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Interview
16.05.2022

Experte zum letzten ESC-Platz für Deutschland: „Das Problem ist oft der Akzent“

Malik Harris versucht es mit „Rockstars“ – und landete beim ESC 2022 für Deutschland auf dem letzten Platz.
Foto: Jens Büttner, dpa

Wieder landet Deutschland beim ESC ganz hinten. Was läuft da schief? Ist es das Image, sind es die Songs? Wie wäre es mit Blasmusik? Ein Musikexperte klärt auf.

Herr Professor Wickström, als gebürtiger Norweger dürfen Sie ganz neutral sein: Laufen in Schweden die besseren Sängerinnen und Produzenten herum als in Deutschland?

David-Emil Wickström: Das definitiv nicht. Aber Schweden hat eine Sonderposition im internationalen Musikmarkt. Es gibt dort seit den 1970er Jahren eine starke Pop-Songwriting-Tradition. Die musikalische Förderung und die Englisch-Kenntnisse sind gut. Aber auch Deutschland hat starke Songwriter.

Nur kam Schweden bei den vergangenen zehn Eurovision Song Contests (ESC) achtmal unter die Top Ten, während Deutschland dreimal Vorletzter wurde und dreimal Letzter – wie auch jetzt. Was läuft da schief?

Wickström: Es gibt vier Hauptgründe. Zum einen ist Deutschland Teil der „Big Five“, der fünf Länder, die automatisch für das Finale gesetzt sind. Dazu zählt neben Italien auch Frankreich, das seit 1977 nicht mehr gewonnen hat, Spanien seit 1969, Großbritannien seit 1997. Deutschland holte 2010 den Titel mit Lena, steht also wesentlich besser da. Ich habe das Gefühl, die Motivation zu gewinnen ist in diesen Ländern etwas geringer, weil sie gesetzt sind. Zweitens schaut man in Deutschland nicht, was international angesagt ist. Drittens geht Deutschland keine Experimente ein: keine folkloristischen Beiträge wie aus der Ukraine oder Moldawien in diesem Jahr, auch kein Kitsch wie aus Norwegen oder etwas Bizarres wie aus Serbien.

Und viertens? Seit der Jahrtausendwende haben 16 englische Beiträge gewonnen. Deutschland sang seit 2007 nicht mehr auf Deutsch. An der Sprache kann es also nicht liegen.

Wickström: Aber an der Aussprache. Das Problem ist immer wieder der deutsche Akzent. Bis in die 1990er musste man beim ESC in der Landessprache singen. Ich finde das schon spannend. Ich glaube nicht, dass das den Sieg ausmacht, aber ein deutscher Song oder sogar einer im Dialekt würde eine andere Klangfarbe reinbringen als schlechtes Englisch. „Reise nach Jerusalem – Kudüs’e Seyahat“ von Sürpriz 1999 ist dafür ein gutes Beispiel. Da war Türkisch, Deutsch, Englisch und noch etwas Hebräisch im Text. Der Song erreichte Platz drei.

Kulturelle Identitäten scheinen beim ESC doch kaum mehr eine Rolle zu spielen. Inzwischen zählt doch viel mehr: Was ist am radiotauglichsten?

Wickström: Es war immer ein Spagat zwischen diesen beiden Strömungen. Der ESC war nie reine Chartmusik. In den 2000ern gab es eine Folklore-Welle. Die Sieger der jüngsten Jahre waren dann alle mehr im Mainstream-Pop-Rock-Bereich. Es geht hin und her.

2017: Levina startet mit „Perfect Life“ für Deutschland – vorletzter Platz.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Vorhin sagten Sie, Deutschlands Beiträge seien nicht modern genug. Was ist denn gerade angesagt?

Wickström: Latin. Der Dembo-Beat ist immer noch sehr präsent, auch wenn der Hit „Despacito“ schon wieder ein paar Jahre her ist. Und Pop-Songs, die gut grooven, mit einer tollen Stimme schnell zum Refrain kommen und mit aktuellen Beats und Sounds ausgestattet sind. Deutschland traut sich nicht, diese Moden zu übernehmen. Es bleibt immer bei Singer-Songwritern, die dann gegen die großen Balladen oder Rockstücke blass aussehen.

Spielt der Vorentscheid eine Rolle für das schlechte Abschneiden? Sollte man nicht einfach beliebte Stars hinschicken – Cro oder Die Toten Hosen etwa?

Wickström: Das hat Russland zuletzt lange gemacht und war damit meist unter den Top Fünf. Es wäre eine Möglichkeit. Aber auch, wer in den Vorentscheid kommt, ist spannend. Malik war der einzige Beitrag, der da nach ESC-Song geklungen hat.

Wie fanden Sie den Schlusslicht-Song von Malik Harris denn?

Wickström: Im Vergleich zu den anderen war es einfach blass. Der Song an sich ist okay. Ich fand auch den Wechsel zwischen Gesang und dem Rap-Zwischenteil, in dem Emotionalität aufgebaut wurde, gut – und auch die Idee, mit einer Loop-Station zu arbeiten. Nur: Das Playback passte nicht. Da kamen am Ende Orchesterstreicher und ein Schlagzeugbeat, den er nicht selbst live eingespielt hat. Was er auf der Bühne machte, schnitt sich mit dem, was im Playback lief. Die anderen Titel hatten einfach mehr Kraft. Und auch besseres Songwriting.

Seit Jahren wird der ESC wegen des Punktegeschachers kritisiert. Das schwedische Publikum ruft für Norwegen an, das zypriotische für Griechenland, die Serben für Russland. Sind Deutschlands Nachbarn zu unsolidarisch?

Wickström: Na ja, von den insgesamt sechs Punkten kamen jeweils zwei Gnadenpunkte aus Österreich und der Schweiz. Allgemein spielt das beim Publikum schon noch eine Rolle, auch in diesem Jahr. Lettland bekam von Litauen und Estland viele Punkte. Schweden aus Skandinavien und dem Baltikum, Serbien von den Nachbarländern. Aber bei der Fachjury war das weniger der Fall.

Deutschland ist also nicht der Buhmann in Europa, es schickt einfach nur schlechte Beiträge zum ESC?

Wickström: Das würde ich so sagen.

Gegenvorschlag: Nächstes Jahr dann zwölf Punkte für Kölschrock oder bayerische Blasmusik?

Wickström: Man könnte es ja mal probieren (lacht). Der Act muss es einfach klar durchziehen und mit einem ironischen Unterton versehen. „Wadde hadde dudde da“ von Stefan Raab bleibt immer noch im Ohr. Guildo Horn auch. Oder Dschingis Kahn. Die waren alle erfolgreich. Deutschland müsste diesen Kitsch-Charakter noch mal reinbringen und sich nicht ganz so ernst nehmen.

Zur Person: David-Emil Wickström ist Professor und Experte für Popmusikdesign und Weltmusik an der Popakademie Baden-Württemberg.

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17.05.2022

Das Problem ist eher, dass uns die Politik der letzten 17 Jahre in ein schlechtes Licht gerückt hat. Und das weltweit. Die Quittung bekommt leider unser Sänger beim ESC ab.

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