Herr de Angelo, was ist für Sie der Sinn des Lebens?
NINO DE ANGELO: Das ist für mich das Leben an sich. Nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Es würde mir sehr missfallen, mit einem Vermögen ins Grab zu steigen.
Sie gehen sehr offen mit Ihrer Lungenerkrankung COPD um. Wie hat sich dadurch Ihr Blick auf die Endlichkeit des Lebens und Ihre Karriere verändert?
DE ANGELO: Wenn man das nüchtern betrachtet, ist es ja so, dass man durch COPD und meine anderen Krankheiten ungefähr 15 Jahre weniger zu leben hat. Jetzt gehe ich mal optimistisch von 90 Jahren aus, ziehe 15 ab und bin bei 75. Dieses Jahr werde ich 63, da hätte ich zwölf Jahre, die mir bleiben. Deswegen ist mein Fokus ganz klar auf das Leben gerichtet.
Von Ihnen ist das Zitat überliefert: „Ich denke jeden Tag an den Tod.“ Ist das für Sie eher belastend oder befreiend?
DE ANGELO: Eigentlich eher befreiend. Denn so fällt mir das Loslassen leichter. Wir wissen alle nicht, wann uns die Stunde schlägt. Das kann von heute auf morgen passieren. Für mich ist es befreiend zu sagen: Hier lebe ich jetzt, und wenn es morgen vorbei ist, dann habe ich nichts verpasst.
Sie haben bereits schwere gesundheitliche Krisen überlebt: Leukämie, drei Bypässe im Herz, COPD, massive Alkoholeskapaden.
DE ANGELO: 2016 haben mir die Ärzte nur mehr fünf Jahre gegeben. Das sieht heute besser aus. Dass ich mich stabilisiert habe, ist meiner letzten Beziehung zu verdanken. Denn ich bin aus der Großstadt raus und in ein kleines Dorf im Allgäu (Wertach, die Red.) gezogen. Hier wohne ich auf einem Reiterhof total autark und unbeschwert. Ich brauche allerdings eigentlich ein anderes Klima, deswegen werden meine Partnerin Simone und ich bald nach Italien ziehen – an die Grenze zwischen der Toskana und Umbrien. Und zwar mit Sack und Pack: mit Pferden, Hunden und Katzen. Da wollen wir unseren Lebensabend genießen.
Ziehen Sie auf ein großes Grundstück?
DE ANGELO: Das ist eine richtige Wohlfühloase. Wir haben da dann für die Pferde drei Hektar Weiden, auf denen sie herumspringen können. Es gibt 1000 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf sechs Wohneinheiten. In die größte ziehen wir selbst – und zwei oder drei können wir vermieten. Da könnte ich auch Songwriter-Camps machen oder die Räume an Fans vermieten, die gerne mal mit mir zusammenleben wollen. Es soll aber keine Gastronomie werden, sondern eine reine Vermietung. Es gibt zudem einen großen Swimmingpool. Nur versorgen muss sich jeder selbst.
Wann wollen Sie dorthin ziehen?
DE ANGELO: Wir wollen es dieses Jahr noch kaufen. Man kann da übrigens auch heiraten. Vielleicht heirate ich auch selbst nochmal – aber erst kurz vorm Tod, denn noch eine Scheidung will ich ausschließen.
Wie haben Sie immer wieder die Kraft gefunden, aus allem Schlamassel aufzustehen?
DE ANGELO: Das ist der eigene Wille. Ich gebe nicht gerne auf. Und wenn man auf jemanden trifft wie meine Partnerin Simone, die zu tausend Prozent hinter mir steht, dann ist das ein Segen. Ich kenne das Leben, seitdem ich 14 bin: Ich hatte mit 15 meinen ersten Plattenvertrag, es ging oft rauf und runter. Und wenn es runtergeht, wollen plötzlich viele nichts mehr mit einem zu tun haben. Ohne Simone hätte ich nie ein Comeback geschafft.
Ihr aktuelles Album handelt wieder vom Gesamtkunstwerk Leben und heißt darum folgerichtig „Vivi la Vita“. Es enthält Neuproduktionen von Klassikern wie „Azzurro“ oder „Gente di mare“. Was unterscheidet die Stimmung dieses Albums von Ihrer früheren Italo-Platte „Un Momento Italiano“ aus dem Jahr 2004?
DE ANGELO: Auf dem ersten Album habe ich alle meine Lieblingslieder gesungen. Damals klang ich aber komplett anders. Ich musste heute viele Lieder nach unten transponieren. So klingen sie wieder sehr authentisch. Ein paar Songs habe ich ausgetauscht, weil ich versucht habe, die Leute abzuholen. Ich habe nach den Lieblingshits der Deutschen gegoogelt, das waren Stücke wie „Azzurro“ oder „Caruso“ von Lucio Dalla. Die habe ich beispielsweise neu reingenommen. Die Produktion ist hochwertig mit Live-Instrumenten. Die ist wirklich toll geworden. Und ich kann mit diesem Repertoire nun europaweit auftreten.
Neben den Covernummern gibt es zwei neue Songs, darunter ein Duett mit Marina Marx. Wie kam es dazu?
DE ANGELO: Ich habe die Marina ja musikalisch quasi adoptiert. Sie war schon auf meiner letzten Tour dabei, und ich versuche ihr meine Erfahrung weiterzugeben. Sie wohnt bei mir sozusagen um die Ecke in Laupheim (Kreis Biberach, die Red.). Ich habe sie vor drei, vier Jahren kennengelernt und sie direkt ins Herz geschlossen. Gemeinsam haben wir für dieses Album „Bella italia e amore“ geschrieben.
Medienberichten zufolge ist „Vivi la Vita“ das erste Album, das Sie unabhängig von großen Plattenlabels veröffentlichen. Ist das richtig?
DE ANGELO: Ja, das ist die erste Produktion auf meinem eigenen Label. Ich bin jetzt Unternehmer, Verleger, Produzent, Songschreiber, Texter, Veranstalter. Ich glaube, ich habe noch nie so viel gearbeitet in meinem Leben. Ich hoffe, es lohnt sich.
Weil so einfach mehr Geld aus dem Geschäft bei Ihnen bleibt?
DE ANGELO: Tatsächlich greifen viele im Musikgeschäft eine Menge Geld ab. Jetzt bleibt mir am Ende dreimal so viel, wie wenn man unter Vertrag steht. Bei den sinkenden Verkäufen rechnet sich das auch. Denn selbst, wenn man nur die Hälfte verkauft, hat man mehr verdient als beim Major-Label. Und sollte es mal richtig scheppern, dann hat man ausgesorgt.
Welche Freiheit bedeutet das für Sie als Künstler?
DE ANGELO: Absolute Freiheit. Ich habe doch auch keine Lust mehr, dass mir Leute drein quatschen. Das mochte ich nie. Denn ich habe meine Karriere, wenn man es genau nimmt, selbst aufgebaut. Ich habe den Plattenfirmen schon früher gesagt, welche Titel man auf ein Album nimmt. Das, was die Plattenfirmen mit mir machen wollten, war nie erfolgreich.
Zur Person
Nino de Angelo, 1963 in Karlsruhe als Domenico Gerhard Gorgoglione geboren, ist nach wie vor bekannt für seinen größten Hit „Jenseits von Eden“ von 1983. Das Album „Vivi la Vita“ erscheint an diesem Freitag. Dann startet auch die gleichnamige Open-Air-Tour.
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