manchen Ländern gibt es eine „Sprache des Hupens“
Aber warum wird eigentlich so viel gehupt? Während bei uns die Hupe eingesetzt wird, um auf Gefahren hinzuweisen, Frust abzubauen oder auch einfach nur, um andere Verkehrsteilnehmer vermeintlich zu belehren, vielleicht noch, um Freunde kurz zu grüßen oder sich bei ihnen zu verabschieden, so wird die Hupe in anderen Ländern für vieles mehr genutzt. Mancherorts hat sich ein regelrechte Sprache des Hupens herausgebildet, die über ganz eigene Codes verfügt, die in jedem Land anders sein können.
Vor allem in den südlichen Ländern Europas drückt man mit Hilfe der Hupe auch gerne mal ein Lebensgefühl aus. Da wird hupend ein schöner Tag gewünscht, sich gefreut und „Danke“ gesagt, einfach nur „Hallo“ gerufen oder sogar geflirtet, aber auch geschimpft und sich beschwert.
Wer nicht hupt, wird nicht zur nächsten Party eingeladen
Jathla A. Mahmood hat an der Universität Al Iraqia in Bagdad noch weitere Gründe zusammengetragen, aus denen die Menschen in den unterschiedlichsten Ländern hupen. Den Nachforschungen der irakischen Kommunikationswissenschaftlerin zufolge sei das Hupen auf Jamaika gar zu einer Zweitsprache geworden und wer auf Barbados das Hupsignal von Freunden nicht erwidere, werde nicht zur nächsten Party eingeladen. In Indonesien habe der, der zuerst hupe, Vorfahrt, und in Peru würden rote Ampeln mit anhaltendem Dauerhupen überquert. In Thailand müssten die vielfältigen Hupsignale unbedingt richtig gedeutet werden, denn ansonsten überlebe man auf der Straße „keine zwei Minuten“.
Manchmal bedeutet Hupen auch einfach nur: Ich bin der Stärkste!
Die nonverbale Kommunikation mittels Hupe erfreue sich auch in Ägypten überaus großer Beliebtheit und nicht nur in Kairo werde beim Kauf eines Autos erst einmal eine lautere Hupe eingebaut, hat Jathla A. Mahmood herausgefunden. Last but not least habe sich in Indien eine regelrechte Hupkultur herausgebildet, auch wenn ein Hupsignal dort manchmal nur bedeute: „Ich kann ohnehin machen, was ich will, weil ich groß und massig bin.“
Unter dem Strich zeigt sich also, dass es beim Hupen nicht nur um Frustration, Stressabbau und Aggression geht, sondern dass ein ausgiebiges Hupkonzert sehr viel mehr sein kann als nur das. Na, dann kann der nächste Stau doch kommen.
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